Benedikt Gollhardt/Isa Prahl: Westwall. 6‑teilige Serie (ZDFneo/ZDF)

Biotop für junge Neonazis

18.12.2021 •

Die sechsteilige Fernsehserie „Westwall“ befasst sich mit einem der drängendsten Themen der heutigen Zeit: dem um sich greifenden Rechtsradikalismus. Der Autor Benedikt Gollhardt hatte von Anfang an ein Serienprojekt im Sinn, fand jedoch keinen Abnehmer für seinen Stoff. Daraufhin schrieb er den Roman „Westwall“, der nun im Auftrag des ZDF mit Gollhardt als Drehbuchautor und verantwortlichem Produzenten doch noch als Fernsehserie umgesetzt wurde (Regie: Isa Prahl, Produktion: Gaumont GmbH Köln). Der Spartensender ZDFneo zeigte die komplette Serie an zwei Abenden mit jeweils drei Folgen (7. und 8. Dezember), während im ZDF-Hauptprogramm seltsamerweise nur die ersten zwei Episoden ausgestrahlt wurden, an einem Samstagabend (27. November) ab 21.45 Uhr – offenbar sollte das neugierig darauf machen, bei ZDFneo oder in der ZDF-Mediathek weiterzuschauen.

Der Westwall war ein über 600 Kilometer langes Bollwerk, mit dem sich Hitler-Deutschland gegen Westen hin, vor allem gegen Frankreich, absichern wollte. Reste sind noch erhalten, teilweise heute Biotope für Tiere und Pflanzen. In der Serie „Westwall“ werden einer der erhaltenen Bunker und dessen waldiges Umfeld zu einem ‘Biotop’ rechtsradikaler Terroristen. Wer zufällig ihren Weg kreuzt, sieht aber keine geschorenen Kommissköppe, keine uniformierten Milizionäre in der Tradition der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (die es von 1973 bis 1982 gab). Eher vermutet man ein Jugendcamp von Naturschützern oder ein Studienprojekt.

Die Anführerin Ira Tetzel (Jeanette Hain) hat ihr Trüppchen aus obdachlosen, aus der Gesellschaft herausgefallenen jungen Menschen rekrutiert. Kinder noch, denen es gefällt, in einer abgelegenen ehemaligen Sägemühle im Wald in einer solidarischen Gemeinschaft zu leben, gemeinsam zu kochen, abends am Lagerfeuer zu hocken und zwischendurch Schießübungen zu veranstalten. Leicht blauäugig könnte man das Treiben als Abenteuerausflug wahrnehmen. Doch es ist verbunden mit ideologischer Indoktrination. Mehr noch: Die Kinderseelen werden gezielt mit Hass vergiftet. Aggressiven Hass auf alles und jeden. Wohin das führt, zeigt sich an Karl (David Schütter), dem wohl Ältesten in der Gruppe. Mit Wonne beteiligt er sich an den Vorbereitungen zu einem verheerenden Bombenanschlag und tötet schon im Vorfeld, ohne zu zögern. Auch Kinder.

Einer aber wird insgeheim abtrünnig und V-Mann des Verfassungsschutzes: Nick Limbach (Jannik Schümann). Er hatte den Auftrag, mit der Kommissaranwärterin Julia Gerloff (Emma Bading) anzubandeln: Ira Tetzel hat strategische, aber auch persönliche Motive für diesen Coup. Nick erobert Julia, die jedoch zurückschreckt, nachdem sie während der ersten gemeinsamen Nacht auf Nicks Rücken ein eintätowiertes Hakenkreuz entdeckt hat. Nick gibt nicht auf und bald wird Julia in die rechte Szene hineingezogen. Ein zweiter Handlungsstrang führt zu rechtsradikalen Umstürzlern mit Anzug, Krawatte und Dienstrang. Sie haben die Behörden bis hin zum Verfassungsschutz unterwandert und sind mit Ira Tetzel und ihren jungen Neonazis im Bunde.

Benedikt Gollhardt hat gut daran getan, das Thema nicht als spektakulär-paranoischen Verschwörungsthriller in Hollywood-Manier umzusetzen. Bei allen Konzessionen an das Spannungsgenre bleibt die Geschichte noch halbwegs auf Normalmaß, ist mit der Einteilung in sechs „Kapitel“ (und damit sechs 45- bis 50-minütige Folgen) klar strukturiert und zudem gut recherchiert. Nicht jeder Krimiautor weiß, was eine BAO ist (eine „Besondere Aufbau-Organisation“ innerhalb der Kriminalbehörden) und was sie zu tun hat.

Durchaus plausibel, dass hier Jugendliche von modernen Rattenfängern charakterlich zu Neonazis abgerichtet werden. Man denke zurück an die Hitler-Jugend (HJ). Vom NS-Regime wurden Kinder mit Abenteuerromantik gelockt: Zeltlager, Wanderungen, Pfadfinderspiele. Soziale Unterschiede wurden im gemeinsamen Drill nivelliert. Und Naturburschen zu im Untergrund kämpfenden „Werwölfen“ ausgebildet.

In der realen Gegenwart bedienen sich Verführer wie Ira Tetzel ähnlicher Methoden, die hier exemplarisch in das Seriengeschehen eingearbeitet werden. Sie verstehen sich darauf, auf die Bedürfnisse der Jugendlichen einzugehen. Hier ist es die Ersatzfamilie, anderswo die Zugehörigkeit zu einer alternativen Subkultur mit eigenen Stammeszeichen, eigener Musik, eigenen Codes.

Ira Tetzel tritt dabei nicht ausschließlich diabolisch in Erscheinung. Auch dieser Figur wird eine gewisse Ambivalenz zugestanden, die sie zwar nur bedingt sympathischer, fraglos aber interessant macht. Jeanette Hain versteht es, diese unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Charaktermerkmale herauszuarbeiten. Mal tritt sie fürsorglich-mütterlich auf, mal als verwegene Abenteurerin, mal als gänzlich skrupellose Gewalttäterin. Ihr subtiles Spiel und das der Hauptdarstellerin Emma Bading stehen dabei in Kontrast zum Ensemble-Kollegen David Schütter, der im Part des permanent amoknahen Psychopathen Karl schnaufend und schnauzend arg überdreht.

18.12.2021 – Harald Keller/MK

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