Bernd Lange/Florian Gallenberger: Der Überläufer. 2‑teiliger Fernsehfilm nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz (ARD/NDR/SWR)

Ein Höhepunkt dieses Fernsehjahres

24.04.2020 •

„Ich weiß nicht, wer ich noch bin!“, sagt die junge Polin Wanda irgendwann einmal. Hatte sie zunächst als Partisanin in den Wäldern gegen die nationalsozialistischen deutschen Besatzer gekämpft, lebt sie mittlerweile ein (zumindest nach außen hin) glamouröses Leben: Seit dem Einzug der Roten Armee tritt sie als Sängerin auf zur abendlichen Unterhaltung der russischen Soldaten. Sie macht dies aber nicht aus Überzeugung, sondern es ist Teil ihrer Überlebensstrategie kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Identitätsfrage grundiert den zweiteiligen Spielfilm „Der Überläufer“ nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz, die Frage danach, welche Rolle(n) jeder im Krieg übernimmt, um sich und die Seinen zu schützen. Jeweils ganz bei sich, ihrem wahren Selbst, sind Wanda und ihr deutscher Geliebter Walter nur, wenn sie zusammen sind. Als Antwort auf ihre Zweifel zieht Walter Wanda deshalb vor den Spiegel, zeigt auf das gemeinsame Abbild und spricht: „Schau, das sind wir!“

Auch deshalb halten die beiden so an ihrer verbotenen Liebe fest: weil sie, wenn sie zusammen sind, eben nicht mehr spielen, sondern wirklich sind. Den Positionen nach, die der Krieg für sie vorsieht, dürfte ihre Liebe natürlich keinesfalls existieren, sind sie demnach doch direkte Gegner. Als sich die beiden kennenlernen, ist Walter Soldat der deutschen Wehrmacht und Wanda eine polnische Partisanenkämpferin. Gerade aufgrund dieser äußeren Umstände hat ihre Liebe, die in einem gewissermaßen unsichtbaren eigenen Raum zwischen den Fronten stattfindet, etwas Unschuldiges, Reines, Absolutes.

Und Malgorzata Mikolajczak und Jannis Niewöhner spielen diese Liebe so intensiv, spontan und frisch, dass sie stimmig und glaubhaft wirkt – auch wenn eine solche Verbindung mitten im Krieg vermutlich höchst unwahrscheinlich war. Das erste Mal treffen die beiden aufeinander, als Walter nach dem Heimaturlaub im Sommer 1944 mit der Eisenbahn zurück an die Ostfront fährt. Er hilft Wanda heimlich in den Postwagen, nicht ahnend, dass sie plant, den Zug in die Luft zu sprengen. Doch aufgrund einer Kontrolle muss Wanda den Waggon wieder verlassen und kommt zu Walters Bedauern nicht zurück. Sie hat jedoch das Päckchen mit dem Sprengstoff vergessen. Walter wirft es, halb ahnend, was es sein könnte, aus dem Waggon, so dass esaußerhalb des Zuges zur Explosion kommt –anders also als von der Partisanin beabsichtigt.

Walter findet sich schließlich inmitten eines Birkenwäldchens wieder und wird dort einer kleinen Truppe deutscher Wehrmachtssoldaten zugeteilt, die den Bahndamm bewachen sollen. Der erste Teil von „Der Überläufer“ widmet sich ausführlich diesem erschreckend stümperhaft agierenden Häuflein Soldaten, das von seinem sadistischen Anführer Willi Stehauf tyrannisiert wird. Mit Muße und viel Liebe zum Detail werden die Figuren gezeichnet: der reflektierte, mit dem Kommunismus sympathisierende Wolfgang Kürschner (Sebastian Urzendowsky), der religiös verwirrte Zwiczosbirski (Adam Venhaus), der opportunistische Koch Baffi (Bjarne Mädel), der von der Zukunft träumende Familienvater Paul Zacharias (Florian Lukas), der grobschlächtige Poppek (Mathias Herrmann) und der ebenso brutal wie willkürlich herrschende Unteroffizier Stehauf (Rainer Bock).

Intensiv wird das zwischen Langeweile, Stumpfsinn und Gewalttätigkeit changierende Leben dieser unsäglichen Truppe in den von Mücken, Hitze und Partisanen geprägten polnischen Sümpfen geschildert. Wenig überraschend, dass dieses Dasein bei den einen den letzten Rest von Empathie ausmerzt, bei den anderen starke Zweifel an ihrer Mission wachsen lässt – was sich bei Zwiczosbirski hin zum veritablen Wahn steigert – und bei wirklich allen die Moral untergräbt. Grandios gut wird das erzählt, mit sehr guten Dialogen (Drehbuch: Bernd Lange und Florian Gallenberger), präziser Schauspielführung und Regie (Florian Gallenberger) und einer Kamera (Arthur Reinhart), die die nervöse Situation in der unüberschaubaren Wald-und-Sumpf-Landschaft fühlbar macht.

„Der Überläufer“ (Produktion: Dreamtool Entertainment) sticht auch dadurch hervor, dass dieser Zweiteiler nicht wie der durchschnittliche TV-Historienfilm daherkommt, der sich oftmals sehr weit weg und irgendwie „verkleidet“ anfühlt, sondern dass er eine große Frische, Modernität und damit Relevanz fürs Heute mitbringt. Das liegt an den prägnanten, unverkrampften Dialogen, am herausragenden Cast, aber auch an der guten Ausstattung. Und an einer Geschichte, die stets nah bei ihren Figuren bleibt, die große Gefühle und Gedanken nicht scheut und doch keinen Kitsch produziert.

Unglaublich, dass der Verlag Hoffmann und Campe diesen Roman in den 1950er Jahren aus politischen Gründen nicht drucken wollte und erst sechs Jahrzehnte später veröffentlichte, 2016, zwei Jahre nach dem Tod von Siegfried Lenz! Und andererseits wiederum auch nicht so überraschend, galten Deserteure und „Überläufer“ zum Feind in der Bundesrepublik Deutschland doch noch Jahrzehnte nach dem Krieg als „Verräter“. Denn wie es der Titel ja ankündigt, wird Walter zu Beginn des zweiten Teils eben dies: ein Überläufer zur Roten Armee. 

Im Vertrauen auf seinen aus Überzeugung bereits übergelaufenen Freund Wolfgang folgt er diesem nach, kann seine eigenen Zweifel an dem Schritt aber bis zuletzt nicht ablegen. Ob die Sowjets nicht letztlich ähnlich unmenschlich agieren wie die Nazis, fragt sich Walter, nur eben unter etwas anderen Vorzeichen? Der Film bleibt auch hier dicht bei seiner Hauptfigur und deren Wahrnehmung der Zeitläufte. Und Walter sieht dann nach dem Ende des Krieges als Beamter in Berlin, der im Auftrag der sowjetischen Besatzung Passierscheine ausstellt, wie erneut ein Regime die Idee über den Einzelnen stellt und Ideologie Menschlichkeit ersetzt.

Diese Hauptfigur hat im ersten Teil des Films etwas von einem reinen Tor, ist gutherzig, ein bisschen naiv und versucht gewissermaßen, es jedem recht zu machen. Die Erfahrungen des Krieges, vor allem aber sein eigenes Sich-schuldig-Machen (Walter erschießt im Wald Wandas Bruder und später, ohne es in dem Moment zu wissen, seinen eigenen Schwager) schärfen Walters Blick dafür, wo Mitgefühl unter die Räder von Systemen gerät. Jannis Niewöhner spielt diese Figur und ihre Wandlung mit beeindruckender Intensität und Überzeugungskraft.

Zwar sind die Überlegungen dieses Zweiteilers in der Gegenüberstellung von Nazi- und beginnender sozialistischer Diktatur manchmal vielleicht ein wenig zu schematisch geraten; doch über diesen kleinen Einwand sieht man angesichts der zahlreichen Qualitäten dieser Produktion gerne hinweg. Zu diesen Vorteilen gehören neben den klugen Reflexionen und dem theoretischen „Überbau“ (der hier freilich gar nicht theoretisch, sondern sehr lebensnah daherkommt) eben vor allem die starken Emotionen. So ist „Der Überläufer“ ein erfreuliches Beispiel dafür, wie ein Fernsehfilm die eine wie die andere Ebene bedienen, beide gleichermaßen mitreißend, überzeugend und unterhaltsam in Szene setzen und miteinander verknüpfen kann. Damit gehört der Film auf jeden Fall schon einmal zu den Höhepunkten des laufenden Fernsehjahres, auch wenn das noch nicht einmal zur Hälfte vorbei ist.

(„Der Überläufer“ hatte folgende Einschaltquoten: Teil 1: 4,70 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,7 Prozent, Teil 2: 4,24 Mio Zuschauer Marktanteil: 11,5 Prozent. Der erste Teil wurde wegen einer „ARD-extra“-Sendung zur Coronakrise 15 Minuten später ausgestrahlt als ursprünglich vorgesehen.)

24.04.2020 – Katharina Zeckau/MK