Christian Jeltsch/Barbara Kulcsar: Tatort – Neugeboren (ARD/Radio Bremen)

Gelungener Dienstantritt

04.06.2021 •

Mit der „Tatort“-Folge „Neugeboren“ wurde nunmehr auch in Bremen der Generationswechsel vollzogen. Nicht nur sind die neuen Ermittler Mads Andersen (Dar Salim), Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) deutlich jünger als ihre Vorgänger Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), sondern es sind jetzt auch drei statt wie zuvor zwei. Darin folgt der Bremer „Tatort“ einem Trend, insofern sich die Entwicklung vom betagten Ermittlerduo zum deutlich verjüngten Team aus der Generation der sogenannten Millennials innerhalb des Genres auch schon an anderen „Tatort“-Standorten durchgesetzt hat. Der neue Bremer „Tatort“, für den Christian Jeltsch das Drehbuch geschrieben und bei dem Barbara Kulcsar Regie geführt hat (Produktion: Bremedia), erscheint daher zunächst weniger innovativ. Doch in der Art und Weise, wie dieses Konzept hier umgesetzt worden ist, trägt es durchaus eine eigenständige Handschrift, so dass man von einem gelungenen Bremer Neustart sprechen kann.

Das neue Trio besteht aus zwei erfahrenen Kriminalbeamten, dem Dänen Mads Andersen und der BKA-Beamtin Linda Selb (die auch schon einige Auftritte im alten Bremer „Tatort“ hatte) sowie einer sehr jung wirkenden Polizisten aus Bremerhaven, Liv Moormann: Der eine, Mads, will weg, wieder zurück nach Kopenhagen, hat seinen Koffer schon gepackt, die andere, Linda, verharrt schon viel zu lange auf der Stelle, und die dritte, Liv, möchte unbedingt neu ins Team der Bremer Mordkommission kommen. Im Hintergrund wirkt als Vierter im Bunde noch der Kommissariatsleiter Rolf Harmsen (Christian Aumer) mit, dessen 50. Geburtstag gerade im Büro gefeiert wird. Ihre sehr unterschiedlichen, geradezu gegensätzlichen Charaktere werden in pointiert eingesetzten Dialogszenen zum Ausdruck gebracht, ohne sich dabei zu verplänkern. Ganz im Gegenteil besticht dieser „Tatort“ darüber hinaus auch durch sehr stringente, in schnellen Schnitten erzählte Ereignisabläufe. Atmosphärisch vermittelt der Film durchgängig viel Stress und große Hektik, was den Ermittlern neben Klugheit auch viel Nervenstärke abfordert.

Die – insgesamt nur einen Tag dauernde – Filmhandlung beginnt mit Nachtszenen und wird dann in der Nacht des folgenden Tages enden. Noch vor der Einblendung des Titels „Neugeboren“ und des Vorspanns mit den Credits sind eine nächtliche, überaus brutale Prügelszene und eine ohne medizinische Hilfe erfolgte Hausgeburt zu sehen, die in den kurzen Sequenzen, die von ihr sichtbar sind, kaum weniger brutal anmutet. Die Hintergründe und Zusammenhänge dieser Szenen werden erst im Lauf der Krimihandlung deutlich, aber bereits am Anfang wird klar, dass es sich bei diesem „Tatort“ um ein Sozialdrama handelt. In dessen Mittelpunkt stehen der ständig in einer Werder-Bremen-Trainingsjacke herumlaufende Ex-Fußballer Rudi Stiehler (André Szymanski), seine Tochter Jessica (Johanna Polley) und sein Sohn Marco (Gustav Schmidt).

Die Handlung spielt zu großen Teilen im prekären Hochhaus-Milieu. Es geht um zwei scheinbar sehr unterschiedliche Kriminalfälle, bei denen die Bremer parallel ermitteln müssen. Im ersten Fall geht es um die Entführung eines Neugeborenen aus einer Klinik, im zweiten um den Tod eines jungen Mannes, wobei zunächst vermutet wird, dass es sich um einen Suizid handeln könnte.

Der erste, viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehende Fall bindet sogleich viele Kriminalbeamte, so dass für den zweiten, scheinbar unwichtigeren Fall nur ein Restteam verbleibt, und zwar das Trio mit dem unmittelbar vor der Rückkehr in sein Heimatland stehenden dänischen Gastermittler, der jungen Anfängerin in der Mordkommission und der BKA-Beamtin Linda Selb, die in beiden Fällen gleichzeitig ermitteln muss. Scheinen es anfangs zwei ganz verschiedene und voneinander unabhängige Kriminalfälle zu sein, erweisen sie sich letztlich doch als miteinander verbunden. Dieser Zusammenhang deutet sich schon früh an, wird aber dann doch vollständig erst zum Schluss aufgedeckt.

Nicht nur werden die Fälle vergleichsweise rasch gelöst, sondern der Film legt auch ein schnelles Tempo vor – erwähnenswert gut auch die Musik von Jasmin Shakeri & Beathoavenz – und erzählt beide Fallgeschichten in kurzen Wechseln parallel und unter Einsatz einer sich teils sehr hektisch bewegenden Kamera. Konterkariert wird die permanent herrschende Unruhe in diesem „Tatort“ (8,45 Mio Zuschauer, Marktanteil: 24,8 Prozent) durch zwei Passagen am Anfang und Ende des Films, in denen eine überlegene Ruhe ausstrahlende Stimme aus dem Off mit nahezu philosophischer Anmutung über Existenzielles reflektiert. Es ist überraschenderweise die Stimme von Liv, der jungen Polizistin. Ausgerechnet sie, die zu ihrem Dienstantritt in Bremen zunächst als unerfahren-naive, lächerlich streberhaft wirkende Person eingeführt wird, erhält dadurch eine besonders hervorgehobene Rolle. Von ihrer erfahrenen Kollegin Linda gelegentlich als „Mini-Maus“ und „Frischling“ apostrophiert, erweist sie sich allerdings im Lauf der Handlung doch auch als besonders emphatische Ermittlerin. Man kann daher gespannt darauf sein, wie sich diese von Jasna Fritzi Bauer exzellent gespielte Figur in den nächsten Bremer „Tatort“-Folgen weiterentwickeln wird.

04.06.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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