Bernd Reufels/Julia Zipfel: Phantom RAF – Der ungelöste Fall Herrhausen (ZDFinfo)

Stasi unter Verdacht

06.12.2019 •

Anlass für diese Dokumentation von Bernd Reufels und Julia Zipfel ist der 30. Todestag von Alfred Herrhausen. Erinnert wird an den tödlichen Bombenanschlag vom 30. November 1989 in Bad Homburg (Hessen), dem der damalige Vorstandschef der Deutschen Bank zum Opfer fiel, dessen Auto in die Luft gesprengt wurde. Mit einem Bekennerschreiben übernahm seinerzeit die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) die Verantwortung für dieses Attentat; die eigentlichen Täter konnten jedoch bis heute nicht ermittelt werden. Man sprach damals von ihnen als der dritten RAF-Generation seit Gründung dieser linksextremistischen Terrorgruppe durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof im Jahr 1970.

Bei ZDFinfo gab es am Abend des 30. November einen Themenschwerpunkt zur RAF, in dessen Rahmen neben dem neuen Film zum Attentat auf Herrhausen auch zahlreiche, in früheren Jahren bei ARD und ZDF ausgestrahlte Dokumentationen über die RAF und die von ihr begangenen Anschläge wiederholt wurden. Mit dieser Programmplanung füllte ZDFinfo eine Lücke, denn der Jahrestag des Herrhausen-Attentats fand im übrigen Fernsehprogramm ansonsten keine Berücksichtigung in Form von Einzelsendungen. Zuletzt war am 1. Dezember 2014, zum 25. Jahrestag, im Ersten Programm der ARD eine Dokumentation über den Anschlag auf Herrhausen ausgestrahlt worden: Egmont R. Koch hatte in der Dokumentation „Die Spur der Bombe“ eine Verbindung der RAF zur PFLP („Volksfront für die Befreiung Palästinas“) entdeckt, die das Know-how für das Attentat geliefert habe (vgl. FK-Kritik). Auch die jetzt ausgestrahlte neue Dokumentation erwähnt diese Spur wieder, legt aber ihren Schwerpunkt auf einen Verdacht, der zur Stasi, zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR führt. Belegt wird diese Vermutung mit Stasi-Unterlagen, darunter auch Bild-Dokumente, die beweisen, dass die Stasi seinerzeit mit Anschlägen dieser Art ‘experimentiert’ hat.

Das drei Wochen nach dem Mauerfall (9.11.1989) begangene Herrhausen-Attentat, dessen Ausführung sehr genaue technische Kenntnisse erforderte, hat seither Anlass für zahlreiche Spekulationen über die eigentlichen Drahtzieher gegeben. So hatte sich in dieser Sache unter anderem auch der hessische Verfassungsschutz mit dubiosen Zeugenaussagen in Verruf gebracht. Diese entsprechende Geschichte um die zweifelhaften Aussagen des ehemaligen V-Manns Siegfried Nonne wird jetzt ebenfalls wieder erwähnt – sie war einst vom ARD-Politmagazin „Monitor“ (WDR; in der Sendung vom 1.7.1992) aufgedeckt worden.

Doch auch die ZDFinfo-Dokumentation kann, wie es schon der Sendetitel besagt („Der ungelöste Fall Herrhausen“), keine endgültige Aufklärung bringen, sie favorisiert aber eindeutig die Stasi-Spur. Dabei werden auch heute noch immer widersprüchlich oder rätselhaft erscheinende Vorkommnisse eher heruntergespielt oder kommen überhaupt nicht mehr vor. So bleibt hier zum Beispiel die in früheren Dokumentationen und Buchpublikationen vermerkte Tatsache unerwähnt, dass bei den üblicherweise immer von zwei Sicherheitsfahrzeugen begleiteten Autofahrten Herrhausens an jenem Tag kurz vorher das vordere Begleitfahrzeug abgezogen worden war, so dass die gepanzerte Limousine des Bankiers als erste die Lichtschranke durchfuhr, die dann die Sprengfalle auslöste.

In den ersten (ungefähr fünf) Minuten der Dokumentation wird zunächst der Ablauf des Anschlags rekonstruiert, danach folgt etwa zwanzig Minuten lang ein Rückblick auf das Leben Herrhausens und auf die drei RAF-Generationen mit den jeweiligen von ihnen begangenen Attentaten, gleichsam im Schnelldurchlauf. Dann kehrt die Dokumentation nochmals und ausführlicher als zu Beginn zu den Ereignissen vom 30. November 1989 in Bad Homburg zurück. Neben dokumentarischem Bildmaterial gibt es zahlreiche Statements von Zeitzeugen und Experten. Bei der Stasi-Spur bezieht sich die Dokumentation offenbar unter anderem auf Recherche-Ergebnisse von Tanja Langer, die in dem 45-minütigen Film auch prominent zu Wort kommt. Die Schriftstellerin Tanja Langer hat als junge Studentin (namens Tanja Neumann) mit Alfred Herrhausen korrespondiert. Dies hat sie in einem Schlüsselroman verarbeitet, der 2012 unter dem Titel „Der Tag ist hell, ich schreibe dir“ veröffentlicht wurde. Das Buch enthält dabei auch Ergebnisse eigener Recherchen zum Verhältnis der Bundesrepublik zur DDR auf der Ebene der Banken.

Nun ist die Vermutung, die Stasi stehe hinter diesem Anschlag, weder ganz neu noch ist sie aus heutiger Sicht wirklich überraschend, sieht man die Stasi inzwischen doch auch in das Attentat auf den Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder am 1. April 1991 in Düsseldorf verwickelt (dazu übrigens gab es im November vorigen Jahres einen zweiteiligen ZDF-Fernsehfilm mit reichlich Verschwörungstheorie; vgl. diese MK-Kritik). Die ZDFinfo-Dokumentation zum Fall Herrhausen enthält mithin keine sensationell neuen Ansichten, sondern sie ist vielmehr als ein fundiertes Erinnerungsstück zu sehen, um diese Zeit und ihre Terroropfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Am Ende des Films steht ein Appell an die noch lebenden RAF-Mitglieder, nach so langer Zeit doch endlich ihr Schweigen zu brechen.

06.12.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK