Christian Görlitz/Pim G. Richter: Sieben Stunden (ARD/BR/Arte)

Herausragendes Psychodrama

28.11.2018 • Irgendwann, gegen Mitte des Films, wird in einem Dialog mitgeteilt, dass von therapierten Sexualstraftätern statistisch nur vier Prozent wieder rückfällig werden. Der Satz fällt beiläufig, ist für die Dramaturgie gänzlich unbedeutend, aber dennoch einer der wichtigsten des Films. Denn nach diesem beklemmenden Drama könnten manche Zuschauer womöglich auf die Idee kommen, Therapien für diesen Täterkreis seien rausgeworfenes Geld.

Die Gefängnispsychologin Hanna ist morgens auf dem Weg in ihr Büro und wird von Mitarbeitern und Gefangenen freudig begrüßt. Die Frau ist offensichtlich beliebt und hat alles im Griff. Einen Streit unter den Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) um die Übertragung eines Fußballspiels schlichtet sie souverän. Abends tanzt sie mit ihrem Verlobten Stephan bei ihrem Stamm-Italiener ausgelassen auf der Straße. Demnächst soll geheiratet werden. Es ist ein scheinbar rundum gelungenes Leben, das hier mit wenigen Strichen gezeichnet wird – um die Fallhöhe des Kommenden umso größer zu machen.

Denn am nächsten Tag wird Hanna in ihrem Büro von einem Gefangenen namens Petrowski als Geisel genommen, wird von ihm sieben Stunden lang festgehalten und mehrfach vergewaltigt. Ein Sondereinsatzkommando (SEK) ist zwar rasch vor Ort, schreitet aber nicht ein, weil Hannas Kollege Ulrich, der mit dem Täter telefonisch Kontakt hält, immer wieder versichert, die versierte Psychologin habe die Situation in ihrem verschlossenen Büro absolut im Griff.

Als Zuschauer ist man auf beiden Seiten dabei. Am Ort der Geiselhaft und in der Gefängniszentrale, wo sich viele Menschen Sorgen machen, aber nichts unternehmen. Hannas mehrstündiges Martyrium wird nicht in expliziten Bildern gezeigt, sondern spiegelt sich vornehmlich im Gesicht des Opfers, wenn es zwischen den einzelnen Gewaltakten nackt, zitternd und zusammengekrümmt in einer Ecke des Raumes kauert. Was Hanna erleiden musste, wird später bei der Gerichtsverhandlung in nüchternem Juristendeutsch referiert.

Die sieben Stunden Geiselnahme sind nach gut 20 Minuten des Films vorbei. „Alles wird gut“, sagt Stephan mehr hilflos denn überzeugt zu seiner Verlobten. Und natürlich wird erst einmal gar nichts gut. Bei den geringsten Anlässen erleidet Hanna Panikattacken, Menschen in ihrer Umgebung, die ihr beizustehen versuchen, stößt sie mit bissigen Kommentaren vor den Kopf, ihrem Kollegen Ulrich und der Gefängnisleitung wirft sie – nicht ganz zu Unrecht – unterlassene Hilfeleistung vor. Und dann ist da noch der Umstand, dass jener Petrowski so etwas wie ihr Musterpatient war, dem sie vor der Tat eine günstige Prognose ausgestellt hatte. So kommt zur Scham, den seelischen und körperlichen Schmerzen auch noch das Rätsel, wie sie auf professioneller Ebene zu einer derartigen Fehleinschätzung kommen konnte. Trägt sie in dieser Hinsicht womöglich gar eine Mitschuld an dem, was ihr angetan wurde? Das jedoch ist eine Frage, der sich Hanna erst ganz am Ende des Films zu stellen traut.

Hannas Martyrium im Film „Sieben Stunden“ (Produktion: H&V Entertainment) erinnert an die Kölner „Tatort“-Folge „Franziska“ (ARD/WDR), in der die langjährige Assistentin des Fahnderduos Ballauf und Schenk in einem Gefängnis von einem Häftling gefoltert und schließlich ermordet wurde. Die ARD entschied damals, diesen Krimi aus Gründen des Jugendschutzes erst um 22.00 Uhr auszustrahlen (vgl. FK-Heft Nr. 3/14). Ein weiterer, ähnlich gelagerter Film trägt den Titel „Die Geisel“ (ARD/NDR) und stammt aus dem Jahr 2003. Darin spielt Susanne von Borsody eine Gefängnisdirektorin, die von einem Insassen (gespielt von Jürgen Vogel) vergewaltigt und über mehrere Stunden festgehalten wird. Regie bei dem Film führte, wie jetzt auch bei „Sieben Stunden“, Christian Görlitz.

Dem in „Sieben Stunden“ dargestellten Geschehen liegt der reale Fall der Psychotherapeutin Susanne Preusker zugrunde, die im Jahr 2009 in der JVA Straubing von einem Gefangenen überwältigt und misshandelt wurde. 2011 erschien ihr Buch „Sieben Stunden im April. Meine Geschichte vom Überleben“, nach dem Christian Görlitz und Pim G. Richter nun das Filmdrehbuch verfasst haben. Das Psychodrama ist ein Stück Fernsehen, wie man es in dieser Intensität nur selten zu sehen bekommt. Da bleibt kaum eine Sekunde der Entspannung, des Durchatmens, und selbst wenn es auf der Hochzeitsfeier mal harmonisch zuzugehen scheint, dauert es nicht lange, bis Hannas Mutter mal wieder eine kleine, schnippische Bemerkung macht, die für ihre Tochter ein Schlag in die Magengrube ist.

Hier fällt den ganzen Film über kein überflüssiges Wort, stimmen Gesten der Aggression oder der Hilflosigkeit, überzeugen Kamera (Sten Mende), kluge Montage (Marcel Peragine) und Musik (Warner Poland, Wolfgang Glum) ebenso wie das durchweg überzeugende Darsteller-Ensemble mit Thomas Loibl, Till Firit, Norman Hacker, Mareike Sedl und Imogen Kogge. Zum Ereignis wird dieser schon per se herausragende Film jedoch durch Bibiana Beglau in der Hauptrolle. Wie sie zwischen Verletztheit und Wut, Liebesbedürftigkeit und Aggression changiert und dabei auch körperlich an ihre Grenzen geht, ist atemberaubend.

Zuletzt stellte Bibiana Beglau ihre Fähigkeiten als schauspielerische Intensivtäterin im Fernsehen in der WDR-Produktion „Über Barbarossaplatz“ (vgl. MK 7/17) unter Beweis. Auch diesen Film mochte die ARD ihren Zuschauern erst zu späterer Uhrzeit zumuten, in diesem Fall um 22.45 Uhr. Im Fall von „Sieben Stunden“ hat man – wie zuvor auch schon bei der Vorabausstrahlung bei Arte (7.9.18) – zum Glück anders entschieden und den 20.15-Uhr-Termin gewählt. Obwohl auch dieser Film harte Kost ist. Das Wissen um die Tatsache, dass sich Susanne Preusker im Februar 2018 das Leben nahm, macht seine Rezeption nicht leichter.

28.11.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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