Christian Ditter/Tim Trachte: Biohackers. 6‑teilige Serie (Netflix)

Ist Gott obsolet?

17.09.2020 •

Schon vor ihrem ursprünglich für den 30. April geplanten Start machte die Netflix-Serie „Biohackers“ von sich reden. Einige Szenen zu Beginn der ersten Episode schildern den rasend schnellen Ausbruch einer Seuche in einem ICE-Abteil. Ohne Vorwarnung brechen die Opfer mit herzinfarktähnlichen Symptomen zusammen. Solche Bilder, räumte Netflix ein, hätten auf Zuschauer „verstörend“ wirken können, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen akut mit der Corona-Pandemie und den das Leben einschränkenden Schutzmaßnahmen konfrontiert. Deshalb entschied sich Netflix, den Start der Serie zu verschieben. Die Coronakrise dauert zwar an, aber inzwischen haben sich die Menschen auf den Umgang damit eingestellt. Und seit dem 20. August ist „Biohackers“ nun bei dem Streaming-Anbieter zu sehen.

Neben der erschreckend rapiden Verbreitung einer tödlichen Seuche aus dem Labor greift die Serie mit ihren sechs jeweils rund 35-minütigen Episoden ein weiteres aktuelles Thema auf: „Was ist die Zukunft der Medizin?“ Diese Frage stellt eine Star-Dozentin den Erstsemester-Medizinstudenten im vollbesetzten Hörsaal der Universität Freiburg. „Künstliche Intelligenz?“, so einer der Anwesenden. „Falsch“, erklärt die international hoch angesehene Forscherin, „dann würde ja jetzt eine Informatikerin vor Ihnen stehen.“ Die Zukunft der Medizin gehöre der synthetischen Biologie. Durch sie würden die Menschen „von Geschöpfen zu Schöpfern“. Was dann mit Gott sei, fragt daraufhin einer der Studenten. „Gott“, so die smarte Wissenschaftlerin, „wird dadurch obsolet.“ Damit ist bereits nach wenigen Minuten das Thema umrissen.

Jessica Schwarz verkörpert jene zwielichtige Biotech-Forscherin und Star-Dozentin namens Tanja Lorenz, die die Grenze zwischen dem technisch Machbaren und dem ethisch Vertretbaren überschreitet. Sie ist erfolgreich und wohlhabend. Entsprechend wohnt sie in einer – reichlich überdimensionierten – Designervilla. Es interviewt sie ein Journalist (Benno Fürmann), der wohl ihr Ex ist. Er spricht sie darauf an, dass sie ohne Partner und ohne Kinder lebt. Für eine Sekunde zuckt Tanja Lorenz zusammen – und da ist es wieder, dieses wiederkehrende Missverständnis einer deutschen, einer typisch deutschen Produktion: Die ‘starke’ Frau, die keine Zeit für Familienplanung hat, muss ein schlechtes Gewissen haben und sich für ihre Stärke entschuldigen.

Erzählt wird die Geschichte von „Biohackers“ aus der Perspektive der Erstsemester-Studentin Mia (Luna Wedler). Sie glaubt, dass Tanja Lorenz mit unerlaubten gentechnischen Manipulationen den Tod ihres Bruders verschuldet hat. Um ihr das Handwerk zu legen, immatrikuliert Mia sich an der Freiburger Uni in Medizin und wird Assistentin bei der genialischen Genetikerin. Erzählt wird dies alles reichlich plump. So zum Beispiel in der Szene, als Mia mit einer Stehlampe in der Hand bei ihrer neuen WG klingelt, in die sie einziehen will. Die Tür wird von einer splitternackten Kommilitonin geöffnet, die früh morgens nichts Besseres zu tun hat, als erst einmal einen tiefen Schluck aus der Bierflasche zu nehmen.

Die unfreiwillig komische Parodie auf eine hedonistische Studenten-WG, in der keine Tapeten an den Wänden hängen und man der stöhnenden Mitbewohnerin beim Sex zuhören kann, ist symptomatisch für diese Serie. Sie setzt die Geschichte des öfteren etwas holzschnittartig ins Bild. Atmosphäre entsteht nicht aus Beobachtungen des studentischen Milieus; Stimmung wird vielmehr mittels aufdringlicher und klischeehafter Musikuntermalung hineingedrückt. Plakativ erscheint auch das politisch korrekte Diversity-Prinzip. So wird die Sekretärin von Tanja Lorenz von einer schwarzen Darstellerin gespielt und Mias Mitbewohnerin ist Asiatin.

Nicht wirklich überzeugend ist vor allem die Besetzung der Hauptrolle. Die pausbäckige Luna Wedler, die mit Welpenblick und luftigen Kleidchen durch die Szenerie schwebt, erinnert mehr an eine Instagram-Influencerin als an eine disziplinierte Studentin, die von der Professorin gelobt wird, weil sie schon im ersten Semester mehr weiß, als im Lehrbuch steht. Entsprechend halbherzig vermittelt die Serie ihr ja durchaus relevantes Thema. Es geht um die Risiken von Biotech-Erfindungen. Mia findet heraus, dass die sinistre Professorin Versuche an menschlichen Embryonen durchgeführt hat, die sie mittels Genmanipulation krank machte, um so die Entwicklung neuer Heilmethoden am lebenden Objekt zu studieren. Als einziges ihrer Versuchskaninchen überlebte Mia, die nun als „verlorene Tochter“ zu ihrer bösen Gen-Mutter zurückkehrt.

Ein packender Thriller über eine hybride Biologin, die Gott spielt, hätte „Biohackers“ werden können (produziert wurde die Serie von Claussen + Putz). Stattdessen erzählt Showrunner Christian Ditter, der neben Tim Trachte auch Regie führte und das Drehbuch gemeinsam mit Tanja Bubbel, Nikolaus Schulz-Dornburg und Johanna Thalmann schrieb, eine nur mäßig spannende Geschichte. Symptomatisch für fehlende Originalität ist jene Szene, in der Mia sich Zugang zur Villa von Tanja Lorenz verschafft, wo sie das WLAN manipuliert, um geheime Daten vom privaten PC der Frankenstein-Professorin zu kopieren. Das wirkt holprig und uninspiriert wie in einem unterdurchschnittlichen Fernsehkrimi. Witzige Momente entstehen nur dann, wenn Mias autistische Kommilitonin Chen-Lu (Jing Xiang) wissenschaftliche Fakten in atemlosem Schnellsprech-Duktus herunterbetet, derweil ihr anderer Mitbewohner Ole (Sebastian Jakob Doppelbauer) sich mit Hilfe eines YouTube-Tutorials den eigenen Bauch aufschlitzt, um einen Chip zu implantieren.

Eine Fülle von Spezialeffekten, darunter eine fluoreszierende Maus, die sich zwischen den Regalen der Uni-Bibliothek selbständig macht, verleihen der Serie immerhin eine eigene visuelle Handschrift. Nach unter anderem „Dark“, „Freud“, „Unorthodox“, „Wir sind die Welle“ und „How to Sell Drugs Online (Fast)“ ist „Biohackers“ Teil des noch übersichtlichen Portfolios deutscher Produktionen für den US-amerikanischen Streaming-Anbieter Netflix. Die Perlen darunter waren „Unorthodox“ (vgl. MK-Kritik) und „Dark“ (drei Staffeln; vgl. MK-Kritik). Das international hohe Niveau dieser beiden Serien erreicht „Biohackers“ bei weitem nicht.

17.09.2020 – Manfred Riepe/MK

` `