Carl-Christian Demke: Die Spezialisten – Im Namen der Opfer. 10-teilige Kriminalserie (ZDF)

Hochwertige Anmutung

17.02.2016 •

17.02.2016 • In den USA muss man damit rechnen, im Fall einer unautorisierten Format-Adaption belangt zu werden. Die US-Produktion „Cold Case“ (CBS) beispielsweise wies derart augenfällige Übereinstimmungen mit der älteren, vom kanadischen Sender CTV ausgestrahlten Krimiserie „Cold Squad“ auf, dass deren Urheber ihre Anwälte tätig werden ließen.

„Cold Case“, zwischen 2003 und 2010 produziert, lief auch in Deutschland (mit dem Titelzusatz „Kein Opfer ist je vergessen“) mit gutem Erfolg und befindet sich in einer beinahe permanenten Wiederholungsschleife, derzeit auf einem morgendlichen Sendeplatz bei Kabel 1. Thema der Serie wie ihres kanadischen Vorbilds sind unerledigte Kriminalfälle, die wiederaufgenommen werden, weil sich neue Ansätze ergeben haben. Im neuer­lichen Anlauf können die Täter gefasst werden, weil die Ermittler bislang ungeklärte Beweise entdecken, neue Zeugenaussagen erhalten oder weil schlicht die Ermittlungstechnik Fortschritte gemacht hat.

Die Fälle entstammen den unterschiedlichsten Epochen. In „Cold Case“ datierte der älteste auf das Jahr 1919. Darin liegt auch der besondere Reiz dieser Krimis: In Rückblenden wird die jeweilige Ära lebendig, mal die Hippie-Zeit, mal das ‘Jazz Age‘, mal die Rock’n’Roll- oder auch die Disco-Phase. Die Zeitsprünge erlaubten zugleich, politisch brisante Themen aufzugreifen und im historischen Vergleich zu zeigen – Diskriminierung von Minoritäten, Phasen wirtschaftlicher Not oder des Krieges, Frauenemanzipation und vieles mehr.

Diese kriminalistische Arbeit war nicht aus der Luft gegriffen. Es gibt in der US-Polizei solche „Cold-Case“-Einheiten; einige der in der Serie gezeigten Fälle basierten auf Tatsachen. Das gleiche Konzept mit allerdings einer deutlich anderen Figurenkonstellation verfolgen nun die Schöpfer der neuen ZDF-Vorabendserie „Die Spezialisten – Im Namen der Opfer“ (Produktion: Ufa Fiction). Sie widmet sich der Arbeit einer „Interdisziplinären Ermittlungskommission“ (IEK) des Berliner Landeskriminalamts (LKA). Interdisziplinäre Ermittlungskommissionen gibt es in der Realität in den verschiedensten Bereichen, vor allem bezüglich Korruption und Umweltkriminalität.

Die Serien-IEK des ZDF befasst sich mit ungelösten Kriminalfällen, aber auch mit solchen, die ursprünglich gar nicht als Verbrechen erkannt wurden. Auch hier werden die Episoden gern mit signifikanten Epochen oder historischen Daten verknüpft. Titel wie „Das Mädchen aus Ost-Berlin“, „Miss Mai 1988“ oder „Flowerpower“ lassen die Richtung erkennen. Die am 3. Februar gesendete Auftaktfolge führt zurück zum 8. Juli 1990. Berlins Straßen sind nahezu leergefegt – gerade läuft die zweite Halbzeit des WM-Endspiels Deutschland gegen Argentinien („Public Viewing“ großen Stils gab es damals allerdings noch nicht). Am Rande des sportlichen Großereignisses geschieht ein Mord.

Die Leiche wird erst in der heutigen Zeit gefunden, bei Ausschachtarbeiten auf einer Bau­stelle. Ein männlicher Körper, aber mit weiblichen Accessoires wie Handtasche und Strapsen. Ein Fall für die Berliner IEK. Das Team besteht aus Ermittlungsleiter Mirko Kiefer (David Rott), Kriminalkommissar Jannik Meissner (Merlin Rose), der Rechtsmedizinerin Dr. Katrin Stoll (Valerie Niehaus), ihrem Assistenten Rufus Haupenthal (Tobias Licht) und der Kriminaltechnikerin Inga Biehl (Henriette Richter-Röhl). In einer späteren Folge tritt mit Samira Vaziri (Narges Rashidi) eine weitere Technikerin hinzu. Als Vorgesetzte fungiert Kriminaloberrätin Dr. D. Lehberger (Katy Karrenbauer).

Die Ermittlungen folgen dem polizeilichen Prozedere; die Tätigkeiten der Rechtsmedizinerin und der Kriminaltechnikerin nehmen dabei besonderen Raum ein. Deren Arbeit wird zuweilen in dialoglosen, mit Musik untermalten Sequenzen gezeigt, jedoch nicht übertrieben und bis ins Absurde stilisiert wie bei den einschlägig bekannten US-Serien der Marke „CSI“.

„Die Spezialisten – Im Namen der Opfer“ überzeugt handwerklich durch eine hochwertige Anmutung, die zurückgeht auf eine ambitionierte Bildgestaltung (Kamera in den Folgen 1 bis 3: Roman Nowocien) mit einer ausgefeilten Farbdramaturgie und einer markanten Kameraführung – im Wesentlichen ein stimmiger Wechsel aus weitem Winkel bei Gruppenaufnahmen und beweglicher Handkamera im Nahbereich, mit akzentuierenden, den Blick leitenden Schärfeverlagerungen.

Die Drehbücher (Headautor: Carl-Christian Demke) gewähren den Schauspielern erfreulich viel Spielraum. Valerie Niehaus als Rechtsmedizinerin Katrin Stoll tritt an ihrer neuen Arbeitsstelle zunächst stürmisch, munter und bestechend blauäugig in Erscheinung. Hinter dieser vereinnahmenden Art, die einige ihrer Kollegen als aufdringlich empfinden, verbirgt sich jedoch eine dunkle Geschichte, die erst nach und nach enthüllt wird.

Henriette Richter-Röhl, nicht selten in Klischeerollen besetzt, zeigt sich hier als bis an die Grenze zum Autismus introvertierte Kriminaltechnikerin Inga Biehl von einer eher ungewohnten Seite. Die Episoden-Gastrollen sind prominent besetzt, mit Akteuren wie Dominic Raacke, Meral Perin, Nadja Bobyleva, Inez Bjørk David und Rebecca Immanuel.

Schöner wäre es schon, wenn deutsche Serien-Produzenten weniger auf ausländische Vorbilder zurückgreifen und gänzlich eigenständige Stoffe entwickeln würden. Aus Zuschauerwarte fügen sich bei „Die Spezialisten“ besagte Konzeptanleihen und eigene Zutaten zu einem Angebot, das sich, zumal im vorabendlichen Rahmen, wahrlich sehen lassen kann.

17.02.2016 – Harald Keller/MK

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