Arne Nolting/Jan Martin Scharf/Valentina Brüning/Dustin Loose/Christian Werner/Florian Knittel: Rampensau. 10‑teilige Serie (Vox)

Permanent im Borderline-Modus

23.12.2019 •

„Du siehst aus wie zwölf.“ – „Du bist irgendwie ganz süß.“ Sätze wie diese bekommt Shiri Conradi (Jasna Fritzi Bauer) häufiger zu hören. Und sie bringen die Schauspielerin regelmäßig in Rage. Denn sie ist im 30. Lebensjahr und sie ist es leid, ewig unterschätzt zu werden. Andererseits hat sie noch nicht sehr viel erreicht im Leben. Sie tritt albern kostümiert im Kindertheater auf, wohnt in einer Dreier-WG, das Geld ist ständig knapp.

An ihrem konsequenten Scheitern ist Shiri nicht ganz unschuldig. Mit ihrer aufbrausenden Art verbaut sie sich viele Chancen. Einziger Lichtblick in der Dauermisere ist Schauspielkollege Jonas (Benjamin Lillie), ihre große Liebe. Doch selbst Jonas braucht gelegentlich eine Pause von der anstrengenden Freundin. Eine Reise zu Dreharbeiten in Budapest kommt ihm daher sehr gelegen. Shiri plant, ihn zu begleiten. Jonas weist das Vorhaben zurück. Für Shiri ein weiterer Schicksalsschlag von vielen.

Ihr Mitbewohner Louis (Daniel Zillmann) verschafft ihr einen Job als Thekenkraft bei einer Party. Unter den Gästen sind viele Polizisten, darunter Ulf Rudnik (Peter Fieseler), der mit Shiri flirtet, was die sich angesichts der Vorkommnisse dieses rundum verkorksten Tages gerne gefallen lässt. Ulf bringt sie nach Hause, es kommt zu Intimitäten, aber im entscheidenden Moment versagt Ulfs Manneskraft. Als er Shiris Wohnung verlässt, ertappt er Jonas, der gerade die Fassade zu erklettern versucht, weil er seinen Schlüssel vergessen hat. Mehr noch: In Jonas’ Tasche findet sich ein Beutel mit 500 Ecstasy-Pillen.

Für Ulf Rudnik ein guter Fang, für Jonas und Shiri ein Drama. Jonas verliert seine Filmrolle und Shiri lässt sich auf ein gewagtes Manöver ein: Gegen das Versprechen, dass die Anklage gegen Jonas fallengelassen wird, lässt sie sich als Informantin in eine Schule einschleusen, in der ein Mädchen nach einer Überdosis Ecstasy ins Koma gefallen ist. Das Opfer namens Annabelle Wächter (Mila Böhning) ist ausgerechnet die Tochter des Berliner Innensenators. Damit stehen die Ermittler unter besonderem Erfolgsdruck.

Nach einem guten Beginn mit 8 Prozent Marktanteil (730.000 Zuschauer bei den 14- bis 49-Jährigen) gingen die Quoten der Vox-Eigenproduktion „Rampensau“, von der jeweils zwei Folgen hintereinander liefen, nach und nach bis auf ein für den Sender enttäuschendes Maß zurück. Eine nicht unbedingt überraschende Entwicklung. In den Programmankündigungen wurde herausgestellt, dass in dieser Serie eine Erwachsene mit jugendlicher Erscheinung zurück in die Schule muss. Ein klassisches Handlungsmuster spätestens seit Heinrich Spoerls mehrfach verfilmtem Bestseller „Die Feuerzangenbowle“, Basis von Kinokomödien wie „Ungeküsst“ und von amerikanischen Fernsehkrimiserien wie „The Mod Squad“ (deutscher Titel: „Twen Police“) oder „21, Jump Street“. Wer mit entsprechenden Erwartungen einschaltete, sah sich auf gewisse Weise enttäuscht. Erst in Folge 4 von „Rampensau“ verlagert sich das Geschehen in das Berliner Michael-Ende-Gymnasium, das auch weiterhin nur sporadisch als Schauplatz dient.

Getreu dem israelischen Serien-Vorbild „Metumtemet“ (übersetzt aus dem Hebräischen etwa: „Dumme Kuh“), das von den in derartigen Bearbeitungen erfahrenen deutschen Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf („Club der roten Bänder“, Vox; vgl. MK-Kritik) zusammen mit Valentina Brüning adaptiert wurde, hat man die Handlung von „Rampensau“ sehr breit aufgefächert. Beträchtliche Erzählzeit nimmt die Ehekrise des Polizistenpaares Ulf und Anja Rudnik in Anspruch. Anja Rudnik (Lorna Ishema) ist von schwarzer Hautfarbe. Ein früherer Lebenspartner von ihr hat mit „Der Stern von Amara“ einen kitschigen Erotikroman über die Liebe zu einer Schwarzen verfasst, der natürlich in der Dienststelle kursiert. Alle Kollegen glauben, in der Heldin Anja zu erkennen. Ulf Rudnik reagiert entsprechend eifersüchtig. Bisweilen heißblütig. So erklärt sich seine Bereitschaft, sich mit Shiri auf den erwähnten Seitensprung einzulassen.

Auch der Dienstgruppenleiter Martin Wallmann (Peter Schneider) hat Beziehungskummer. Seine Frau hat ihn verlassen und ist nun mit seinem Vorgesetzten (Stephan Grossmann) liiert. Im Verlauf der Handlung kommen dann noch der Drogenbaron „Amboss“ (Ronald Kukulies), dessen Handlanger und auch dessen Sohn Maurice (Jakob Schmidt) ins Spiel, über den die Drogen in die Schule gelangten. Deren Rektor Bastian Tess (Florian Bartholomäi) gerät in diverse Schwierigkeiten, und schließlich gibt es noch Shiris Wohngenossen Louis und Natti (Laura Louisa Garde), die im Begriff sind, sich mit einem Imbisswagen selbständig zu machen.

Schon diese unvollständige Kurzfassung lässt erkennen: Die überbordenden Inhalte hier hätten für zwei bis drei Serien gereicht. Dieser Überfluss ist in Teilen den deutschen Autoren geschuldet. Die israelische Version von Shay Cabon und Bat-Chen Sabag, die beim Serienkonzept auf eigene Erfahrungen zurückgriff und selbst die Shiri spielt, ist stärker auf die Hauptfigur konzentriert. Wenngleich auch hier ein langer Anlauf bis zum Eintritt in den Schulalltag vorliegt, ist die Erzählung doch deutlich strukturierter, dabei, anders als die deutsche Version, mit relativ langen Dialogszenen von eher konventioneller Machart. In der Regie von Dustin Loose, Christian Werner und Florian Knittel gerät „Rampensau“ zwar technisch dynamischer, wirkt aber zumindest in den ersten Episoden richtungslos, wenn nicht gar konfus – Tempo allein macht noch keine gute Serie aus.

Ein weiterer markanter Unterschied liegt in der Ausgestaltung der Hauptrolle. Die Israelin Bat-Chen Sabag legt die Shiri mit Zwischentönen an, gibt ihr eine Bandbreite zwischen Wutanfällen und stiller Verletzlichkeit. Die deutsche Shiri dagegen befindet sich permanent im Borderline-Modus, wie ein Teenager, der die Trotzphase nie überwunden hat. Sie wirft mit vulgären Schimpfwörtern um sich, rüpelt, tobt, zeigt keinerlei Empathie. Und dass sie selbst ihre besten Freunde beleidigt, belügt und betrügt, macht diese Gestalt fürs Publikum nicht zugänglicher.

Erwähnung verdienen noch einige Geschmacklosigkeiten. Ulf Rudnik lernt bei einer Lesung den schwarzen Schriftsteller Negassi (Jerry Kwarteng) kennen, den früheren Liebhaber seiner Frau Anja. Zufällig treffen sich beide am Pissoir. Rudnik schielt zum Nachbarn rüber, später macht er sich wiederholt gegenüber Anja darüber lustig, dass dessen Gemächt nicht den Klischeevorstellungen von der sexuellen Potenz schwarzer Männer entspricht. Die Sequenz mag als Ironisierung rassistischer Ressentiments gedacht gewesen sein, lässt aber keine entsprechende Brechung erkennen und kann leicht als rassistische Aussage missverstanden werden.

Dieser Missgriff entstammt dem israelischen Original, für andere sind die deutschen Bearbeiter verantwortlich, so wenn Shiri als angebliche Prostituierte ermitteln soll und an einen Gangster gerät, der sie um anale Penetration bittet. Eine ebenso überflüssige Derbheit wie jene, in der der sadistische Bandenchef „Amboss“ den Schädel des Rollstuhlfahrers und Polizei-Informanten Heinzi (Niels-Bruno Schmidt) aufbohrt.

Während das israelische Vorbild in diesem Jahr in die dritte Staffel startete, dürfte der Vox-Variante „Rampensau“ (Produktion: Ufa Serial Drama) angesichts der zuletzt mageren Zuschauerresonanz keine Zukunft beschieden sein. Dem deutschen Autoren- und Regiestab ist es erkennbar nicht gelungen, die attraktive Vorlage publikumswirksam umzusetzen. Unter künstlerischen Gesichtspunkten weist die Serie gleichfalls erkleckliche Defizite auf und kann somit auch als Zielgruppenprogramm nicht überzeugen.

23.12.2019 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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