Carmen Losmann: Oeconomia (3sat)

Inhaltlich wie formal herausragend

21.11.2021 •

Selten hat man Interviewpartner so hilflos gesehen wie in Carmen Losmanns Dokumentarfilm „Oeconomia“. Zahlreichen hochrangigen Experten aus der Finanzbranche stellt die Regisseurin hier grundsätzliche Fragen zur Funktionsweise des Geldsystems. Ihre Gesprächspartner gucken daraufhin verblüfft in die Kamera, versuchen Zeit zu gewinnen, um jene Textbausteine hervorzuholen, mit denen sie sonst in Interviews gut über die Runden kommen, oder suchen Hilfe bei einem aus dem Hintergrund zu hörenden Pressesprecher oder Assistenten. In den Gesprächen kommt ein Unwissen zum Ausdruck, das gewissermaßen systemisch ist. Die Ökonomin Elsa Egerer sagt im Film über ihre Erfahrungen im Studium der Volkswirtschaftslehre: „Man lernt nicht, wie das Geldsystem funktioniert, man lernt es falsch, weil sich die meisten Ökonomen gar nicht damit beschäftigen.“

Carmen Losmann ist eigentlich eine Vertreterin des beobachtenden Dokumentarfilms, sie macht hier aber an verschiedenen Stellen transparent, dass sie diese Machart in diesem Film nicht umsetzen konnte. Oft bekam sie keine Drehgenehmigungen – etwa für eine Kreditvergabebesprechung bei einer Bank oder ein „Performance-Gespräch“ bei einer Vermögensverwaltung. „Wir können Ihnen die Situation eines Meetings aber gern nachstellen“, schreibt ihr ein Unternehmen, und so ähnlich klingen viele Absagen, die die Regisseurin nachsprechen lässt – offenbar von automatisierten Stimmen.

Losmann hat aus den Rahmenbedingungen das Bestmögliche gemacht. Sie hat die „Angebote“ zum Nachstellen angenommen und zeigt hochrangige Mitarbeiter der Finanzbranche dabei, wie sie so tun, als würden sie arbeiten. Diese, wenn man so will: Spielszenen gehen dann über in Interviews mit einer jeweils daran beteiligten Person. Weitere Analysen liefern Geldwirtschaftsexperten, die nicht namentlich erwähnt werden wollen (Losmann hat teilweise auf Gedächtnisprotokollen basierende Telefongespräche mit ihnen nachgestellt), und die Mitspieler eines Monopoly-ähnlichen Spiels, die Losmann in einer Fußgängerzone in Frankfurt am Main platziert hat. Diese Abwandlung hat die Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi entwickelt. Ihre Monopoly-Variante basiert auf der tatsächlichen, in „Oeconomia“ ausführlich beschriebenen Funktionsweise des kapitalistischen Geldsystems. Das bedeutet, dass der Schuldner, also der Kreditnehmer, der entscheidende Akteur ist – ganz anders, als es das negative Image, das dem Schuldenmachen in vielen medialen Debatten anhaftet, vermuten lässt.

In Interviews hat Losmann erläutert, dass diese Spieler – unter ihnen auch die Ökonomin Egerer und Spiel-Erfinderin Kenawi – hier eine ähnliche Funktion übernehmen wie der Chor in der antiken Tragödie, das heißt in diesem Fall, sie erläutern das von Losmann und ihren Gesprächspartnern Gesagte und machen es mithilfe ihrer Spielsituation teilweise besser verständlich.

Der einzige Protagonist aus dem Inneren des Systems, der diesem sehr kritisch gegenübersteht und sich namentlich äußert, ist Thomas Mayer, der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er bittet Losmann aber nach den Dreharbeiten, seine Äußerungen nur als die einer Privatperson zu verstehen und seinen aktuellen Arbeitgeber nicht im Film zu erwähnen.

Eine entscheidende Passage aus dem Interview mit Mayer lässt sich so zusammenfassen: Wenn eine Bank einen Kredit vergebe, dann produziere sie Geld, das vorher noch nicht da gewesen sei. Die weitverbreitete Erzählung, dass ein solcher Kredit durch „Einlagen“ abgedeckt sei, sei falsch. Geld, so lautet eine der zentralen Aussagen von „Oeconomia“, muss erst produziert werden, damit die Privatwirtschaft Gewinne machen kann.

Bei der Zusammenfassung ihrer Interviews lässt Losmann die Zuschauer daran teilhaben, wie sie sich selbst die wesentlichen Aussagen ihrer Gesprächspartner erarbeitet hat. Sie erstellt Schaubilder auf einem Desktop und am Ende entsteht jeweils ein Textkasten mit einem Zirkelschluss. In der ersten Zeile steht dann zum Beispiel: „Die Wirtschaft wächst, wenn Kredite vergeben werden“ – und darunter: „Kredite werden vergeben, wenn die Wirtschaft wächst.“

Der klaren und äußerst instruktiven inhaltlichen Struktur des 85-minütigen Films entsprechen die strengen Bilder, die Kameramann Dirk Lütter kreiert. In den Innenräumen der Finanzwirtschaft wirkt alles symmetrisch durchkomponiert – sei es die Art, wie der Catering-Service Fläschchen für Meeting-Teilnehmer anordnet, sei es die Manier, wie die Mitarbeiter einer Vermögensverwaltung ihre Weiße-Hemd-Uniformen mit ihrem Körper verschmelzen lassen. Carmen Losmann hat bereits bei „Work Hard Play Hard“, ihrem 2014 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm über die Verwerfungen der stark von Beratern geprägten heutigen Arbeitswelt, mit Dirk Lütter zusammengearbeitet. Wie „Work Hard Play Hard“ (Arte/ZDF) ist auch „Oeconomia“, ausgestrahlt bei 3sat, ein Architektur- bzw. Innenarchitekturfilm. Immer wieder filmte Lütter die riesigen gläsernen Außenfronten und Innenwände, die Transparenz vorgaukeln sollen.

„Wie soll es denn insgesamt weitergehen, wenn weitere Gewinne, wenn weiteres Wirtschaftswachstum nur zum Preis von weiteren Schulden zu haben sind? Warum können wir nicht einfach aufhören zu wachsen?“ So lauten die auch mit Blick auf die Klimakrise relevanten Fragen, die Losmann den Zuschauern am Ende mitgibt. Grosso modo ist „Oeconomia“ (Produktion: Petrolio Film) ein inhaltlich wie formal herausragender Dokumentarfilm zu grundsätzlichen Fragen rund um Wirtschaftswachstum und Profitschöpfung, Fragen, die im hiesigen Informationsfernsehen sonst keine nennenswerte Rolle spielen. (Der Film ist noch bis zum 7. Februar 2022 in der 3sat-Mediathek zum Anschauen verfügbar.)

21.11.2021 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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