Arne Nolting/Jan Martin Scharf/Till Franzen: Weinberg – Im Nebel des Schweigens. 6‑teilige Serie (TNT Serie)

Horrormotive und irdische Geschichten

15.12.2015 •

Die eigenproduzierte Serie „Weinberg – Im Nebel des Schweigens“ des Pay-TV-Sender TNT hat entgegen dem Eindruck von der ersten Folge, wie er sich nach der Premiere auf der diesjährigen Cologne Conference in den Berichten über die Veranstaltung niederschlug, während der wöchentlichen Ausstrahlung eine besondere Faszination ausgelöst: Man wollte wirklich wissen, wie die Geschichte um mysteriöse Vorgänge im Tal der Ahr denn nun ausgeht und ob sich die vielen Rätsel auflösen oder ob sie gleichsam im Reich des Verwunschenen und eines magischen Schreckens hängen bleiben.

Denn „Weinberg“ – geschrieben von Arne Nolting und Koregisseur Jan Martin Scharf – arbeitet mit vielen Mitteln des Horrorfilms. Da erscheinen Menschen als tot, die noch leben, um wenig später so zu sterben, wie ein Zugereister und wir Zuschauer es schon sahen. Da geistert ein Mädchen, das vor Jahren bei einem Unglück starb, durch die dunklen Gassen des Dorfes Kaltenzell, in dem die Geschichte spielt. Da erscheinen im nebelverhangenen Ahrtal überall Schatten, die Dämonen sein können, und unvermittelt Menschen, die man anderswo wähnte. Und da wird auf lokale Mythen angespielt, denen zufolge die Kinder von einer Schreckensfigur ins Reich der Toten verbracht werden.

Diesen visuell hochattraktiv ausgestatteten Horrormotiven korrespondieren sehr irdische Geschichten aus einer Kleinbürgerwelt der Intrigen, des falschen Spiels, des Betrugs im Wirtschafts­leben wie in den Ehen. Keiner ist das, als was er erscheint, jeder verbirgt, was er will, und geht dem mit krimineller Energie nach. All das fällt dem Zugereisten (Friedrich Mücke) auf, der dummer- oder auch passenderweise sein Gedächtnis verloren hat, so dass er selbst und wir Zuschauer nicht wissen, ob er wirklich so fremd in diesem Dorf ist, wie er glaubt und die anderen ihn glauben lassen. Dieser Mann treibt die Aufklärung voran, versucht also, Licht in das Dunkel um die Todesfälle und all die Intrigen zu bringen, die hier geschehen sind und weiter geschehen. Sein Gegenspieler ist der Bürgermeister (Arved Birnbaum), der keine Veränderung wünscht, weil die Ängste und Schreckensphantasien seine Herrschaft und sein irdisches Geschäft erst garantieren. So wie er die Bewohner seiner Gemeinde manipuliert, benutzt er auch die Polizei, die aus dem nächstgelegenen Städtchen angelegentlich im abgelegenen Weinort nach dem Rechten sieht.

Zu den Elementen aus Horrorfilm und Psychothriller gesellen sich manche Sexszenen, die das düstere Spektakel emotional anheizen sollen, aber auch absurd komische Momente, die das Ganze als das ironische Spiel erscheinen lassen, das „Weinberg“ selbstverständlich auch ist. Gewiss, manches ist durchaus erwartbar, anderes bleibt Klischee. Und die Kenntnisse der Drehbuch­autoren über den Rotwein des Ahrtals, den der Bürgermeister in einer Rede als „süß“ bezeichnet, sind äußerst bescheiden. Doch die Serie ist von den beiden Regisseuren Till Franzen und Jan Martin Scharf temporeich inszeniert. Und Kameramann Timo Moritz hat die Landschaft des Ahrtals so aufgenommen, dass man an einen Gang über den Rotweinwanderweg nicht mehr denken mag. Auch die visuellen Tricks und Effekte fügen sich harmonisch in die Schreckenserzählung ein.

Die besondere Qualität dieser Serie besteht in der Besetzung, die bis in die Nebenrollen glänzend ist, auch wenn man sich an Gudrun Landgrebe als Psychoanalytikerin erst einmal gewöhnen muss. Und die Spannung bei „Weinberg“ erwächst aus dem Genre-Mix: Gibt es für alle Erscheinungen, wie angedeutet, eine rationale Erklärung? Basieren sie womöglich auf Drogenkonsum oder auf atavistischen Ritualen oder dienen sie als düstere Inszenierung allein banalen, aber mörderischen Zwecken? Oder stammt der Schrecken, der den Weinort an der Ahr so heimsucht wie im Mittelalter die Pest ganze Städte, doch aus dem Reich des Bösen?

Am Ende stellt sich heraus, dass der Fremde die Projektionsfigur eines traumatisierten Jungen ist, der durch sie seine realen Gewalterfahrungen verarbeitet. Und die Gewalttaten dienten der Vertuschung einer inzestuösen Beziehung. Ob das wirklich alle merkwürdigen Ereignisse im Ahr-Dorf erklären kann, darf bezweifelt werden. Was nebenbei die Chance auf eine weitere Staffel eröffnet. TNT Serie strahlt „Weinberg“ an den Weihnachtsfeiertagen noch einmal kompakt aus: Am 26. und 27. Dezember sind ab 20.15 Uhr jeweils drei Folgen hinter­einander zu sehen.

15.12.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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