Carolin Genreith: Yes She Can – Junge Politikerinnen (ARD/WDR/NDR)

Neuer Politikstil

25.04.2021 •

Ein Jahr lang hat die Filmemacherin Carolin Genreith vier ihr offensichtlich besonders sympathische junge Politikerinnen bei deren politischen Tätigkeit begleitet und daraus einen sehenswerten Dokumentarfilm gemacht, der diese subjektive Perspektive konsequent umsetzt, dabei aber dennoch Distanz wahrt (Produktion: Kimotion Pictures). Mittels ihrer beobachtenden Kamera und den von ihr geführten Gesprächen porträtiert die Autorin und Regisseurin vier junge Politikerinnen als Personen mit jeweils unterschiedlichen persönlichen Profilen und eigenen Politikstilen. Bei diesen parallel erzählten Porträts über Laura Marisken, Gyde Jensen, Aminata Touré und Terry Reintke treten weniger die Gegensätze zwischen den Frauen hervor, sondern eher ihr großes Engagement im politischen Alltagsgeschäft. Dieses Engagement ist ihnen allen gemeinsam und sie unterscheiden sich im Film auch kaum etwa durch von ihnen dezidiert vertretene politische Inhalte und Wertvorstellungen voneinander.

Zunächst einmal treten die vier Personen im Film durch ihre verschiedenen politischen Funktionen hervor, die sie wahrnehmen. Laura Marisken ist auf kommunaler Ebene tätig: Sie ist Bürgermeisterin von Heringsdorf, einem Badeort auf der Insel Usedom. Die Berliner Juristin, die zuletzt an der Universität Greifswald tätig war, hat als parteilose Kandidatin mit einem bürgernahen Wahlkampf den etablierten CDU-Kandidaten aus dem Heringsdorfer Rathaus verdrängt und ist für sieben Jahre in dieses Amt gewählt worden.

Gyde Jensen kommt aus der schleswig-holsteinischen FDP und ist seit 2017 Abgeordnete des Deutschen Bundestags, in dem sie den Menschenrechtsausschuss leitet. Die ursprünglich als Flüchtling aus Mali in die Bundesrepublik gekommene Aminata Touré wiederum ist Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und Landtagsabgeordnete; seit 2019 ist sie Vizepräsidentin des Landtags von Schleswig-Holstein in Kiel. Die vierte Politikerin, die aus dem Ruhrgebiet stammende Terry Reintke, gehört als Mitglied der Fraktion Die Grünen/EFA (Europäische Freie Allianz) seit 2014 dem Europäischen Parlament an. In der Zeit, in der die Filmemacherin sie begleitet, kämpft Reintke dort sehr engagiert, aber letztlich vergeblich, gegen den Brexit.

Sie alle werden hier porträtiert als positive Beispiele für einen neuen, sich bestens mit ihrer Rolle als junge Politikerinnen verbindenden Politikstil und damit auch für gelingendes politisches Engagement, also ganz im Sinne des Filmtitels „Yes She Can“, was ja nichts weniger ist als die leichte Abwandlung des Slogans „Yes We Can“, den Barack Obama in jenem Wahlkampf nutzte, der ihn 2008/09 erstmals ins Amt des US-Präsidenten brachte. Es findet sich in dem Film keine Ausgewogenheit im parteipolitischen Sinne, denn es ist nicht so sehr das politische Profil, was die vier Porträtierten voneinander unterscheidet, sondern der Umstand, wie sie Persönliches und Berufliches miteinander verbinden. Auf diesem Aspekt liegt der Schwerpunkt des 90-minütigen Films.

So geht die neue Bürgermeisterin auf Usedom in ihrer politischen Rolle vollständig auf und hat so gut wie gar kein Privatleben mehr. Die ständig zwischen ihrem Heimatland Schleswig-Holstein und Berlin pendelnde Bundestagsabgeordnete kann als Mutter eines Kleinkindes ihr Amt nur mit Hilfe ihres Ehemanns ausüben, der das Kind mitversorgt und als Landtagsabgeordneter ebenfalls politisch tätig ist. Auch die erste schwarze Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags nimmt aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe eine besondere gesellschaftliche Rolle ein, die sie, wie der Film belegt, selbstbewusst umzusetzen vermag. Und die Abgeordnete des Europäischen Parlaments zeigt sich schließlich im Film offen in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.

Die besondere künstlerische Handschrift dieses Dokumentarfilms (413.000 Zuschauer, Marktanteil: 3,7 Prozent) kommt in der Art und Weise zum Ausdruck, wie die einzelnen Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen parallel erzählt werden. Die Kontraste, die den Film beleben, kommen in den unterschiedlichen politischen Aufgaben zum Ausdruck, die die Frauen – jeweils auf kommunaler, Landtags-, Bundestags- und europäischer Ebene – wahrnehmen, wie auch in ihrer Individualität, mit der sie sie ausüben. Die Filmemacherin zeigt ihre Protagonistinnen im Umgang mit Politikerkollegen und bei öffentlichen Auftritten. Die Gespräche, die sie mit den vier jungen Frauen führt, haben dabei eher eine untergeordnete, die filmischen Beobachtungen ergänzende Funktion. Aber auch atmosphärische Eindrücke etwa durch Landschaftsaufnahmen oder Szenen bei Dunkelheit spielen eine wichtige Rolle im Film, ebenso die sehr sorgfältig ausgewählte musikalische Untermalung.

Carolin Genreith begleitet ihre Protagonistinnen mit einem teils sehr persönlichen Kommentar aus dem Off. Es gibt auch immer wieder Passagen, in denen sie innehält und reflektierend in Gedanken und Bildern auf das Beobachtete eingeht. So werden vier eigenständige in der Politik engagierte weibliche Persönlichkeiten sichtbar, die – nach Alter, Geschlecht und Politikstil betrachtet – doch auch als einander sehr wesensverwandt erscheinen. (Der um Mitternacht im linearen Programm ausgestrahlte Film ist in der ARD-Mediathek noch bis März 2022 Anschauen abrufbar.)

25.04.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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