Beate Langmaack/Till Endemann: Das Versprechen (ZDF)

Wenn der Vater zum Sohn wird

16.05.2021 •

Der in der Programmankündigung mit dem Untertitel „Vater-Sohn-Drama“ versehene Film „Das Versprechen“ hat zwei für diesen Primetime-Sendeplatz des ZDF ungewöhnlich junge Hauptdarsteller: Bendix, 11 Jahre alt (Mika Tritto) und Jule, 16 Jahre alt (Ella Morgen). Zudem bewegt sich das in der Mitte der Gesellschaft angesiedelte realistische Familiendrama im Kontext einer überraschend idealen Welt, in der alle Personen im Rahmen ihrer Möglichkeiten guten Willens sind und ohne großen bürokratischen Aufwand Hilfe angeboten wird, wenn man sich um sie bemüht, so dass im Fall der Fälle auch sofort ein Therapieplatz und eine nette Pflegefamilie zur Verfügung stehen.

Dass daraus dennoch eine für diesen Sendeplatz („Der Fernsehfilm der Woche“) überaus sehenswerte Produktion geworden ist, ist das Verdienst der ebenso sensiblen wie tiefgründigen Erzählweise, mit der hier zwei Lebensgeschichten parallel erzählen werden (Buch: Beate Langmaack). Sie greifen mit ihren wechselseitigen Verflechtungen fließend ineinander, wobei vor allem die beiden jungen Hauptdarsteller schauspielerisch Hervorragendes leisten.

Der Film beginnt, noch vor dem Titelvorspann, mit einer spektakulären Szene: einem Banküberfall, bei dem sich der vermummte bewaffnete Bankräuber überraschend als elfjähriger Junge entpuppt, der sich von der inzwischen alarmierten Polizei widerstandslos festnehmen lässt. Der von Till Endemann inszenierte Film (Produktion: Polyphon) erzählt dann die Vorgeschichte zu diesem Vorgang, der erst im letzten Drittel des Films wiederholt und hinsichtlich seiner Motive aufgeklärt wird. Noch während der Titelvorspann läuft, wird dieser Junge namens Bendix in kurzen Sequenzen vorgestellt, an deren Ende seine erste Begegnung mit der 16-jährigen Jule steht.

Dabei gehen zunächst alle Initiativen von Bendix aus, der für sein Alter ungewöhnlich klug und umsichtig agiert. Insbesondere kümmert er sich sehr um seinen an Depressionen leidenden Vater (Andreas Döhler). Das geht so weit, dass sich hier offensichtlich die Vater-Kind-Rollen umkehren, indem der Junge gegenüber dem Vater, der nach dem Tod seiner Frau immer unselbständiger und apathischer geworden ist, die Rolle des Erziehungsberechtigten übernimmt und sich für ihn verantwortlich fühlt.

Mit seiner Kontaktaufnahme zu Jule beginnt Bendix sich jedoch auch unmerklich aus diesem sehr speziellen Vater-Sohn-Verhältnis zu lösen. Erst im letzten Drittel des Films wird er wieder zu dem kleinen Jungen, der er doch dem Alter nach eigentlich ist: als er nämlich glaubt, mittels eines filmgerecht fingierten Banküberfalls verhindern zu können, dass er in einer Pflegefamilie aufgenommen wird. Er wolle lieber, so erklärt er es später, in den Knast, als in eine Familie mit einem neuen Vater. Denn er fühle sich an sein Versprechen gebunden, das er seinem eigenen, nunmehr in eine Klinik eingewiesenen Vater gegeben habe, ihn niemals zu verlassen.

Erscheint also Bendix zunächst als eine für sein Alter ungewöhnlich reife, wegen seines psychisch kranken Vaters zu früh in eine Erwachsenenrolle gedrängte Person, zeichnen die Szenen mit Jule genau das umgekehrte Bild. Sie ist offensichtlich psychisch krank und wirkt unreif, kann aber auf sich um sie sorgende Eltern (Christine Große, Oliver Stokowski) und eine verständnisvolle Therapeutin (Barbara Auer) setzen, die in einer Tagesklinik arbeitet, die Jule täglich aufsucht.

Auch bei Jule kommt es im letzten Filmdrittel zu einer entscheidenden Veränderung. Sie entwickelt sich hier zu einer Persönlichkeit, die altersgemäß, an der Schwelle zum Erwachsenenleben stehend, verantwortlich und vernünftig zu handeln vermag und damit auch einen wichtigen Schritt hin zur Genesung von ihren psychischen Problemen macht. Entscheidend für die positive Entwicklung, die die beiden Jugendlichen nehmen, ist die zwischen Jule und Bendix entstehende Freundschaft in einer Art Geschwisterkonstellation. Sie als ‘große Schwester’ hilft den Konflikt um den verkorksten Banküberfall ihres ‘kleinen Bruders’ so zu entwirren, dass allen geholfen werden kann.

Das beschert dem Film (3,51 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,1 Prozent) zwar kein glamouröses Happy-End, aber dennoch einen Ausgang mit einer für alle Beteiligten positiven Zukunftsaussicht. Wie Jule als eine von unberechenbaren Wutausbrüchen heimgesuchte Person zur normalen Jugendlichen heranreift und parallel dazu Bendix als ein zu früh erwachsen gewordener Elfjähriger wieder in eine altersgemäße Rolle zurückfindet, wird im Film in Episoden erzählt, die sehr klar chronologisch erfolgen. Selbst bei für den Handlungsverlauf entscheidenden emotionalen Momenten wird jegliche Melodramatik vermieden. Einige Szenen sind dabei aber recht didaktisch geraten, weil sie dem Zuschauer glauben etwas erklären zu müssen. Die stellenweise doch recht idealisierende Weichzeichnung gibt der Geschichte einen parabelhaften Charakter, ohne dass sie dabei allerdings ihre Verankerung im Alltäglichen verliert.

16.05.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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