Catharina Schuchmann/Max Färberböck: Tatort – Der Himmel ist ein Platz auf Erden (ARD/BR)

War das schon

13.04.2015 •

„Hier waren die Kaiser, da haben die sich da unten noch mit Knödeln beworfen“, so heißt es in diesem ersten „Tatort“ aus Nürnberg einmal in Anspielung auf München. Ein schöner Seitenhieb, der elegant die traditionellen Animositäten zwischen Franken und Oberbayern aufgreift. Und die spiegeln sich nach Meinung fränkischer Lokalpatrioten gerade auch im angeblich auf das südliche Bayern fixierten Programm des Bayerischen Rundfunks (BR) wider. Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser Streitpunkt im März mit der Ankündigung des Bamberger Rechtsanwalts Manfred Hofmann, Klage einzureichen gegen den BR. Der Jurist sieht in dem seiner Ansicht nach auf Altbayern konzentrierten Fernsehprogramm des BR (Filme und Serien) einen Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Die Kritik ist im Grundsatz vielleicht nicht ganz unberechtigt. Nun aber gibt es eben neben dem Münchner Ermittlerduo Batic und Leitmayr immerhin auch endlich ein fränkisches BR-„Tatort“-Team.

Dass mit Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) die zentralen Ermittler – sowohl die Schauspieler als auch die von ihnen gespielten Figuren – freilich von außerhalb kommen, scheinen die Franken mit Fassung zu tragen, wenn man die weitgehend wohlwollenden Kommentare zum neuen „Tatort“ etwa auf der  gemeinsamen Web-Seite der beiden Nürnberger Lokalzeitungen zugrunde legt. Von Paula Ringelhahn erfährt man, dass sie aus der „Wilhelm-Pieck-Stadt Guben“ stammt, von Voss, dass er von der Küste kommt. Unterstützt werden die beiden allerdings von drei waschechten Franken: Eli Wasserscheid als Kommissarin Wanda Goldwasser, Andreas Leopold Schadt als Kommissar Sebastian Fleischer und Matthias Egersdörfer als Michael Schatz, den Leiter der Spurensicherung. Und diese drei bringen durchaus eine eigene fränkische Farbe in diesen Kriminalfall hinein, ebenso wie die vielen vor allem nächtlichen Kamerafahrten durch ein ziemlich urbanes Nürnberg.

Es ist, um dies vorwegzunehmen, eine gelungene Einführung des neuen Teams durch Regisseur Max Färberböck und Catharina Schuchmann, mit der er zusammen das Drehbuch schrieb. Erzählt wird ein Kriminalfall um einen beim Liebesspiel im Wald ermordeten Ehemann und Vater. Als sich die Nachbarin (Ulrike C. Tscharre) des Mordopfers als dessen Geliebte herausstellt, steht zunächst deren Gatte im Fokus der Ermittlungen.

Dieser eher ‘kleine’ Fall lässt genug Raum für die Etablierung der neuen Charaktere und Konstellationen. Dem Leben abgehörte Dialoge und tolle, unaufgeregte Schauspieler wie Fabian Hinrichs (der es mit seiner Darstellung des frühzeitig verstorbenen Hilfsassistenten Gisbert im Münchner „Tatort“ vom Dezember 2012 bei seinen Fans zu Kultstatus brachte) lassen einem die Figuren nahekommen, ohne dass es privat werden müsste. Dagmar Manzel trägt da schon ‘dicker’ auf, was aber zu ihrer temperamentvolleren Figur passt.

Schön, dass diese beiden Hauptfiguren (zumindest bislang) einfach nur ‘normale’ Kollegen sein dürfen, keine Hausgemeinschaft teilen, nie miteinander verheiratet waren, keine Actionhelden sein müssen und auch sonst keine allzu groben Auffälligkeiten zeigen. Markant sind sie dennoch – Ringelhahn mit ihrer leichten Unbeherrschtheit und ihrer Schießhemmung, Voss mit seiner unverstellten, emphatischen Art. Die ihnen zur Seite gestellten Kollegen Goldwasser, Fleischer und Schatz sind die eher humoristischen Sidekicks, aber dies auf eine schön lakonische, unterspielte Weise.

Max Färberböck grundiert diesen Krimi mit dem Titel „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ (Produktion: Hager Moss Film) mit viel Atmosphäre, elegischen Bildern aus Stadt und Umland und vor allem auch mit dem so traurig-schönen Song „Dans le silence“ von Martha Wainwright: Noch nicht oft hat in einem „Tatort“ ein Musikstück eine so zentrale Rolle gespielt. Ein gewisser Kunstwille ist dem Film anzusehen und anzuhören, ohne dass dies aber manieriert oder äußerlich wirken würde – gibt es doch eine innere Verbindung zwischen der Story um mehrere unglücklich Liebende, dem eindrücklichen Song und den melancholischen Bildern einer Kamera, die immer wieder in den Himmel schwenkt – den sich die Menschen hier, entgegen dem Titel, alle selbst verbauen.

Die ein oder andere Länge hat dieser „Tatort“ (12,21 Mio Zuschauer, Marktanteil: 33,8 Prozent) freilich auch. Doch das fällt angesichts des ansonsten gelungenen Auftakts kaum ins Gewicht. Allein der letzte Satz des Films! So stammelig und wunderbar „unfertig“ endete noch selten eine öffentlich-rechtliche Produktion. Da darf Felix Voss seine Eindrücke folgendermaßen zusammenfassen: „Naja... Für so’n Anfang hier war das schon... War das schon...“ Und Schluss. Perfekt.

13.04.2015 – Katharina Zeckau/MK