Chiara Grabmayr/Jakob Schreier: Fett und fett. 11‑teilige Comedyserie (ZDF)

Hübsch erdachte Missgeschicke und Alltagsabenteuer

23.11.2019 •

Ein solcher Sendetermin ist erkennbar eine Alibiveranstaltung: Montagnacht, von null Uhr fünfzehn bis früh um halb vier – da dürfte niemand mit nennenswertem Publikumszuspruch rechnen. Aber eine Ausstrahlung im linearen Fernsehen hatten Chiara Grabmayr und Jakob Schreier, beide damals Studenten an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), nicht annähernd im Sinn, als sie mit Freunden und ohne Budget einen Kurzfilm mit dem Titel „Fett und fett“ produzierten und ins Web stellten.

Die Geschichte wurde in lockeren Abständen fortgesetzt und ergab schließlich eine fünfteilige Reihe. Die fand nicht nur unter den Web-Zuschauern große Aufmerksamkeit, sondern auch bei der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ – und die bescherte den Nachwuchsfilmern den Auftrag zu einer weiteren Staffel. Ab dem 7. Oktober konnten die neu produzierten sechs Folgen in der ZDF-Mediathek abgerufen werden. Dann wurden diese Folgen (für das ZDF offiziell die erste, da im Senderauftrag produzierte Staffel) gemeinsam mit der „Prequel“ genannten vorherigen Staffel in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober auf dem Sendeplatz des „Kleinen Fernsehspiels“ im ZDF-Hauptprogramm gezeigt.

Schon die uneinheitlichen Laufzeiten der einzelnen Folgen zwischen 9 und 25 Minuten Länge lassen erkennen, dass zumindest die erste Staffel nicht mit Blick auf ein Programmschema oder andere Konventionen des linearen Fernsehens konzipiert wurde. Ein weiterer Unterschied: Die zweite Staffel weist anders als die erste konsekutive Elemente auf, wobei sich vor allem für die Figur der Hanna (Isabella Wolf) aus den angesammelten Erfahrungen Entwicklungen und spürbare Veränderungen ergeben.

Koautor Jakob Schreier übernahm selbst die Hauptrolle des Müßiggängers Jaksch, der im Verlauf der Serie seinen 30. Geburtstag feiert. Jaksch treibt unentschlossen und passiv durchs Leben. Nur ein Ziel ist klar zu erkennen: Er möchte „die große Liebe“ finden. „Im Prinzip“, so glaubt er, sei bei ihm „alles okay“. Dennoch sucht er eine Therapeutin auf, die auf sein diffuses Unbehagen mit harten Worten reagiert: „Ich war doch nicht sechs Jahre auf der Uni und vier Jahre in der Ausbildung, um mir hier die Probleme von einem Dreißigjährigen nach dem anderen anzuhören. Denen es eigentlich gutgeht, die sich aber alle darüber beschweren, dass sie nicht wissen, was sie wollen, sich nicht entscheiden können und sich nicht trauen, ihre Bedürfnisse zu äußern.“

Das ist eine doppelbödige Aussage, denn sie gilt sowohl auf der Erzähl- wie auf der Metaebene. Chiara Grabmayr und Jakob Schreier, die bei einzelnen Episoden von weiteren Autoren unterstützt wurden, verstehen es, diese trotzige Generationsbeschreibung in genau beobachtete, amüsante und dramaturgisch raffinierte Episoden umzusetzen. Die Dialoge klingen ungekünstelt, wurden vermutlich in der ersten Staffel teils improvisiert. Die kleinen Geschichten beginnen oft mit einer alltäglichen Standardsituation, um dann eigenwillig gebrochen zu werden. Jaksch ist ein unverbesserlicher moderner Simplicissimus, stetig vom Pech verfolgt, das er aber nicht selten durch eigenes Verhalten heraufbeschwört.

In Folge 5 der ersten Staffel beispielsweise erhält Jaksch überraschend die telefonische Einladung einer Bekannten, die mit ihm den Abend in ihrer Wohnung verbringen möchte. Er solle aber für einen Zwanziger Gras mitbringen. Nach vielerlei Umständen und der Begegnung mit einem zwischen jovial und bedrohlich changierenden Dealer kann Jaksch das Gewünschte ergattern und trifft endlich, voller Hoffnung auf ein paar romantische Stunden, bei der Gastgeberin ein. Dort stellt sich heraus, dass die Droge nicht für sie, sondern für einen anderen jungen Herrn bestimmt ist, mit dem sie offenbar amourös verbandelt ist. Was Jaksch veranlasst, sich zutiefst enttäuscht auf den Heimweg zu machen.

Durch zwei augenzwinkernde Auflösungen wird aus dem Drama eine Tragikomödie: Der scheinbar unberechenbare Dealer agiert im Auftrag einer Verhaltenspsychologin, die vorgeblich computerspielend im Raum hockt und in Wahrheit heimlich das Verhalten der Kunden zwecks Erstellung einer Studie dokumentiert. Nachdem Jaksch gegangen ist, attestiert sie ihm nicht ohne Belustigung eine „kognitive Dissonanz“. Dieses Unbehagen bleibt dem armen Tropf treu. Denn auch bei der Begegnung mit seiner Bekannten und deren vermeintlichem Galan sitzt Jaksch einem Irrtum auf: Der homosexuelle Hausgast erlebt gerade eine Beziehungskrise und hat sich nur kurzfristig bei seiner Freundin einquartiert, mit der er rein platonisch verbunden ist.

Nach diesem Muster funktionieren die meisten Episoden. Die Serie stürzt den stoffeligen Jaksch in immer neue, findig erdachte Missgeschicke und Alltagsabenteuer, allesamt lebensnah und trotz einzelner Ausflüge in den Slapstick nicht brachial auf krachende Pointen hin gearbeitet. Der Humor verdankt sich den unerwarteten Wendungen, die zugleich für Spannung sorgen. Hauptschauplatz der Serie ist München; in der zweiten Staffel gibt es einen eingebetteten Berlin-Zyklus, motiviert dadurch, dass Jaksch seine nach Berlin umgezogene Freundin Hanna besucht.

Die für ihre Kurz- und Werbefilme mehrfach preisgekrönte Chiara Grabmayr war an den Drehbüchern und am Schnitt beteiligt und führt bei allen Folgen gekonnt unaufdringlich Regie. Immer wieder gelingen ihr naturalistisch wirkende Einstellungen, die, ohne in ausgestellte Manierismen zu verfallen, die Gefühlswelt von Jaksch illustrieren. Der Österreicherin Grabmayr verdankt sich auch der seltsame Titel der Serie: Das eine „fett“ steht gemäß gängigem Sprachgebrauch für „dick werden“. Das andere entstammt dem österreichischen Idiom und bedeutet „betrunken“. In Gastauftritten zu sehen sind in der von Trimafilm und Network Movie produzierten Serie Matthias Lilienthal, der Intendant der Münchner Kammerspiele, die Kabarettistin Monika Gruber, das Electro-Pop-Duo Local Suicide und der Künstler Wolfgang Flatz.

23.11.2019 – Harald Keller/MK