Are You the One? Reality-Datingshow mit Jan Köppen, ausgestrahlt in 10 Doppelfolgen (TV Now/RTL)

Viel Body, wenig Brain

22.05.2020 •

Man hätte es nie gedacht, aber der Kreativpool von Datingshow-Erfindern ist noch immer nicht leergeschöpft. Jüngstes Beispiel: „Are You the One?“ bei RTL. Mit dem Formateinkauf aus den USA – das Original gleichen Titels läuft dort bei MTV – schafft es der deutsche Haussender des „Bachelor“ doch tatsächlich, auf der Glatze neue Locken zu drehen.

Als angeblich wissenschaftlich fundiertes „Experiment“ ist „Are You the One?“ angelegt. Der Plot: Pott und Deckel, haben sogenannte Experten vorab ausgetüftelt, passen hier garantiert zusammen. Die ideale Partnerpaarung, im „Are-You-the-One?“-Jargon das „Perfect Match“, muss sich nur finden und dabei ein paar „Challenges“ meistern, bei deren Namensgebung Kalauergröße hervorblitzt: Bei „Abtauen Girl“ beispielsweise müssen paarungswillige Singles unter der Sonne Südafrikas und unter Einsatz ihres bikinibraunen Körpers einen Eisblock zum Schmelzen bringen, in dem ein Schatzkästchen eingefroren ist. Bei Erfolg auch bei anderen Spielchen gibt’s nicht nur Liebe, sondern zum Schluss 200.000 Euro oben drauf.

Zuerst lief „Are You the One?“ (Produktion: RTL Studios) bei TV Now an, der Streaming-Plattform der RTL-Gruppe; der Start war hier am 14. April. Eine Sendereihe, die als erstes bei TV Now ausgestrahlt wurde, hat just in diesem Jahr einen Grimme-Preis bekommen: das Dating-Format „Prince Charming“ (Seapoint Productions). Es damit die erste ausgezeichnete Kuppelshow in Grimmes Geschichte. Das Format lässt sich in aller Kürze als der „Bachelor“ in schwul zusammenfassen. Die Jury hob in ihrer Begründung nicht nur den „Respekt und die Normalisierung im Diskurs gleichgeschlechtlicher Liebe“ hervor. Sie sah auch „unerwartete Momente echter Gefühle und echter Verbundenheit“. Gut, den Spezifika des Genres bleibt auch „Prince Charming“ (die prämierte erste Staffel wird seit dem 20. April von Vox ausgestrahlt) nichts schuldig. Die Kamera streichelt so hemmungslos definierte Bauchmuskeln und andere Wölbungen, dass die heterosexuelle Konkurrenz von „Love Island“ (RTL 2) oder dem RTL-Pendant „Temptation Island“ beinahe prüde aussieht.

Mit solchem Schauwert kann „Are You the One?“ allemal mithalten. Zehn Männer und zehn Frauen sind in einem Haus am Kap der Guten Hoffnung (sic!) untergebracht, in einem Gebäude, das man gemeinhin Traumvilla nennen dürfte. Komischerweise gibt es darin nur zwei Schlafzimmer, aber dafür Kameras im Bad. Es wird zunächst geschlechtergetrennt geschlafen. Bettenrotation ist erwünscht und wird als erstes von Melissa und Dominic in Folge 2 vollzogen. Zwischen der Immobilienkauffrau und dem Fitnessökonomie-Studenten, beide aus Berlin, knistert es gewaltig. Alle in der Villa (und auch die Zuschauerin daheim) sind sich sicher: Hurra, da hat sich das perfekte Paar gefunden. Wenn da bloß nicht die „Wissenschaft“ einen Strich durch die Liebesrechnung ziehen würde.

Erst bei der Ankunft wurden die Singles von Jan Köppen, der hier als Moderator („Ich bin der Hausmeister der Liebe“) noch weniger stört als bei „Ninja Warrior Germany“ (RTL), über die Spielregeln aufgeklärt. Anhand von Persönlichkeitstests und Gesprächen mit Familie und Freunden wurde der ideale Partner bereits vorab für jeden ausgewählt und praktischerweise gleich mit nach Südafrika eingeflogen. Es gibt also zehn „Perfect Matches“ im Luxus-Camp. Wer sie sind, unbekannt. Das herauszufinden, Spielaufgabe. In besagten Challenges wird um Dates gekämpft, bei denen man sich näherkommen kann. Melissa und Dominic taten das beim Geparden-Streicheln. So romantisch!

Am Ende jedes Tages, in der rosenlosen „Matching Night“, wählt jeder den Partner, von dem er glaubt, er sei der Richtige; per Handauflegen aufs Tablet wird „eingelogged“. „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht“, würde Michael Schanze singen. Aber nicht Jan Köppen. Er gibt nur das Kommando „Spot an!“: Scheinwerfer in Kapstadts Nachthimmel verraten die Zahl der richtigen Treffer, nur nicht, bei wem die Teilnehmer richtig lagen. Kompliziert? Geht noch.

Die Show legt einen Schwierigkeitsgrad drauf: Ein Paar pro Abend erfährt in der „Match Box“, die von außen aussieht, als wäre sie in der afrikanischen Steppe abgebaut worden, ob es mit den beiden tatsächlich ein „Perfect Match“ ist. Als Melissa und Dominic eintreten, ist die Enttäuschung groß: „No Match“ heißt erst einmal „No Chance“ für ihr junges Pflänzchen Liebe. Das „Liebeskarussell“ (RTL) muss sich also weiterdrehen. Denn nur wenn alle, wie vorher bestimmt, zueinandergefunden haben, gewinnen sie gemeinsam die 200.000 Euro.

Hat sich ein Paar ineinander verknallt, obwohl das laut „großem Plan“ nicht vorgesehen ist, weil es ein „No Match“ ist, könnte es die Koffer packen, die Villa verlassen und die Liebe ausleben. Geld gäbe es dann für die Verliebten allerdings nicht. Und: Die verbliebenen Paare verlören in einem solchen Fall von der gesamten Gewinnsumme 20.000 Euro. Melissa und Dominic sind ein „No Match“, haben sich aber dennoch verliebt. Geld ist ihnen jedoch auch wichtig. Deshalb haben sie entschieden, vorerst in der Villa zu blieben und am Spiel weiterhin teilzunehmen. Heißt: Sie suchen weiter jeweils nach ihrem (angeblichen) „Perfect Match“.

Die Taktiererei und die strategischen Scharmützel, die aus diesen Regeln folgen, muss man nicht vollends durchblicken. Mit Goodwill und einer Flasche Rotwein lässt es sich auch so gut eingrooven. Der Cast ist schließlich, soziologisch betrachtet, höchst interessant. Sogar ein Student der Philosophie hat sich hier reingeschmuggelt (wobei dieser Axel eher an Popeye als an Richard David Precht erinnert). Dennoch gibt es kein Vertun: Was bei „Are You the One?“ in erster Linie zählt, ist der Body, der Body, der Body, weniger das Brain. Der Close-up auf Bizeps und Brüste versteht sich von selbst. Die Darstellungsfreude der Protagonisten ist phänomenal. So wird Alines Schaumbad zum softerotischen Ereignis. Man ist immer wieder erstaunt, welche Kompetenzen sich die Insta-Generation (ein Instagram-Profil scheint beim Casting genauso wichtig zu sein wie Muskulatur und Oberweite) da rangeschafft hat. Aline weiß genau, wie sie sich am vorteilhaftesten in Szene setzen muss.

Aber hoppla, die Regie von „Are You the One?“ durchkreuzt hin und wieder (schadenfroh?) das Spiel mit den Eitelkeiten: Sie zeigt einmal, wie Laura sich aufs Bett plumpsen lässt und erleichtert ihr üppiges Haarteil vom Kopf reißt. Der Lack ist ab. Nobody is perfect. Das macht diese Trash-Sache dann doch irgendwie sympathisch. (Die Auftaktfolge von „Are You the One?“ bei RTL begann nach einer Corona-Sondersendung der Nachrichtensendung „RTL aktuell“ um 20.30 Uhr statt  – wie die anderen Folgen – um 20.15, und dauerte bis 22.15 Uhr. Und am 22. Mai gab RTL bekannt, dass die weiteren Doppelfolgen der Datingshow wegen schwacher Quoten nicht mehr mittwochs zur Primetime im RTL-Programm ausgestrahlt werden, sondern ab dem 26. Mai jeweils in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ab 0.30 Uhr.)

22.05.2020 – Senta Krasser/MK

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