Christian Jeltsch/Kai Wessel: Die verlorene Tochter. 6‑teilige Serie (ZDF)

Biedere Familienaufstellung

20.02.2020 •

Am Rande einer Schulparty verschwindet die 16-jährige Isa von Gems (Henriette Confurius), Tochter einer lokalen Brauerei-Dynastie, unter ungeklärten Umständen. So unerklärlich wie ihre Abwesenheit ist Isas unerwartete Rückkehr zehn Jahre später. Wo war die junge Frau? Was hat sie gemacht? Was ist geschehen? Ihre Familie, die Polizei, Freunde und Freundinnen sowie ein Lehrer ihrer damaligen Schule werden auf der Suche nach Antworten mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert, die lange unter Verschluss gehalten wurden.

In der sechsteiligen Serie „Die verlorene Tochter“ nach einem Buch des Vielschreibers Christian Jeltsch rollt Regie-Routinier Kai Wessel die Geschichte um eine rätselhafte junge Frau auf, die anscheinend unter einer traumatischen Amnesie leidet. Der Rückblick auf die besagte Schulfeier, mit dem jede der sechs 45-minütigen Episoden beginnt, eröffnet aus der Sicht einer jeweils anderen Figur eine neue Perspektive auf den Fall, in den etwa ein Dutzend Verdächtige mit verschiedenen Motiven verwickelt sind, die von Eifersucht über Geldgier und verbotene Liebe bis zur Konkurrenz unter Frauen reichen.

Die Geschichte wechselt dabei im Wesentlichen zwischen drei familiären Konfliktfeldern. So hatte sich der Polizist Peter Wolff (Götz Schubert) bei den Ermittlungen vor zehn Jahren so sehr verrannt, dass er in den Alkohol abstürzte, vom Dienst suspendiert wurde und sich nun als Werkschützer verdingen muss. Sein Sohn Robert (Max von der Groeben), der mit Isa seinerzeit durchbrennen wollte, von ihr aber, wie er glaubt, versetzt wurde, hat eine Familie mit einer anderen gegründet, die er nicht liebt. Durch die Rückkehr seiner Traumfrau stellt Robert nun sein bisheriges Leben in Frage.

Unterdessen hadert im schlossartigen Ambiente der Brauerei-Familie der verbissen dreinschauende Brauerei-Besitzer Heinrich von Gems (Christian Berkel) mit seiner fremdgehenden Frau Sigrid (Claudia Michelsen), seiner großbürgerlichen Mutter Lore (Hildegard Schmahl) und seinem missratenen Sohn Philipp (Rick Okon), der, aufgehetzt von seiner intriganten Gattin (Emily Cox), die einen übertriebenen Cowboyakzent spricht, den Betrieb heimlich an einen Großinvestor zu verkaufen versucht. Nicht ganz zu Unrecht verglichen spöttische Kritiker der Serie die bieder gezeichnete Familienaufstellung mit den hölzernen Edgar-Wallace-Krimis.

Mit imposanten Aufnahmen von der Edertalsperre und dem dekorativ in Szene gesetzten mittelhessischen Schloss Rauischholzhausen setzt die Serie immerhin visuelle Akzente. Zumindest anfangs. Denn durch die regelmäßige Wiederkehr der immergleichen Motive dominiert bald ein Soap-Opera-Eindruck, der sich durch die plakativ agierenden Charaktere noch verstärkt. Das gilt insbesondere für die Titelfigur der „verlorenen Tochter“. In dieser Rolle agiert Henriette Confurius tatsächlich ziemlich verloren.

Sie muss eine Frau ohne Gedächtnis spielen, deren Amnesie als Aufhänger eines Kriminalfalls dient, dessen logische Defizite die Spannung in dieser Geschichte allmählich absorbieren. Anscheinend wurde Isa vor zehn Jahren missbraucht. Sie weiß aber nicht, von wem. Was genau die junge Frau weiß und was nicht, wo genau sie war und wie sie sich in der Zwischenzeit ihre neue Identität zulegte – all das lässt die Serie auf unbefriedigende Weise in der Schwebe.

Nun also ist sie zurück, um herauszufinden, wer ihr Peiniger war und mit wem der Täter (oder waren es sogar mehrere?) unter einer Decke steckt. Im Zuge ihrer schizophrenen Schübe taucht dabei regelmäßig ihr zweites Ich auf (gespielt ebenfalls von Henriette Confurius), um sukzessive zu enthüllen, dass Isa in Wahrheit ein böses Mädchen war. Sie erpresste nicht nur den eigenen Großvater mit einem gefaketen Sexfoto, sondern sie nutzte offenbar auch ihre weiblichen Reize aus, um Mitschülern und Männern reihenweise den Kopf zu verdrehen.

Besonders diese Wendung ist problematisch. So kann Isa sich nicht daran erinnern, dass der Sportlehrer Sven (Alexander Wüst) sie – möglicherweise – missbrauchte. Sie hat aber eine Ahnung und tritt, was nicht glaubwürdig ist, ihrem mutmaßlichen Peiniger gegenüber, um ihn zur Rede zu stellen. Der Lehrer, ein überzogenes Beispiel toxischer Männlichkeit, rechtfertigt seinen mutmaßlichen Übergriff als einvernehmlichen Sex – und zwar mit derselben Erklärung, die Isas zweites Ich bereits gab: Ihr unbewusstes Selbst legte nahe, dass das böse Mädchen durch sein aufreizendes Verhalten, das es als 16-Jährige an den Tag legte, am Ende an seiner Vergewaltigung selbst Schuld gewesen sein könnte. Und wenn diese Wendung für die Auflösung des Dramas so wichtig ist, warum bleibt der monströse Sportlehrer dann eine so schattenhafte Figur?

Die anfangs ambitioniert anmutende Serie (Produktion: X Filme Creative Pool) enttäuscht im weiteren Verlauf nicht nur aufgrund ihrer konfusen Dramaturgie. Nicht gelungen ist zudem die Einbindung der zentralen Thematik. Keine Szene vermittelt das Gefühl, dass es hier um eine alt eingesessene Bauerei-Dynastie geht. Bei alldem bleiben auch hochkarätige Darsteller blass. Claudia Michelsen kann ihre Klasse nicht zeigen, Götz Schubert als gebrochener Polizist wirkt seltsam eindimensional. Und wenn ein Charakterkopf wie Christian Berkel als souverän auftretender Patriarch einen Banker verprügelt, der – Gipfel der Unglaubwürdigkeit – im Rahmen einer gut besuchten Familienfeier die Tochter des Hausherren vor aller Augen zu vergewaltigen versucht, so ist dies nur einer von zahlreichen Momenten, in denen die Einfallslosigkeit des Drehbuchs offenbar wird.

So vermochte „Die verlorene Tochter“, vom ZDF als „Event-Serie“ annonciert, alles in allem nicht zu überzeugen. Dennoch sorgte die Produktion für gute Quoten: Die einzelnen Folgen hatten zwischen 5,73 Mio und 4,31 Mio Zuschauer, die Marktanteile lagen zwischen rund 18,5 und 13,7 Prozent.

20.02.2020 – Manfred Riepe/MK