Baran bo Odar/Jantje Friese/Martin Behnke: Dark. 10‑teilige Serie (Netflix)

Vertrackt, grell, ungewöhnlich

31.01.2018 • Mit „You Are Wanted“ hatte Amazon Video seine erste deutsche Serie produzieren lassen. Matthias Schweighöfers holprige Geschichte um einen Hoteldirektor, dessen Identität gehackt wird, wies dabei durchaus Defizite auf (vgl. MK-Kritik), war aber nach Angaben von Amazon Prime Video trotzdem die am häufigsten abgerufene Serie des Streaming-Angebots von Amazon in Deutschland. Es gibt auch hierzulande einen Markt für einheimische Streaming-Produktionen, weshalb der Konkurrent Netflix, wie Amazon ein global agierender US-Konzern, ebenfalls eine deutsche Serie in Auftrag gab. Der Zehnteiler „Dark“, produziert vom Endemol-Ableger Wiedemann & Berg, erweist sich dabei als positive Überraschung. Und das, obwohl man nach den ersten drei Folgen, streng genommen sogar bis zum Schluss der Staffel, nicht so genau versteht, worum genau es in dieser Serie geht.

Doch „Dark“-Regisseur Baran bo Odar, ein Schweizer, der in Erlangen aufwuchs, an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) studierte und mit „Who Am I – Kein System ist sicher“ (2014) bereits einen Hollywood-Film inszenierte, gelingt mit seinen Koautoren Jantje Friese und Martin Behnke etwas, das man in deutschsprachigen Filmen und Serien nicht ganz so häufig antrifft: Sie nehmen den Zuschauer ernst. Von der ersten Szene an vermittelt sich so das Gefühl, dass es Sinn macht, über die zahlreichen Rätsel dieser kaleidoskopartigen Geschichte nachzudenken, in der leblose Vögel vom Himmel fallen und Schafe tot zusammensinken.

Dabei wurde mit „Dark“ das Rad nicht neu erfunden. Die wie Spiegelfugen anmutenden Bilder des Vorspanns orientieren sich am Intro der Amazon-Serie „Bosch“. Die in deutschen Medien kolportierte Ähnlichkeit von „Dark“ mit der Netflix-Serie „Stranger Things“ basiert allerdings auf einer oberflächlichen Betrachtung. Die Science-Fiction-Mystery-Serie „Stranger Things“ von Matt und Ross Duffer erzählt von einem glibberigen Monster, das aus der Wand kommt. In „Dark“ wüten die Dämonen stattdessen in der Phantasie. Die Geschichte lehnt sich an Zeitreise-Abenteuer im Stil von „Zurück in die Zukunft“ und „Terminator“ an. Es geht um die alte Frage, die sich jeder schon einmal gestellt hat: Könnte ich, falls ich in die Vergangenheit reisen würde, den Verlauf der Geschichte so zurechtrücken, dass mir erlebtes Ungemach dann erspart bliebe? Oder würde ich durch diese Manipulation die Misere, in der ich stecke, überhaupt erst herbeiführen?

Diese Gedanken machen sich in „Dark“ ein Schüler und ein Polizist aus der fiktiven Provinzstadt Winden, dem Schauplatz der Serie. Düstere Bilder eines Höhleneingangs und eines Waldes, der von den Kühltürmen eines Atomkraftwerks überragt wird, erzeugen eine schwermütige, typisch deutsch anmutende Atmosphäre, die aber nie klischeehaft wirkt. Thematisiert wird unter anderem ein Kernkraftstörfall in Winden im Tschernobyl-Jahr 1986, allerdings geschieht dies nicht so, wie man es aus einschlägigen Problemfilmen gewöhnt ist. Das hermetische Kleinstadt-Szenario wird aus drei Zeitebenen (1953, 1986, 2019) mit einem Ensemble von über 30 Charakteren und einer erstaunlich unangestrengten Bildsprache ausgeleuchtet (bei der die Macher sich an die Ästhetik des amerikanischen Fotografen Gregory Crewdson angelehnt haben).

Als Mikkel (Daan Lennard Liebrenz), der zwölfjährige Sohn des Polizisten Ulrich Nielsen (Oliver Masucci), aus rätselhaften Gründen verschwindet und bei der Suche nach Mikkel statt seiner ein unbekanntes totes Kind gefunden wird, findet man neben dessen Leiche die Verpackung des Schokoriegels „Raider“. Den gibt es eigentlich gar nicht mehr, denn mit dem Werbeslogan „Aus ‘Raider’ wird ‘Twix’, sonst ändert sich nix“ war er 1991 umbenannt worden: Raider kommt also aus der Vergangenheit – so charmant wurde das Thema der Zeitreise selten bebildert.

Aufgrund der artifiziell verschachtelten Geschichte haben zahlreiche Darsteller oft nur Kurzauftritte, in denen sie jeweils auf bestimmte Typen zugespitzt sind. Bekannte Gesichter wie Michael Mendl, Angela Winkler, Walter Kreye, Luise Heyer und andere gestandene Darsteller wirken dabei aber nie so hölzern wie sonst in so manchen Fernsehrollen. Überzeugen vermag vor allem Oliver Masucci als ehebrechender Polizist, der sich auf der Suche nach seinem verschollenen Sohn in eine gespenstische Besessenheit hineinsteigert. In Erinnerung bleibt auch Louis Hofmann als labiler Teenager Jonas, der den Selbstmord seines Vaters rückgängig zu machen versucht. Ein richtiges Highlight ist Jördis Triebel, die als resolute Schuldirektorin zur Furie aufläuft und dabei sogar eine andere Frau niederschlägt. Auf der Zeitebene des Jahres 1986 wird sie als Jugendliche von Nele Trebs gespielt. Die 18-jährige Nachwuchsdarstellerin lässt die spröden Charaktereigenschaften ihrer späteren Persönlichkeit glaubhaft durchscheinen. Die Korrespondenzen zwischen den verschiedenen Zeitebenen wirken durchdacht. Das bange Gefühl, dass Menschen seit jeher mit ihrem Schicksal hadern, vermittelt sich.

Neben verhaltener Zustimmung für „Dark“ wurde gelegentlich die plakativ erscheinende Musikuntermalung und eine gewisse Humorlosigkeit moniert. Diese Vorwürfe sind nicht ganz falsch, relativieren sich jedoch im Gesamteindruck der zehn Folgen. Der Score von Ben Frost lullt aber tatsächlich etwas ein. Daneben spielt zitierte Musik eine dramaturgische Schlüsselrolle. Wenn man unvermittelt die Stimme von Nena hört, dann schmerzen die 1980er Jahre plötzlich, als würde der Zahnarzt ohne Betäubung bohren.

Humor wird wirklich sehr zurückhaltend eingesetzt, denn die melancholische Grundstimmung der Serie soll nicht durch grelle Lacher aufgebrochen werden. Wenn es komische Momente gibt, führen sie eher zu Irritationen. So stößt die Polizistin Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) bei ihren Ermittlungen überraschend auf ein vergilbtes Zeitungsfoto, das ihren Kollegen Ulrich Nielsen zeigt, der im Jahr 1953 mit einem Kindermord in Verbindung gebracht wird.

Kein Zweifel: Die Serie „Dark“ ist vertrackt, grell, ungewöhnlich – und garantiert nicht jedermanns Geschmack. Wer auf die Sehgewohnheiten bei einem „Tatort“-Krimi geeicht ist, wo in den ersten Minuten zuverlässig ein Mord präsentiert wird, der wird dieses offene, zwischen 45 und 55 Minuten pro Folge variierende Format möglicherweise verstörend und beunruhigend empfinden. Der Vergleich mit dem klassischen deutschen Fernsehen ist allerdings eigentlich nicht ganz angebracht: „Dark“ richtet sich an die internationale Zielgruppe der gut 100 Millionen Abonnenten umfassenden Netflix-Kunden, die phantasievolle Mystery-Erzählungen mit komplexen Erzählsträngen mögen – wie zum Beispiel die ebenfalls von Netflix in Auftrag gegebenen Serien „The OA“ oder „13 Reasons Why“ (deutscher Titel: „Tote Mädchen lügen nicht“).

Dank der guten Zugriffszahlen auf „Dark“ wurde von Netflix bereits am 20. Dezember, also schon drei Wochen nach der Streaming-Premiere der Serie, eine zweite Staffel angekündigt. Baran bo Odar und Jantje Friese wurden soeben für Idee und Buch zu „Dark“ für den Grimme-Preis nominiert – es ist die erste Nominierung für eine Netflix-Produktion bei diesem renommiertesten deutschen Fernsehwettbewerb (vgl. MK-Meldung).

31.01.2018 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 3-4/2018

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