Bruni Reitzenstein: Mein Dresden – Die zerrissene Stadt (ZDF)

Überschaubarer Erkenntniswert

11.07.2019 •

Was denkt man eigentlich beim ZDF, wann politisch interessierte Zuschauer unter der Woche zu Bett gehen? Offensichtlich weit nach Mitternacht. Oder sollte man beim Zweiten mit Blick auf das hohe Durchschnittsalter der Stammseher inzwischen davon ausgehen, dass von denen ohnehin kaum noch einer am nächsten Tag an irgendeinem Arbeitsplatz erscheinen muss. Aber selbst die dürften an einem Mittwoch um 0.45 Uhr nicht mehr hellwach sein, um sich eine Reportage anzuschauen.

Bruni Reitzenstein machte sich in ihrer Heimatstadt Dresden 30 Jahre nach der Wende auf die Suche nach der aktuellen Befindlichkeit der Bewohner. Wobei der Untertitel ihres Films bereits deutlich machte, dass es um die Lage im Elbflorenz nicht zum Besten steht. Schließlich hat Dresden in den vergangenen Jahren vor allem durch die montäglichen Demonstrationen der ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung von sich reden gemacht. Dabei machte die Autorin – die 1984 per Ausreiseantrag die DDR verließ und danach in der Bundesrepublik als Journalistin unter anderem für die ZDF-Formate „Leute heute“ und „ML – Mona Lisa“ gearbeitet hat – von Beginn an deutlich, dass es in ihrem Film um eine persönliche, gänzlich subjektive Bestandsaufnahme gehen werde. Wozu sie, so ihre Ankündigung, in erster Linie mit „Bekannten, Freunden und Verwandten“ sprechen wolle. Dass sich in diesem Personenkreis viele Pegida- oder auch AfD-Anhänger finden würden, war bei einer gestandenen Journalistin allerdings kaum zu erwarten.

Mit ihrem Großcousin Frank, um die 60, hatte Reitzenstein aber immerhin einen entfernten Verwandten ausgemacht, der sich offen zu Pegida und AfD bekannte. Und der brachte die üblichen Anschuldigungen vor. Dass es seit 2015 In Deutschland gewaltig schieflaufe, Kanzlerin Merkel dafür die Verantwortung trage, die Menschen in Dresden schon einmal 40 Jahre lang „verarscht worden“ seien und die Flüchtlinge die Sozialkassen zu ruinieren drohten. Und überwacht fühlte sich Frank auch noch, weil er nirgendwo seine politische Meinung kundtun dürfe. Schließlich ließ auch er noch das inzwischen gängige Schlagwort von der „DDR 2.0“ fallen.

Es waren die bekannten Abstrusitäten, die von ‘besorgten Bürgern’ wie Frank immer wieder zu hören sind. Sie beklagen vor laufender Kamera gerne die Abwesenheit von Rechten und Freiheiten, die sie gerade in diesem Moment in Anspruch nehmen. Ob er persönlich als gutsituierter Mittelständler denn durch die Flüchtlinge Einschränkungen erlebe, wollte die Autorin dann noch wissen. Die Antwort kam zögerlich: „Ich persönlich jetzt nicht“, lautete sie. Die Sache mit „DDR 2.0“ nannte Reitzenstein lediglich im Off-Kommentar „einen unerträglichen Vergleich“. Diskutieren wollte sie die Angelegenheit mit ihrem Verwandten offenbar nicht. Aber da der Mann der einzige Bekannte mit solcher Gesinnung war, bekam er im Lauf des Films noch zwei weitere Auftritte.

Die drei ehemaligen Schulkameraden, die Bruni Reitzenstein für ihre Reportage auf ein Bier traf, distanzierten sich von populistischen Gesinnungen, gaben jedoch zu bedenken, dass nach der Wende mit der Treuhand nicht alles gut gelaufen sei. Ja, Ausländer habe es auch in der DDR gegeben, aber die Kubaner und Vietnamesen seien nach Feierabend stets in ihren Wohnheimen verschwunden. Zwei Schulfreundinnen steuerten dann noch als Erklärungsversuch für die im Osten grassierende Unzufriedenheit bei, dass man das mit der Ellenbogengesellschaft damals in der Schule nicht gelernt habe. Arbeitslosigkeit und Existenzängste habe man auch nicht gekannt. Aber von etwaigen ostalgischen Anwandlungen erklärten sich die beiden Frauen gänzlich frei.

Überhaupt suchte man die klassischen Wendeverlierer in dieser Reportage vergeblich. Wie das nun mal so ist, wenn eine Journalistin nur unter Bekannten recherchiert. Besonders eklatant wurde dieser konzeptionelle Mangel in einer Szene, in der die Autorin, ohnehin in jeder Einstellung im Bild, an einer tristen Hochhaussiedlung vorbeifuhr und erklärte, dort wohnten viele Arbeitslose und Flüchtlinge. Von denen sie aber niemanden kannte und auch nicht kennenlernen wollte. Stattdessen saß Bruni Reitzenstein plötzlich in der Villa von Gunther Emmerlich in einem Dresdener Nobelviertel. Ob der 74-jährige Sänger und Moderator auch zum Bekanntenkreis der Autorin gehörte oder nur als Promi aufgesucht wurde, blieb ungeklärt. Jedenfalls hatte der Entertainer zur Erklärung der Lage kaum etwas beizusteuern.

Letztlich war man (als Wessi) am Ende des 45-minütigen Films auch nicht wesentlich klüger hinsichtlich der Frage, warum in Dresden die Menschen massenhaft mit Pegida und der AfD sympathisieren. Mehr als eine dumpfe Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation blieb da kaum hängen. Doch die Autorin hatte ja auch angekündigt, ihre Presenter-Reportage sehr persönlich halten zu wollen. Wobei sie auch immer wieder ihre eigene Biografie in Form von Fotos einfließen ließ. Dass diese dann tricktechnisch aufs Wasser der Elbe, auf Hausfassaden oder Straßenbahnfenster montiert wurden, war lediglich eine belanglose Spielerei. Auch wenn sich der Erkenntniswert in Grenzen hielt – so schlecht, dass man seine Erstausstrahlung weit nach Mitternacht ansetzen musste, war der Film „Mein Dresden – Die zerrissene Stadt“ allerdings nun auch nicht. (Die Einschaltquote lag bei 410.000 Zuschauern und einem Marktanteil von 7,8 Prozent.)

11.07.2019 – Reinhard Lüke/MK