„ARD Retro“: Sender öffnen ihre Archive für die ARD‑Mediathek

09.12.2020 •

Zum „UNESCO-Welttag des Audiovisuellen Erbes“ am 27. Oktober haben die ARD-Anstalten und das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) „Tausende zeitgeschichtlich relevante Videos frei zugänglich ins Netz“ gestellt, wie der Senderverbund mitteilte. Im Fokus stünden dabei regionale und aktuelle Fernsehproduktionen aus der Zeit vor 1966. Sie sind künftig unter dem Label „ARD Retro“ in der ARD-Mediathek zu finden. Die Videos sind zeitlich unbegrenzt verfügbar. Sie lassen sich verlinken, so die ARD, „und perspektivisch auch in eigene Webseiten einbinden“.

Einblicke in die Nachrichten- und Magazinbeiträge des DDR-Fernsehens gibt es im Rahmen des neuen Angebots der ARD-Mediathek ebenfalls. Dazu wurde die Rubrik „Retro Spezial DDR“ geschaffen. Möglich wird dies durch das Deutsche Rundfunkarchiv, eine Stiftung von ARD und Deutschlandradio. Das DRA verfüge über die Bestände des DDR-Fernsehens (DFF) und habe zusammen mit den Rundfunkanstalten der ARD sein Archiv geöffnet, hieß es dazu in der Mitteilung.

„Bei ‘ARD Retro’ gibt es ein Wiedersehen mit der früheren Prominenz aus Politik, Kultur und Gesellschaft: Hier trifft man Helmut Schmidt, Konrad Adenauer, Hildegard Knef, Peter Alexander, Heinrich Böll, Günter Grass und viele andere in Interviews und Porträts ihrer Zeit“, sagte der ARD-Vorsitzende und WDR-Intendant Tom Buhrow anlässlich des Starts des „Retro“-Angebots. Die ARD bringe nun Videos in ihre Mediathek, „die bislang in unseren Archiven schlummerten, ohne dass die Menschen im Land sie sehen können“, so Buhrow weiter. Er freue sich gerade auch darüber, dass die ARD zusammen mit dem Deutschen Rundfunkarchiv „die Lebenswelt der DDR aus dieser Zeit ebenfalls abbilden“ könne.

Bereits 7000 Beiträge online

Neben den „ARD-Retro-Köpfen“, wie die ARD es formulierte, werde es weitere Themen­rubriken geben, die nach und nach ausgebaut würden. Dazu zählten unter anderem Rubriken zur Veränderung des Frauenbilds seit den 1960er Jahren und zur Entwicklung von Deutschlands Metropolen. Außerdem werde es Clips über das Amerika-Bild im Deutschland der 1950er und 1960er Jahren geben. Seit dem 11. November sind bei „ARD Retro“ Sendungen verfügbar, in denen Brauchtum und Traditionen, Feste rund um St. Martin sowie der Karnevalsbeginn historisch in den Blick genommen werden. Im Bereich Sport gibt es zum Beispiel Bilder von Fritz Walter beim Training mit seiner Weltmeister-Elf von 1954 zu sehen und man kann die Fußball-Legende in Interviews hören.

Die Federführung für das gesamte Vorhaben „ARD Retro“ liegt beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Inhaltlich hat das Projekt laut ARD-Angaben vor allem der Südwestrundfunk (SWR) vorangetrieben. Der Sender war bereits im Herbst 2010 in seiner Mediathek mit „SWR Retro“ online gegangen. Der Bayerische Rundfunk (BR) hat bereits im Jahr 2015 mit seinem Projekt „BR24-Zeitreise“ begonnen. Dafür würden Nutzerzahlen „im hohen zweistelligen Millionenbereich“ verzeichnet, hieß es dazu. 

„Audiovisuelle Inhalte sind Quellen, ohne die man die Geschichte unseres Landes nicht mehr schreiben kann“, sagte Frank Adam, Archiv-Chef von SWR und Saarländischem Rundfunk (SR). Er koordiniert das Programmangebot „ARD Retro“, bei dem insgesamt 40.000 historische Fernsehvideos der Landesrundfunkanstalten nach und nach online gestellt werden. Rund 7000 Beiträge stehen bereits jetzt dauerhaft in der ARD.

Auch die Öffnung der Audioarchive ist geplant

„ARD Retro“ speist sich unter anderem aus den folgenden Sendungen der ARD-Anstalten: „Abendschau“ (BR), „Abendschau“ bzw. ab 1961 „Hessenschau“ (HR), „Nordschau“ (NDR), „Nordschau-Magazin“ (Radio Bremen), Berliner „Abendschau“ (SFB/RBB), „Abendschau“, „Sport im Südwesten“ „Zeichen der Zeit“ (jeweils SDR/SWF/SWR), „Hier und heute“ (WDR), „Abendschau“ (SR), „Aktuelle Kamera“ und „Prisma“ (jeweils DFF). Aus rechtlichen Gründen werden zunächst Videos mit dem Entstehungsdatum bis zum 31. Dezember 1965 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auch an der Öffnung der Audioarchive wird gearbeitet. Derzeit werden in den Archiven der ARD die entsprechenden Tondokumente für eine Bereitstellung in der ARD-Audiothek identifiziert und vorbereitet.

Mit der Einrichtung des „Retro“-Bereichs hat die ARD nun etwas geschaffen, was viele vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Digitalzeitalter fordern: die kostenlose Einstellung historischer Sendungen in die Mediathek. „Was die Freude an der guten Idee ein bisschen trübt“, schrieb dazu Christian Bartels am 28. Oktober in der Medienkolumne „Altpapier“, sei, „sie auszuprobieren“. Denn: „Die unendliche Startseite ardmediathek.de hinabzuscrollen, führt vorbei an Abteilungen wie ‘True Crime | Wahre Verbrechen’, ‘Blaulicht | So tickt die Polizei’, ‘Wie wir lieben’, ‘Wie wir essen’, ‘Starke Menschen, starke Geschichten’, bei denen man froh ist, dass sie im linearen Programm noch nicht auftauchen. Zu was mit ‘Retro’ gelangt man allerdings nicht.“ Das gelinge dann zwar mit der Suchfunktion, doch dabei lande man in einem recht unübersichtlichen Bereich. Bartels: „Hoffentlich arbeitet die ARD-Mediathek an der Verbesserung oder wenigstens Entschlechterung ihrer Suchfunktion.“

09.12.2020 – da/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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