Christian Petzold: Polizeiruf 110 – Kreise (ARD/BR)

Das Dahrendorfhäuschen der alten Republik

28.06.2015 •

Im Jahr 1965 – 1964 wurde der Markenname „Nutella“ erfunden – veröffentlichte der Soziologe Ralf Dahrendorf das Buch „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“, in dem er die westdeutsche Gesellschaft in sieben Schichten einteilte: die Elite, die Dienstklasse, die Mittelschicht, die Arbeiterschicht, der falsche Mittelstand, die Arbeiterelite und die Unterschicht. Aus diesen sieben Schichten setzte sich das sogenannte Dahrendorfhäuschen zusammen, eine Grafik, die zeigt, wie die Schichten zueinander geordnet sind – die Elite sitzt auf dem Dachfirst, die Unterschicht hockt im Keller. Es gibt keine Türen und Fenster in diesem Häuschen, aber die Wände sind durchlässig, wer nach oben, nach unten oder zur Seite will, der muss sich durcharbeiten, Löcher bohren, sich geschmeidig machen oder hart bleiben. Man muss Bohrer sein, Wurm oder auch Luftzug.

Von diesen Anstrengungen, seinen Raumkreis zu verlassen, den angestammten Platz, die soziale Herkunft, erzählt Christian Petzolds Krimi „Kreise“ aus der Reihe „Polizeiruf 110“. Der Drehbuchautor und Regisseur war schon immer an sozialen Stratifikationen interessiert, am Gefühlsraumgewebe, am Raumgefühl der alten Bundesrepublik. Und obgleich dieser „Polizeiruf“ (der wegen eines ARD-„Brennpunkts“ zur Griechenland-Krise 15 Minuten später begann als üblich) in der Gegenwart spielt, ist er ein Film über die Vergangenheit, die nicht vergeht, ein Film über die alte Bundesrepublik und ein Film über die Sehnsüchte, die die in den sechziger Jahren geborenen Alterskohorten in sich tragen.

Petzolds literarisch-soziologischer Blick prägt diesen Münchner „Polizeiruf“ dann auch stärker als die Gesetze des Genres. Die Figur des Hanns von Meuffels passt gut zu diesem Ansatz, denn dieser Kommissar war bislang eine Art lyrisch-melancholischer Vagabund, einer, der nicht im Polizeiapparat geborgen war oder in einer schwitzigen Männerkumpanei (wie etwa Schimanski und Thanner). Der von Matthias Brandt gespielte von Meuffels vagabundiert durch Fälle, Formen und Stile und jeder Regisseur hat dem deutungsoffenen Adligen eine eigenwillige Geschichte zum Studium aufgegeben. Von Meuffels blieb immer draußen, ohne Freund, Frau, ohne Rang, er ist, für Autoren und Regisseure, ein herrliches Spielzeug, weil er – wie eine Black Box – immer gefüllt werden will und man nie weiß, was dabei herauskommt.

Das Nachdenken aber darüber, was in dieser Figur vor sich geht, ist ein eigener Film, die Belichtung in diesem lichtlosen Mann eine vielschichtige. Auch diese Münchner „Polizeiruf“-Folge (Produktion: Claussen+Putz) ist wieder konzentriert und knapp: kaum Personal, ein Dreieck, nur drei Figuren, die ausführlicher bedient werden. Keine großen Bilder, keine dramatischen Aufsprengungen, keine Pistolen, keine Gerichtsmedizin, keine Schüsse, keine wilde Fahrten. Obwohl der Krimi den Zuschauer raten lassen will, wer der Täter ist, muss man nicht lange raten, denn als Täter kommt nur einer in Frage.

Die Chefin eines mittelständischen Möbelunternehmens wird ermordet aufgefunden, erwürgt, kurz bevor sie das Unternehmen – gegen den erklärten Willen der Belegschaft – sehr gewinnbringend an einen ausländischen Investor veräußern wollte. Der Hass aller Angestellten war ihr sicher. Bald wird ihr Mann Peter Brauer (Justus von Dohnányi) belastet; eine Zeugin will ihn bei der Tat gesehen haben, als der Zug, mit dem sie nach Hause fuhr, langsam jene Lichtung passierte, wo die Tote gefunden wurde. Brauer, ein genialer Möbeldesigner, hatte die nahezu bankrotte Firma mit seinen kühnen und schönen Ideen wieder in die Erfolgszone geführt.

Es folgt Verhör auf Verhör, es folgt Gespräch auf Gespräch. Die Kamera von Hans Fromm ist emphatisch, sie legt den Wortwechseln keine visuellen Steine in den Weg. Von Meuffels verhört Brauer, von Meuffels spricht und theoretisiert mit Constanze Hermann (Barbara Auer), einer Kollegin, die ihm aus dem hohen Norden an die Seite geweht wurde und die zuletzt genauso luftgleich und leicht wieder davonschwebt, ohne dass ihr Kommen und Gehen in besonderer Weise begründet worden wäre.

Dafür werden die Gefühlswerte zwischen von Meuffels und Kollegin Hermann stärker exponiert, obgleich dieses Liebesdrama ein ganz stilles, ein nahezu wortloses ist, ganz anders als die aufwühlende Liebesballade in der „Morgengrauen“-Folge dieses Münchner „Polizeirufs“ (vgl. FK 35-36/14). Die Emotionen werden diesmal fast nur über Blicke gebaut, Blicke, auf denen der Zuschauer wie auf einer M.C.-Escher-Treppe in vertrackte Sehnsuchtsgewölbe hinabsteigen kann. Es ist sicher kein Zufall, dass die Schauspieler alle um 1960 geboren sind (Brandt 1961, Auer 1959, von Dohnányi 1960) und auch Petzold (1960) trägt diesen natalen Prägestempel. Die Dialoge zwischen den dreien Protagonisten suchen also nicht nur den Täter, sie suchen auch die verlorene Zeit und die verschwundenen Gefühle, und sie fragen sich alle miteinander, wie sie wurden, was sie sind.

Es wird sicher Zuschauer geben, die dieses elegische Tasten, diese Inventur des inneren Geländes nicht fesselnd finden; doch ebenso sicher ist, dass viele Zuschauer dankbar sind, dass dieser Krimi sich dem normalen Krimizuschnitt verweigert und versucht, aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen, Motive und dramaturgischen Bögen auszubrechen. Der Film (7,92 Mio Zuschauer, Marktanteil: 25,7 Prozent) mäandert zwischen Miniatur-Essays, in denen die Prägestempel der Kindheit gemustert werden. Da werden Essays über Modelleisenbahnen (Märklin oder Fleischmann), über das Verschwinden der Jukebox, über Möbellinien oder französische Filme gesprochen, geatmet. Manchmal – es wird viel im Auto philosophiert – fühlt sich das an wie bei „True Detectives“, manchmal denkt man an skandinavische Seelenverfinsterungen, manchmal denkt man an Handke und sein Ohr für die Dinge.

Klar, Matthias Brandt und Barbara Auer liebt man ohnehin schon, aber wer Justus von Dohnányi noch nicht liebt, bekommt hier Gelegenheit, ihn lieben zu lernen. Seine Figur ist zerrissen, sie leidet an Status- und Seeleninkonsistenzen, an milieuerworbenen Unverträglichkeiten, seine Träume passen nicht zum Geld, das Geld passt nicht zum Traum, Gefühle fressen Träume und Geld und schließlich alles kaputt. Dieser Mann, der sein Leben als Modell entwirft und baut, bevor er es zu leben wagt, das ist klar, will zuletzt von Kommissar von Meuffels verhaftet werden, er will aber auch gehört werden, denn gehört werden, wahrgenommen werden, heißt auch verstanden, ja, vielleicht sogar erlöst werden.

Von Dohnányi hat zarteste Tiefentöne für diese Figur, er ist perfide und betrügerisch, zugleich aufrichtig, er kann jederzeit Brutalitäts- und Gewaltmomente herstellen, er spielt all die Anstrengungen, die es kostet, die Wände eines Hauses porös zu leben, mal Bohrer, mal Luftzug zu sein; mal ist er Künstler, mal Mörder, Handwerker und Träumer. Er wandert ruhelos und ohne festen Halt durchs Dahrendorfhäuschen der alten Republik und die zwei Ermittler begleiten ihn durch alle Räume, auf den First, in den feuchten Keller, auf den Dachboden, weil sie wissen, dass sie eher Verlorene sind als Gefundene.

28.06.2015 – Torsten Körner

Print-Ausgabe 1-2/2019

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