ARD-Vorschau für 2020: Kleine Signale, große Geschichten und 50 Jahre „Tatort“

22.12.2019 •

Die Jahresvorschau-Pressekonferenz des Ersten Programms der ARD war in den vergangenen Jahren stets auf das Thema Fiction ausgerichtet. Die Präsentationen waren mit lediglich kurzen Schlenkern zu erwartenden Höhepunkten in den Bereichen Information und Dokumentation garniert. Der Vorausblick auf das Programmjahr 2020, den die ARD am 3. Dezember in Hamburg lieferte, war dagegen anders choreografiert. Präsentiert wurden dieses Mal ausgewählte Beispiele aus allen Genres – inklusive Sport und Unterhaltung.

Man könnte es möglicherweise als kleines Signal werten, dass Dokumentarfilme und Dokumentationen am Anfang der Veranstaltung zur Sprache kamen – so unter anderem die Produktion „Das Forum – Rettet Davos die Welt?“, ein von Marcus Vetter stammender Dokumentarfilm, der am 14. Januar um 20.15 Uhr bei Arte TV-Premiere hat und kurz darauf am 20. Januar um 22.45 Uhr im Ersten zu sehen sein wird. Dem mehrfach preisgekrönten Autor und Regisseur Marcus Vetter – er erhielt unter anderem 2001 den Grimme-Preis für „Wo das Geld wächst: Die EM.TV-Story“ – ist es gelungen, beim Weltwirtschaftsforum in Davos einen Einblick davon zu bekommen, wie sich Wirtschaftsgrößen und Staatenlenker verhalten, wenn sie unter sich sind.

Mediatheken-Offensive

Man könnte es ebenfalls als Signal werten, dass Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, in seiner Begrüßungsrede lediglich eine Person namentlich würdigte: den auf das Thema Betrug im Sport spezialisierten Investigativjournalisten Hajo Seppelt. Vielleicht ist diese implizite Betonung von Seppelts Bedeutung ein Indiz dafür, dass die ARD seine Beiträge während der Berichterstattung von der Fußball-Europameisterschaft und den Olympischen Sommerspiele im kommenden Jahr gut platzieren wird.

Für den Fiction-Bereich hob ARD-Fernsehfilmkoordinator Jörg Schönenborn (WDR) aus dem Programm von 2020 vier „große Geschichten“ hervor, „die wir übers Jahr verteilen“. Sie sind allesamt für den prestigiösen 20.15-Uhr-Sendeplatz „Der Film-Mittwoch im Ersten“ geplant und inhaltlich auf historischem Terrain angesiedelt. Es handelt sich um die Produktionen „Unsere wunderbaren Jahre“ (Thema Wirtschaftswunderzeit), „Der Überläufer“ (eine Siegfried-Lenz-Romanverfilmung), „Oktoberfest – 1900“ und „Das Geheimnis des Totenwalds“. Was das Thema des letztgenannten Films angeht – nach fast drei Jahrzehnten wird ein Mord aufgeklärt –, gab es dazu bereits eine dokumentarische Rekonstruktion am 27. September dieses Jahres im Dritten Programm NDR Fernsehen („Eiskalte Spur – Die Göhrde-Morde und die verschwundene Frau“; vgl. MK-Kritik).

Darüber hinaus, so Schönenborn in Hamburg, will man diese Produktionen, die in der klassischen Primetime als zwei- oder dreiteilige 90-Minüter laufen sollen, zwecks Vorabausstrahlung im Netz als Mini-Serienfolgen aufbereiten, beispielsweise in sechsmal 45-minütigen Portionen. Diese serialen Versionen sind Teil einer Mediatheken-Offensive, die die ARD im nächsten Jahr starten will (vgl. MK-Meldung). Zum Start ist „ Oktoberfest – 1900“ als Miniserie zu sehen. Ein weiterer Teil der Strategie sei „ein tolles Bündel regionaler Comedyserien“ (Schönenborn), das es exklusiv in der Mediathek gibt. Auch angekaufte skandinavische Serien werde es, so Schönenborn, nur im Netz geben, etwa „Twin“. Diese Produktion hatte am 27. Oktober 2019 beim norwegischen öffentlich-rechtlichen Sender NRK ihre Premiere. Die ARD-Offensive sei auch eine Reaktion darauf, dass, wie Schönenborn erwähnte, 80 Prozent der Nutzung in der Mediathek des Ersten auf fiktionale Produktionen entfalle

Neues Bremer „Tatort“-Trio

‘Online only’ wird auch die sechsteilige Making-of-Serie „How to Tatort“ (Arbeitstitel) laufen, bei der die mit zahlreichen Grimme-Preisen ausgezeichnete Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik („Neo Magazin Royale“, ZDFneo) Hand angelegt hat. Die Serie soll im Herbst 2020 auf satirische Weise die Entstehungsgeschichte des neuen Bremer „Tatort“-Teams erzählen, das aus Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram und Dar Salim besteht. Das Trio wird seinen ersten Fall allerdings erst im Jahr 2021 lösen.

Bereits 2020 begeht die ARD das 50-jährige Jubiläum des „Tatorts“. Teil der Feierlichkeiten: ein „Tatort“-Zweiteiler, in dem zwei Teams – die aus Dortmund und München – gemeinsam ermitteln werden. Derlei sei „ganz früh ein Stilmittel“ im „Tatort“ gewesen, sagte Jörg Schönenborn. In den 1970er Jahren hätten beispielsweise Kommissar Trimmel (NDR) und Zolloberinspektor Kressin (WDR) gemeinsam ermittelt.

Im Bereich Event-Fernsehen will die ARD 2020 vor allem mit dem Projekt „Der Feind – Recht oder Gerechtigkeit“ auf sich aufmerksam machen. Dahinter steht eine formal neuartige Idee: Ein an die Entführung und Ermordung des Bankierssohns Jakob von Metzler angelehnter Kriminalfall wird in zwei zeitgleich ausgestrahlten Filmen aus verschiedenen Perspektiven erzählt – im Ersten Programm aus der eines Polizisten und in sämtlichen Dritten Programmen aus der des Anwalts eines Verdächtigen. Man könne beide Versionen hintereinander schauen, sie seien aber auch so aufeinander abgestimmt, dass der Zuschauer an „bestimmten Punkten“ umschalten könne, sagt Produzent Oliver Berben (Moovie). Er sang in diesem Zusammenhang dann noch ein kurzes Loblied auf den „Föderalismus“ in der ARD. Der Föderalismus sei ja ohnehin „im demokratischen Sinn das Herz dieses Landes“.

Weitere Talkshows für den Dienstag

„Wir müssen Menschen zum Diskutieren bringen“ und dafür gelte es, „Fakten zu emotionalisieren“, sagte Christine Strobl, Programmgeschäftsführerin der ARD-Produktionstochter Degeto mit Blick auf das TV-Event „Der Feind – Recht oder Gerechtigkeit“. Das Konzept dazu stammt vom Schriftsteller Ferdinand von Schirach. Event-Fernsehen mit von Schirach – das kennt man bereits von der ARD. Der Bestsellerautor lieferte mit dem Theaterstück „Terror“ auch die Vorlage für eine Verfilmung mit interaktiver Komponente, auf die die Programmmacher des Ersten 2016 sehr stolz waren. Der Film „Terror“ wurde damals als „das europäische TV-Event des Jahres“ angekündigt (vgl. MK-Artikel).

Für den Bereich der Unterhaltung verkündete die ARD am Tag sowie in der Woche nach der Jahrespressekonferenz Neuigkeiten. Demnach wird der im Herbst dieses Jahres eingerichtete Talksendeplatz am Dienstagabend im Ersten fortgesetzt und um zwei weitere Sendungen ergänzt: Zur „NDR Talkshow“, dem „Kölner Treff“ (WDR), „3 nach 9“ (Radio Bremen) und „Hier spricht Berlin“ (RBB) gesellen sich Talks des SWR und des Bayerischen Rundfunks (BR). Der SWR liefert für den „Talk-am-Dienstag“-Sendeplatz die aus dem Dritten Programm des Senders bekannte Sendung „Nachtcafé“. Am 10. Dezember meldete der SWR, es seien ab März 2020 „zunächst drei Folgen des Talks mit Michael Steinbrecher“ im Ersten geplant. Zum vorgesehenen neuen Format des BR sind noch keine Details bekannt.

22.12.2019 – René Martens/MK