Burkhardt Wunderlich/Juliane Engelmann/Samia Susann Trabolsi/Isabel Braak: Plötzlich Türke. Nachwuchsfilmreihe „Nordlichter“ (NDR Fernsehen)

Partiell bissig

22.11.2016 •

22.11.2016 • Anfangs reagiert Jim Lorentz (Oliver Konietzny) belustigt auf den drolligen Fehler. Er ist gerade mit seiner schwangeren Freundin Jule (Nikola Kastner) zusammengezogen. Beide sitzen im Meldeamt, um die Adressänderung eintragen zu lassen. Bei Jule kein Problem, doch Jims Personalausweis wird eingezogen. Denn, so erfährt der frappierte Petent, er sei ja Türke. Und wie er überhaupt an deutsche Papiere gelangt sei? Nun heißt Jim zwar tatsächlich mit Geburtsnamen Cem, aber er ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters und wurde in Deutschland geboren. Eine eindeutige Sachlage, aber irgendwie muss es bei der elektronischen Datenverarbeitung zu einem Fehler gekommen sein. Für das deutsche Meldesystem ist Cem ein Türke. Und damit basta!

Ein Irrtum mit Folgen. Jim alias Cem irrt von einer Behörde zur nächsten, erfährt Unverständnis, Abwehr, offene Feindseligkeit. Schließlich empfiehlt man ihm, sich erst einmal türkische Papiere zu beschaffen, um sich dann wieder in Deutschland einbürgern zu lassen. Cem allerdings spricht kein Wort türkisch. Wie soll er da in der Botschaft seines Landes einen Pass beantragen? Ein Kumpan soll ihm via Handy die nötigen Sätze ins Ohr flüstern. Doch der flirtet lieber mit türkischen Mädchen. Jim plappert alles treuherzig nach – und wird von dem Urkundsbeamten der türkischen Botschaft achtkantig aus dem Büro geworfen.

Die Autoren Burkhardt Wunderlich, Juliane Engelmann und Samia Susann Trabolsi und Regisseurin Isabel Braak wählten für ihre Geschichte die Form der Farce, erzählen sie ironisch-kafkaesk, partiell bissig, machen Anleihen bei der Köpenickiade. Dabei haben sie, auch wenn man es oftmals nicht glauben möchte, die Realität auf ihrer Seite. Die 85-minütige Tragikomödie „Plötzlich Türke“ (Produktion: Jumping Horse Film) basiert auf realen Ereignissen. Opfer des Behördenirrtums war der damals 21-jährige Cem Fertig, der im Film in einer Nebenrolle mitspielt und im Nachspann auf einem Foto zu sehen ist. Er hat seine Erlebnisse niedergeschrieben, sein Buch trägt denselben Titel wie der Film und diente dafür als Vorlage, wobei Cem Fertig in der Realität ganze 18 Jahre in der aufgezwungenen Illegalität verbrachte, während die Spanne für den Film deutlich verkürzt wurde.

Die Eröffnungssequenz gibt den Tonfall vor: Jim gehört zu einer Gruppe türkischer Rekruten, die von ihrem Ausbilder nach allen Regeln der Kunst zurechtgestaucht werden. Dummerweise versteht Jim kein Wort. Als sich der Offizier direkt an ihn wendet, kann Jim nur mit Hilflosigkeit reagieren. Aus dem Off kommentiert er freundlich-süffisant: „Er hat wirklich eine kräftige Stimme. Könnte Sänger werden…“ Wie Jim in diese absurde Situation geriet, wird alsdann in Form einer langen Rückblende erzählt.

Klugerweise hat das Autorentrio auf übertriebene Melodramatik verzichtet. Jim ist Opfer der Umstände, hat aber auch Anteil an der Misere, ist ein Leichtfuß, jugendlich unbeschwert, war vordem kaum fähig, den Alltag zu organisieren. Er befindet sich gerade in jener biografischen Phase, die Konsolidierung verlangt. Er wird Vater, muss die neue Wohnung einrichten, für einen regelmäßigen Lebensunterhalt sorgen. Diese allgemeingültige Note verleiht dem Film zusätzlichen Reiz, macht ihn nicht zuletzt für ein junges Publikum zugänglich und trotz einer eher schlichten Inszenierung, die auf ein knappes Budget deutet, insgesamt sehenswert.

„Plötzlich Türke“ entstand im Rahmen der Nachwuchsfilmreihe „Nordlichter“, die vom Norddeutschen Rundfunk (NDR), der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) und der Film- und Mediengesellschaft Nordmedia (Niedersachsen/Bremen) ins Leben gerufen wurde. Im vorigen Jahr wurde die erste Staffel der „Nordlichter“-Reihe produziert (vgl. MK-Meldung), 2016 folgen vier weitere Filme, allesamt Komödien. Ausgestrahlt werden sie im Dritten Programm NDR Fernsehen. Auffällig ist, dass sich die jungen Regisseure – in vorbeugender Anpassung? – filmgestalterisch durchweg in höchst konventionellen Bahnen bewegen. Der junge, manchmal freche Approach liegt allenfalls in den Inhalten, wobei „Plötzlich Türke“ und der zur Reihe zählende Film „Ostfriesisch für Anfänger“ (der vor der TV-Auswertung zunächst im Kino läuft) die Einwanderer- und Flüchtlingsproblematik zum Thema machen und damit zeitkritische Inhalte liefern.

Die weiteren beiden Filme der vier diesjährigen „Nordlichter“-Produktionen waren „1000 Mexikaner“ und „Strawberry Bubblegums“. „1000 Mexikaner“, am 17. November um 22.00 Uhr gesendet, kreist amüsant, aber ohne tieferen Belang ums Filmemachen und um das Prekariat der Kreativwirtschaft, während „Strawberry Bubblegums“, am 3. November ausgestrahlt, die originelle Odyssee einer 17-Jährigen auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater beschreibt, wobei – möglicherweise etatbedingte – dramaturgische und inszenatorische Schwächen den Gesamteindruck doch erheblich trübten.

22.11.2016 – Harald Keller/MK

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