Christian Beetz/Georg Tschurtschenthaler/Jan Peter: Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit. 4‑teilige Dokumentationsreihe (Netflix)

Deutsch-deutsche Vereinigungsgeschichte à la Netflix

26.10.2020 •

Am Anfang ist ein Schuss. Es regnet, ein Kauz kommt ins Bild und eine an die Ku-Klux-Klan-Maskerade erinnernde Vogelscheuche. Doch was hier düster wie ein Krimi-Setting im Mittleren Westen der USA daherkommt, spielt im mittleren Westen der (alten) Bundesrepublik und ist real passiert. Ein Krimi ist es bis heute trotzdem noch.

Mit der vierteiligen Reihe „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“ wagt sich der Streaming-Anbieter Netflix erstmals mit einer deutschen Produktion ans dokumentarische Genre. Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit widmet sich nicht etwa der hiesige öffentlich-rechtliche Rundfunk, sondern das US-Medienunternehmen aus Los Gatos dem bis heute wohl umstrittensten Kapitel der deutsch-deutschen Vereinigungsgeschichte. Es geht um die Arbeit der Treuhandanstalt, die Privatisierung des DDR-Volkseigentums und den Mord an Treuhand-Chef Detlef Karsten Rohwedder.

Mit der in die vier Teile „Märtyrer“, „Kapitalist“, „Besatzer“ und „Opfer“ aufgeteilten Streaming-Reihe (Länge der Folgen: 46, 41, 39 und 45 Minuten) betritt das Genre Dokumentation auf dem deutschen Fernsehmarkt gewissermaßen Neuland. Denn für Netflix bedeutet auch Dokumentation zuallererst Unterhaltung. „Rohwedder“ (Produktion: Gebrüder Beetz) bedient daher das international etablierte True-Crime-Format, ohne in den bloßen Krimi abzurutschen. Oder im Doku-Drama klassischer Prägung zu erstarren. Autoren der Reihe sind Georg Tschurtschenthaler und Christian Beetz, für die Regie sind Jan Peter und Tschurtschenthaler verantwortlich.

Die Reenactment-Szenen von „Rohwedder“ halten sich lobenswerterweise in Grenzen und sind auch immer als solche zu erkennen. Dabei leisten sie auch schon mal mehr als eine platte Visualisierung dessen, was war, wovon es aber leider keine dokumentarischen Bilder gibt. Wenn etwa vor und nach den tödlichen Schüssen aus der Kleingartenanlage an die Spurensicherung gemahnende Gestalten mit Schutzanzug und Handschuhen dort alle Spuren beseitigen und neue hinterlassen, dann ist das schon Interpretation: Hier wird gewissermaßen der Wald gefegt und es werden gezielt falsche Hinweise gestreut, um die Ermittlungen zu erschweren. „A Perfect Crime“, ein perfektes Verbrechen“, lautet denn auch der internationale Titel dieser Netflix-Produktion.

Dass sich am Tatort in Düsseldorf nur kaum verwertbare und wenn zweifelhafte Spuren fanden, ist belegt. Genauso der Umstand, dass Rohwedder zur Zeit seiner Ermordung am 1. April 1991 zwar auf der Liste der am meisten gefährdeten Personen in Deutschland stand, aber nur unzureichend geschützt wurde. Lediglich das Erdgeschoss seines Privathauses in einem Düsseldorfer Nobelviertel war mit Sicherheitsglas geschützt, nicht das Arbeitszimmer im ersten Stock, wo ihn die tödlichen Schüsse trafen.

Dass die Filmemacher von der bis heute offiziell gültigen Version, eine dritte Generation der linken Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“ (RAF) sei für den Mord an Rohwedder verantwortlich, wenig halten, ist dabei von Anfang an evident. „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“ nimmt den Zuschauer mit auf Spuren- und Motivsuche, wer den „deutschen Märtyrer“, so der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) im Film über Rohwedder, auf dem Gewissen haben könnte.

Die Auftritte diverser, heute allesamt pensionierter Kriminalbeamter und Verfassungsschützer sind klug komponiert. Rainer Hofmeyer, damals beim Bundeskriminalamt (BKA) verantwortlich für die Bekämpfung des Linksterrorismus, hält auch heute noch „zweifelsfrei“ die RAF-Leute für die Täter. Diverse andere hochrangige Polizei- und Sicherheitskräfte widersprechen. Und auch Mitglieder der zweiten RAF-Generation wie etwa Lutz Taufer haben Zweifel an der Echtheit des am Tatort gefundenen Bekennerschreibens und verweisen auf die teilweise engen Kontakte diverser RAFler zur Stasi, also zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR.

Egal wie man zu den alternativen Lesarten der Filmemacher steht, hier könnte auch die Stasi mit oder ohne Zutun beziehungsweise freundlicher Billigung höchster westdeutscher Kreise am Werk gewesen sein: Die Auswahl und Fülle der Zeitzeugen gehört zu den absoluten Pluspunkten des Doku-Vierteilers. Und nicht nur das: Die nachgestellten Spielszenen, das Archivmaterial und vor allem Art und Setting der Interviews setzen Maßstäbe. In Sachen Production Value ist „Rohwedder“ dem Standard-Dokumentarfilm im deutschen Fernsehen ungefähr so weit voraus wie die hochwertige Serie „Babylon Berlin“ (Sky/ARD) von den üblichen TV-Krimis von der Stange.

Zu den Interviewten gehört beispielsweise Günther Classen, der stets rauchende und bis heute aktive Polizeireporter des Düsseldorfer „Express“, den der Fall seit 30 Jahren nicht loslässt. Oder der damalige Bundeskriminalamtssprecher Willi Fundermann, der 1991 stolz das Gewehr G1, den Waffentyp beim Attentat, präsentiert und noch heute stets Fliege trägt. „Wir hatten nichts“, sagt Fundermann noch heute: „Wir haben weder herausgefunden, ob es Männlein oder Weiblein oder zwei, drei, vier, fünf waren – nichts“.

Die größte Stärke der Produktion liegt aber gar nicht mal so sehr in diesem überdeutlichen Hinweis, dass – wie auch in den Fällen Alfred Herrhausen oder Bad Kleinen – mehr als Zweifel an der bis heute offiziellen Darstellung zum Rohwedder-Attentat angebracht sind. Sie liegt vielmehr in der genauen, bis an der Schmerzgrenze gehenden Schilderung der damaligen Zeit, der Verhältnisse in Ost und West: Da traf die bornierte Siegermentalität des Westens auf eine durch und durch erschütterte Bevölkerung in Ostdeutschland, bei der die Ideale und Hoffnungen der friedlichen Revolution vom Herbst 1989 keine zwei Jahre später durch nackte Existenzangst verdrängt wurden. Niemand bringt das so gut auf den Punkt wie der damals im Bundesfinanzministerium arbeitende SPD-Mann und spätere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Der hatte das „Lexikon der DDR“ durchgearbeitet und erklärt dazu: „Da hab ich in meiner jugendlichen Arroganz gesagt: Jetzt weiß niemand mehr über die DDR als du. Und mit dieser Mentalität bin ich dann an die Dinge rangegangen.“ Die Folge war die Währungsunion, durch die die DDR-Wirtschaft quasi über Nacht und völlig unvorbereitet am Markt de facto nicht mehr konkurrenzfähig war.

Während Thilo Sarrazin und Theo Waigel für die Abwicklungsmentalität West stehen („Der Wert der DDR war Null“), schildert die letzte DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft (SED/PDS), wie wenig Spielraum dem zweiten deutschen Staat gelassen wurde. Und sie ist Kronzeugin für die These, dass unter Rohwedder die Arbeit der Treuhandanstalt wohl anders verlaufen wäre als unter seiner Nachfolgerin Birgit Breuel. Obwohl natürlich auch Rohwedder davon überrascht worden sei, dass die Lage der DDR-Wirtschaft noch maroder war als vermutet, hätte er wohl auf Sanierung und Strukturwandel mit Augenmaß gesetzt, so Christa Luft. Bei Breuel griff dagegen das von der Bundesregierung postulierte Primat der schnellen Privatisierung um jeden Preis.

Und hier hat „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“ dann trotz 30 Jahre deutscher Einheit plötzlich höchst aktuelle Bezüge zur gegenwärtigen Gefühlslage vieler Menschen in Ostdeutschland. Gerade in diesem Sinn hat die erste deutsche Dokumentation von Netflix mehr als das Zeug dazu, den bislang in diesem Genre tonangebenden öffentlich-rechtlichen Sendern zu zeigen, wie es auch geht.

26.10.2020 – Steffen Grimberg/MK

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