Christian Baars/Antje Büll/Stella Peters: Der Zug der Seuche. Das Coronavirus verändert die Welt. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/NDR/WDR)

Mit Makel

03.09.2020 •

Es dürfte bisher selten vorgekommen sein, dass es sich bei der Rezension einer Fernsehdokumentation aufdrängt, sie mit einem thematisch zumindest entfernt verwandten Film zu vergleichen, den kaum jemand kennt. Nur wenige Journalisten haben bisher den vom SWR verantworteten Beitrag „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ sehen können, der ursprünglich am 15. Juni um 22.45 Uhr in der ARD in der Reihe „Die Story im Ersten“ ausgestrahlt werden sollte. Der Film wurde aber am Tag der geplanten Ausstrahlung mit einem wenig überzeugenden Verweis auf rechtliche Probleme abgesetzt. Vorher hatte es, vor allem in der „Süddeutschen Zeitung“, kampagnenartige Kritik daran gegeben, dass „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ zu einem großen Teil auf Bildmaterial der unter staatlicher Kontrolle stehenden chinesischen Filmproduktionsfirma China Intercontinental Communication Center (CICC) basiert.

Kurze Zeit nach der Absetzung des Films stellte sich heraus, dass der NDR unter Mitarbeit des WDR eine anders akzentuierte Corona-Chronik plant – für denselben Sendeplatz, für den der kurzfristig aus dem Programm genommenen SWR-Film vorgesehen war (vgl. diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung). Dadurch bekam die undurchsichtige Absetzung einen zusätzlichen Beigeschmack, denn die Berichterstattung über den letztlich nicht gezeigten SWR-Film hatte den Eindruck erweckt, dass die Munition für die Kritik daran (verblüffenderweise) vor allem vom NDR gekommen war.

Der von NDR und WDR produzierte Film lief nun am 24. August unter dem Titel „Der Zug der Seuche. Das Coronavirus verändert die Welt“. Er beleuchtet die Entwicklung der Pandemie und der getroffenen Gegenmaßnahmen in China, Deutschland, Frankreich, Nigeria, Taiwan und den USA. Wie groß der (wohl auch finanzielle) Aufwand für die Produktion „Der Zug der Seuche“ war, lässt sich auch daran ablesen, dass im Abspann neben den drei Hauptautoren Christian Baars, Antje Büll und Stella Peters unter „weitere Autoren“ noch zwölf Journalisten aufgeführt sind. Hierbei handelt es sich übrigens nicht um Auslandskorrespondenten der ARD, sondern um freie Auslandsberichterstatter, Mitglieder der Investigativressorts von NDR und WDR sowie Producer.

Inhaltliche Dopplungen zwischen den beiden ARD-Projekten gibt es kaum. Nur wenige Minuten von „Der Zug der Seuche“ sind den Geschehnissen in Wuhan gewidmet. Der einzige Experte, der sowohl im einen wie im anderen Film zu sehen ist, ist Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Beide Dokumentationen könnten mit jeweils einem besonders beeindruckenden Experten aufwarten. Im SWR-Film ist es die chinesische Epidemiologin Li Lanjuan, die im Januar den Lockdown in Wuhan empfohlen hatte – eine bis dato nicht gekannte Maßnahme. Ein Lockdown fand in einer stark abgeschwächten Form im März 2020 auch in Deutschland Anwendung, weshalb sich ohne Übertreibung sagen lässt, dass Li Lanjuan auch zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus hierzulande zumindest indirekt einen Teil beigetragen hat.

Der am nachhaltigsten in Erinnerung bleibende Experte aus „Der Zug der Seuche“ ist der Radiologe Michel Schmitt aus der französischen Stadt Colmar, den die hohen Fallzahlen im Elsass im Frühjahr dazu bewogen haben, „alle Bilder ab dem Sommer 2019 durchzugehen und nach untypischen Zeichen zu suchen“. Auf Lungen-Röntgenbildern entdeckte Schmitt: Bereits im November und Dezember 2019 wiesen französische Patienten Corona-Symptome auf, die man zu dem Zeitpunkt aber noch nicht als solche erkennen konnte. Die Frage, woher das Virus stammt, hat dadurch neue Nahrung bekommen. Schmitts Untersuchungsergebnisse sprechen dafür, dass das Virus in Frankreich bereits verbreitet war, bevor es in Wuhan entdeckt wurde, also in der Stadt, die in der Regel als Ursprungsort des Corona-Ausbruchs genannt wird.

In die Chronik der Ereignisse aus sechs Ländern haben die Autoren von „Der Zug der Seuche“ auch die Krankengeschichte einer 62-jährigen Corona-Patientin aus dem Bundeswehrkrankenhaus Hamburg eingearbeitet, die nach 39 Tagen an einem Multiorganversagen starb. Das Autorenteam berichtet – unter Rückgriff auf authentische wie auch einige nachgestellte Szenen – von einem ständigen Auf und Ab der Erkrankten, von Besserungen und Rückschlägen. Es dürften aufwändige Gespräche mit der Familie der Patientin und auch mit den Ärzten erforderlich gewesen sein, damit diese Geschichte in der Dokumentation erzählt werden konnte. Dieser Teil wirkt aber wie ein Fremdkörper im Film, so herzlos das angesichts des beschriebenen Leids auch klingen mag. Die Krankheitsgeschichte der Verstorbenen in einem längeren Magazinbeitrag zu erzählen, wäre vielleicht die bessere Lösung gewesen.

Abgesehen davon, dass ein Film, der in einer Dreiviertelstunde eine mehrmonatige Entwicklung in sechs Ländern in den Blick nimmt, viele Fragen zwangsläufig nur in den Raum stellen, sie aber nicht diskutieren kann: Hätte man darauf verzichtet, den Fall der 62-Jährigen aus Hamburg zu erzählen, wäre mehr Zeit geblieben, bei dem einen oder anderen Aspekt ein bisschen in die Tiefe zu gehen. Zum Beispiel an der Stelle, an der Chen Chienjen, Taiwans ehemaliger Gesundheitsminister, sagt: „Wir haben uns 17 Jahre lang auf diese Corona-Pandemie vorbereitet. Nach dem SARS-Ausbruch waren wir mit der Vogelgrippe und der Schweinegrippe konfrontiert“ (der SARS-Ausbruch geschah 2003). Diese Vorbereitungen trugen dazu bei, dass es in dem Inselstaat und Nachbarland Chinas, in dem 23 Millionen Menschen leben, bis kurz vor Ausstrahlung der NDR/WDR-Dokumentation weniger als 500 Corona-Fälle gab.

Man hätte in diesem Zusammenhang zumindest kurz darauf eingehen können, warum Deutschland weniger gut vorbereitet war. Warum wurde der von der Bundesregierung Anfang Januar 2013 vorgelegte „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“, der auf einem Szenario des Robert-Koch-Instituts und diverser Bundesämter basiert, nicht beachtet? War diese Analyse ungeeignet, um daraus für die Corona-Pandemie in Deutschland Schlüsse zu ziehen?

Insgesamt lieferte der Film „Der Zug der Seuche“ (1,57 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,5 Prozent) einen soliden Überblick über die bisherige Entwicklung der Pandemie. Die Dokumentation bleibt aber mit einem Makel behaftet. Es ist immer noch nicht vollständig geklärt, inwieweit Personen, die an „Der Zug der Seuche“ beteiligt waren, an der Kampagne gegen den SWR-Film „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ mitgewirkt haben, um die Strahlkraft ihres eigenes Großprojekts zu erhöhen. Wer zu kühnem Optimismus neigt, mag darauf hoffen, dass ein bisschen mehr Licht in die Angelegenheit kommt, wenn sich der Rundfunkrat des SWR mit der Absetzung von „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ befasst. Nach MK-Informationen soll dies bei der nächsten Sitzung am 24. September der Fall sein.

03.09.2020 – René Martens/MK

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