Ben Bolz/Philipp Grüll: Die wollen da rein – Der Kampf ums Kanzleramt (ARD/BR/NDR)

Die Art, wie sie reagieren

03.09.2021 •

Am 29. August kehrt die Talkshow „Anne Will“ aus der Sommerpause zurück, die für die Sendung am 6. Juni begonnen hatte. Nachdem die ARD im Sommer am Sonntagabend ab 21.45 Uhr, wenn normalerweise „Anne Will“ beginnt, überwiegend internationale Krimis gesendet hatte, gewöhnte sie am 22. August mit der Dokumentation „Die wollen da rein – Der Kampf ums Kanzleramt“ das Publikum nun wieder an das Thema Politik auf diesem Sendeplatz. Am 26. September ist Bundestagswahl.

Warum man dem Film unbedingt das Etikett „Die Story im Ersten“ aufpappen musste, ist ein bisschen rätselhaft, denn die 60-minütige Produktion „Die wollen da rein“ ist ein Porträtfilm, der formal wenig gemeinsam hat mit den 45-minütigen Dokumentationen der „Die-Story“-Reihe, die derzeit montags nach den „Tagesthemen“ im Ersten Programm läuft (allerdings den aktuellen Reformplänen der ARD-Spitze zum Opfer fallen könnte; vgl. MK 16/21).

Die Autoren Ben Bolz (NDR) und Philipp Grüll (BR) haben drei Spitzenkandidaten für die kommende Bundestagswahl, nämlich die Kanzlerkandidaten, zu Interviews getroffen: Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen). Die Gespräche starten mit privaten Details, die durch thematisch passende Außendrehs ergänzt werden. Es folgen Rückblicke auf die Anfänge der politischen Karrieren sowie Abschnitte, die mit „Der Weg zur Kandidatur“ und „Krisen“ überschrieben sind. Eine Art Abschluss­kapitel bildet das Thema Flutkatastrophe – mit Bildern der Kandidaten in den Hochwassergebieten. Von Baerbock gibt es allerdings keine entsprechenden Bilder, weil sie, wie sie im Film sagt, keine Medien dabeihaben wollte, wenn sie Menschen tröstet.

In den mehr oder weniger privaten Situationen ist unter anderem zu sehen, wie Armin Laschet in einem Zeitungsladen in Aachen-Burtscheid einen Fußballwettspielschein ausfüllt und abgibt, wie Olaf Scholz auf der Alster rudert („Das vermittelt Freiheit“) und wie Annalena Baerbock in einer Bäckerei bei Hannover, in der sie früher gejobbt hat, Kuchen „für unseren Wahlkampfbus“ kauft. Einen gewissen Informationswert haben diese Szenen nur deshalb, weil sich, wie aus einer Einblendung hervorgeht, die Protagonisten die Orte für diese „privaten“ Drehs selbst aussuchen durften. Man bekommt hier also einen Eindruck davon, von welchen Inszenierungen jenseits des Politischen sich die drei Kandidaten eine vorteilhafte Wirkung erhoffen. Gar nicht ergiebig ist der Rückblick auf die innerparteilichen Prozesse, die zur Kür der Kandidaten geführt haben; nennenswert Neues erfährt man hier nicht. Aus formalen Gründen darf dieser Aspekt in einem Film über den „Kampf ums Kanzleramt“ aber wohl nicht fehlen.

Erwartungsgemäß ist in der Dokumentation (Produktion: BR/NDR) zumindest teilweise der Umgang der Kandidaten mit unangenehmen Fragen aufschlussreich. Wobei nicht interessant ist, was die Politiker inhaltlich sagen – das ist in der Regel bekannt –, sondern die Art, wie sie reagieren und wie sie die Antworten formulieren. Ein schlechtes Bild gibt, wenig überraschend, Armin Laschet ab, als – im Filmabschnitt „Krisen“ – sein Lachanfall bei einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in dem von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Erftstadt zur Sprache kommt. Das Ausweichmanöver, das er sich für diesen Film überlegt hat, lautet so: „Ich möchte das nicht weiter interpretieren.“ Das klingt so, als rede er über das Verhalten oder die Äußerung einer anderen Person.

Vielleicht ist es bezeichnend für Laschets Gesamt-Perfomance in den letzten Wochen, dass es selbst an Kleinigkeiten hapert. Als er dem Filmteam leutselig seine Leidenschaft für den Fußball und seine Präferenzen bei der Fußballwette beschreibt, erläutert er: „Wenn Sie Bayern gegen Bremen tippen und Sie tippen auf Bayern, dann ist die Quote relativ gering, denn ist ja klar, dass es so ausgeht.“ Daher tippe er „immer auf Unentschieden“. Werder Bremen ist allerdings im Mai aus der Bundesliga abgestiegen und spielt in dieser Saison nicht gegen den FC Bayern. Die Aufnahmen für den Film entstanden zwischen Juni und August.

Trotzdem könnte Laschet von diesem Film profitieren, weil ihm in einigermaßen entspannten Dreh- und Interviewsituationen wie hier noch relativ wenig misslingt – verglichen jedenfalls mit den Redebeiträgen, Pressekonferenzen und spontanen Interviews, in denen er derzeit permanent mit widersprüchlichen, nebulösen, sinnarmen und sachlich unkorrekten Äußerungen auffällt.

Unter den Interviewpassagen mit SPD-Spitzenkandidat Scholz sticht unter anderem eine Antwort heraus, die sich noch auf seine Zeit als Hamburgs Erster Bürgermeister bezieht: Scholz hatte sich mehrfach mit dem Miteigner einer in den Cum-Ex-Steuerraub-Skandal verwickelten Bank getroffen; später verzichtete die Hamburger Finanzverwaltung auf eine Rückzahlung von 47 Mio Euro durch die Bank – wobei der SPD-Politiker natürlich betont, dass da kein Zusammenhang bestehe. Auf die Frage eines der Autoren, warum er die Treffen mit dem Banker erst „peu à peu preisgegeben“ habe, sagt Scholz: „Wir haben uns irgendwann, nachdem die Fragen gekommen waren, mit dem Kalender beschäftigt und das versucht zu identifizieren, weil letztendlich der natürlich eine bessere Erinnerung hat als man selbst.“

Abgesehen davon, dass es wenig glaubhaft wirkt, dass es einen Blick in den Kalender brauchte, um sich an außergewöhnlich wichtige Treffen zu erinnern: Termine dieser Art sind in der Regel digital erfasst, aber Scholz will mit Formulierungen wie „versucht zu identifizieren“ den Eindruck erwecken, als wären die Kalendereinträge in einer seltenen Sprache oder einem schwer zu dechiffrierenden Code verfasst gewesen. Der bemerkenswert umständliche Satz soll einerseits als Nebelkerze dienen, andererseits schwingt hier auch Sarkasmus mit. Die Botschaft: Ihr Journalisten könnt mich das ja immer wieder fragen, aber den Großteil der Wähler interessiert das ohnehin nicht. Sähe Scholz das so, läge er wohl nicht falsch – wobei ihm auch zupasskommt, dass der Cum-Ex-Skandal ein bisschen komplexer ist, als es, wie im Fall Annalena Baerbock, plagiierte Textstellen in einem populären Sachbuch sind (die Ben Bolz und Philipp Grüll in ihrem Porträtfilm natürlich zur Sprache bringen).

Die beschriebene Cum-Ex-Passage in „Die wollen da rein“ (2,84 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,8 Prozent) zeigt jedenfalls: Was seine rhetorischen Fähigkeiten angeht, ist Olaf Scholz allemal für höhere Aufgaben gerüstet.

03.09.2021 – René Martens/MK

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