Bernd Lange/Dominik Graf/Pia Strietmann: Tatort – In der Familie. 2‑teiliger Fernsehfilm anlässlich von 50 Jahre „Tatort“ (ARD/WDR/BR)

In bester Tradition

21.12.2020 •

Beim „Tatort“ der ARD kommt man bei den Jubiläen kaum nach. Erst wurde die 750. Folge gefeiert, dann die 1000. und schon wird das 50-jährige Bestehen gefeiert. Noch in der Freude über den anhaltenden Erfolg dieses Krimi-Klassikers schimmert etwas von der Enttäuschung durch, dass es so viele andere Erfolgserlebnisse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr gibt.

Zugleich feiert die ARD mit dem „Tatort“ im Grunde ihre eigene Struktur. Denn das Geniale in der Idee, die der WDR-Redakteur Gunther Witte ausgeheckt hatte, besteht ja darin, dass er die föderale Struktur der ARD, die dort das Entscheiden oft genug erschwert, der am 29. November 1970 gestarteten Krimi-Reihe im positivsten Sinne zu Grunde legte. Nicht ein einziger Sender – wie der NDR die „Tagesschau“ oder der WDR die „Sportschau“ – sollte die neue Reihe realisieren, sondern alle, die sich dafür interessierten und mitmachen wollten. Das überzeugte selbst die Kleingeister, die es auch damals schon in der ARD gegeben haben soll. Da in Deutschland die Polizei wie die Kultur und damit auch das Fernsehen föderal strukturiert ist, harmonierte der Produktions-Clou auch mit dem Inhalt der Reihe, die sich mit Tötungsdelikten beschäftigen sollte.

Für die „Tatort“-Produktion zum 50. Geburtstag hatten sich der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und der Bayerische Rundfunk (BR) für eine an zwei Sonntagen ausgestrahlte Doppelfolge zusammengetan, so dass der erste Teil in Dortmund und der zweite in München spielte. Das ist so ungewöhnlich nicht. Es gab bei besonderen Anlässen immer schon mal Folgen, bei denen die jeweils regional angesiedelten Kommissare orts- und damit senderübergreifend ermittelten. Das knüpfte, ohne dass dies viele wissen, daran an, dass man in den ersten „Tatort“-Jahren immer mal wieder Querverbindungen durch die Reihe herstellte. Dann telefonierte etwa der Kommissar aus Hamburg mit den Kollegen in München und der in Frankfurt am Main mit dem in Essen.

Dieses Mittel wirkte oft aufgesetzt und dürfte für die Schauspieler, die für den entsprechenden Kurzeinsatz in der jeweiligen Folge als Kollege jenseits des eigentlichen Handlungsortes eingesetzt wurden, auch nicht sonderlich anregend gewesen sein. Und inhaltlich hatte das einen müden Charme, wie er vermutlich auch den Schaltkonferenzen der ARD eigen ist. Seltener als die ortsübergreifende Ermittlung ist für den „Tatort“ die Praxis einer Doppelfolge, fast so als gönnten die anderen Sender dem, der diesen Zweiteiler produzierte, diese doppelte Aufmerksamkeit nicht.

Das Drehbuch zur Dortmund-Münchner Jubiläums-Doppelfolge mit dem Titel „In der Familie“ schrieb Bernd Lange. Den ersten Teil inszenierte Dominik Graf, der sich selbst in der Gestalt seiner Stimme in den Sprechfunkverkehr der Polizei mit einbrachte. Den zweiten Teil inszenierte Pia Strietmann. Produziert wurden beide Folgen von der Firma X Filme Creative Pool.

Die Geschichte beginnt mit einem Verbrechen, das in München begangen wird, wechselte dann nach wenigen Filmminuten nach Dortmund, wohin der Täter flieht. So kommen die Münchner Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit den Dortmunder Kollegen Faber (Jörg Hartmann), Dalay (Aylin Tezel) und Bönisch (Anna Schudt) zusammen. Im zweiten Teil, wenn sich die Geschichte zurück nach München verlagert, wechselt dann Faber in die bayerische Landeshauptstadt, um den Kollegen dort zur Seite zu stehen oder um sie – wie diese es sehen – bei der Arbeit zu behindern.

Neben der Krimi-Geschichte sind es die Querverweise auf die Reihe und die Eigenheiten ihrer Ermittler, die den besonderen Reiz dieses zweiteiligen „Tatorts“ ausmachen. Die klassischen Ermittler aus München sind stellenweise fassungslos, wenn Faber, wie es seine Art ist, über Assoziationsketten versucht, eine Tat zu begreifen oder eine mögliche Reaktion des Täters zu antizipieren. Nett dann auch, dass Batic bei seinem Einsatz im Ruhrgebiet eine Tasse aus dem Dortmunder Kommissariat mitgehen lässt und danach in der zweiten Folge seinen Kaffee in München aus dieser Tasse mit dem Wappen von Borussia Dortmund trinkt. Und Nora Dalay wird ihren Dienst quittieren, nachdem eine Frau, die ihr vertraute und die als Kronzeugin aussagte, ermordet wird. Ein Ausstieg (von Aylin Tezel als „Tatort“-Kommissarin), der sich in den vorherigen Folgen des Dortmunder Teams bereits angedeutet hatte.

Wichtiger ist aber die ortsübergreifende Geschichte, die vom organisierten Verbrechen in Deutschland handelt. Konkret geht es um die kalabrische Mafia, die ’Ndrangheta, die ein weitverzweigtes Kokainnetz aufgebaut hat, zu dem auch das Restaurant von Luca und Juliana Modica (Beniamino Brogi und Antje Traue) gehört. Während der Ehemann als Mitglieds des Mafia-Clans eingeweiht ist, ahnt seine Frau von dem, was sich im Hintergrund des normalen Restaurantbetriebs abspielt, nichts.

Als ein Gangster des Clans aus München, wo er einen Mord begangen hat, nach Dortmund und zu dem Restaurantehepaar wechselt, zerfällt der schöne Schein. Als der Clan erfährt, dass die Frau des Restaurantbetreibers, nachdem sie die wahren Hintergründe kennt, bei der Polizei ausgesagt hat, erteilt er deren Mann den Auftrag, seine eigene Ehefrau zu töten. Wenn nicht, würde ihre gemeinsame Tochter Sofia (Emma Preisendanz), die der Münchner Gangster ohne Wissen der Eltern bereits entführt hat, getötet werden. In dieser Zwangslage erwürgt der Ehemann seine Frau, während die Ermittler im Hintergrund auf die beste Möglichkeit eines Zugriffs zu lange warten und so verabsäumen, den Mord zu verhindern.

Im zweiten Teil konzentriert sich die Geschichte auf den Mann, der seine Frau tötete, und deren Tochter, die weder von der Tat weiß noch davon, wer sie begangen hat. Beide sind nach München gewechselt, wo der Vater Handlangerdienste in einem Immobiliengeschäft des Clans leistet. Die Mafia investiert die Einnahmen in Grundstücke, die sie nun möglichst preisgünstig und an allen Vorschriften vorbei bebauen will, weshalb sie Beamte aus der Baubehörde der Stadt besticht oder, wenn sich diese weigern, sie mit Gewalt unter Druck setzt. All das liefe auch nach Plan, würde die Tochter Sofia nicht entdecken, dass ihre Mutter ermordet wurde. Ihre Wut lässt die Situation eskalieren. Am Ende lassen die Münchner Ermittler Sofia, die aus Notwehr den Gangster tötete, der sie einst entführte, entfliehen – ein mitfühlendes Verhalten, wie es für die „Tatort“-Kollegen aus München nicht unüblich ist, was aber der Dortmunder Faber nur baff erstaunt registrieren kann.

Der ökonomische wie der soziale Zusammenhang von Drogen- und Immobilienhandel werden in diesem „Tatort“-Zweiteiler ebenso angedeutet wie die Abhängigkeiten, die der Mafia-Clan schafft und von denen er profitiert. Die Gewaltakte geschehen beiläufig oder als harte Arbeit; einen Menschen zu erwürgen, ist nichts, was nebenbei geschieht. Sie geben denn auch den Takt der Erzählung vor. Der erste Teil beginnt mit einem Messerstich in den Bauch und endet mit dem Mord an der Ehefrau. Die zweite Folge hebt mit einer Todesdrohung an, bei der ein wankelmütiger Baubeamter mit einem Seil über die Brüstung einer Brücke hinunter in die Tiefe gehalten wird und dann, was nicht in der Absicht seiner Bedroher lag, stirbt, und die Folge endet mit dem Tod gleich mehrerer Gangster.

Das wird in beiden Teilen ähnlich lapidar erzählt. Wenn es einen Unterschied in der Inszenierungsweise gibt, dann besteht er darin, dass sich Dominik Graf deutlich weniger für die Psychologie seiner Figuren interessiert als für die gradlinig erzählten Handlungen der Täter wie der Ermittler. Seine Bilderfolgen sind denn auch rascher montiert als die des zweiten Teils, in dem Pia Strietmann sich Zeit lässt, um insbesondere die seelische Befindlichkeit auszudeuten, in der sich die Tochter befindet.

Die Spannung blieb – und das ist keine geringe Leistung – über beide Teile erhalten. Das Zusammenspiel der Kommissare funktionierte. Das Milieu des deutschen ‘Ndrangheta-Clans war mit einer gewissen Sorgfalt dargestellt; ihre Gangster sehnten sich weniger nach einem Leben in Luxus als nach solider Klein- oder Großbürgerlichkeit. Gut auch, dass die Gespräche der Gangster untereinander in Italienisch gehalten (und untertitelt) waren. Die Muttersprache zu verwenden, wird ja zumeist unterlassen, angeblich um die Zuschauer nicht zu irritieren, die aber in Wirklichkeit viel stärker durch die Praxis irritiert werden, dass alle handelnden Personen, woher sie auch kommen, dasselbe Deutsch sprechen, als gäbe es hierzulande keine Dialekte, Soziolekte oder eben andere Sprachen.

Mit dieser Jubiläumsausgabe knüpfte der „Tatort“ an seine beste Tradition an. Was will man mehr als ein solches Versprechen für die Zukunft.

21.12.2020 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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