Antonia Rothe-Liermann/Jana Filip/Isabel Braak: Bonusfamilie. 6‑teilige Serie (ARD/BR/MDR/SWR)

Spürbar authentisch

11.12.2019 •

Lisa und Patrick (Inez Bjørg David, Lucas Prisor) leben seit knapp einem Jahr zusammen. Unter komplizierten Umständen. Lisa ist noch mit Martin (Steve Windolf) verheiratet, den sie Patrick zuliebe verlassen hat. Mit Martin hat sie die Kinder Bianca und Eddie (Louise Sophie Arnold, Fillin Mayer). Patrick wiederum ist von Katja (Anna Schäfer) geschieden und Vater von William (Levis Kachel).

Mit ihren früheren Partnern haben Lisa und Patrick vereinbart, das Sorgerecht abwechselnd wahrzunehmen und die Kinder wochenweise zu sich zu nehmen. Was nicht immer einfach zu organisieren und für die Kinder vor allem eine Belastung ist. Martin war gezwungen, nach der Trennung wieder bei seiner Mutter einzuziehen, die mit einer Freundin zusammenlebt. Die Wohnverhältnisse sind beengt. Entsprechende Klagen der Kinder bleiben nicht aus. Besonders die 15-jährige Bianca wünscht sich mehr Privatsphäre.

In der neuen Patchwork-Familie herrscht ständige Anspannung. Die Kinder haben Schwierigkeiten, die neue Situation zu akzeptieren. Der zehnjährige Eddie verhält sich renitent, schikaniert seinen gleichaltrigen Stiefbruder William, wirft zügellos mit Beleidigungen um sich und richtet seine wüsten Beschimpfungen insbesondere gegen Patrick, der, obgleich als Lehrer pädagogisch geschult, oftmals Mühe hat, Geduld und Nachsicht zu wahren. Die Situation gewinnt noch an Brisanz, als Lisa von Patrick ungewollt schwanger wird. Lisa gerät in Erklärungsnot, hatte sie doch Bianca und Eddie versprochen, keine weiteren Kinder bekommen zu wollen.

Die ARD-Serie „Bonusfamilie“ (hergestellt von der Good Friends Filmproduktions GmbH) erzählt in sechs Episoden von den Krisen, Reibungen und Auseinandersetzungen im engeren Familienkreis, von der starken Liebe zwischen Lisa und Patrick, die diesen Herausforderungen standhalten muss. Auch die Lebenswelt der früheren Partner wird einbezogen: Martins Schwierigkeiten, eine eigene Wohnung zu finden und seine Suche nach einer neuen Partnerin, Katjas Affäre mit ihrem Chef, die sie im Lauf der Handlung beendet, um eine Beziehung mit ihrem Arbeitskollegen Hendrik (Matthias Lier) einzugehen. Dieser Hendrik ist ein eher unscheinbarer, aber kluger und humorvoller Zeitgenosse, der auf Anhieb ein gutes Verhältnis zu Katjas Sohn William entwickelt. Am Ende der ersten Staffel geraten, in einer Art Cliffhanger, Martins Mutter Biggi (Swetlana Schönfeld) und deren Freundin „Püppchen“ (Irene Rindje) in den Blick. Was sich für aufmerksame Zuschauer zuvor schon andeutete, wird nun offenbar: Die beiden Frauen sind lesbisch und seit Jahren heimlich liiert.

Inmitten der dramatischen Turbulenzen dieser Serie ist immer auch Raum für humoristische Einlagen. Katjas garstige Sticheleien sorgen für Witz, desgleichen Hendriks einfallsreiches Liebeswerben. Der Möbelverkäufer Martin bekommt mit dem pfiffigen Arbeitskollegen Sebastian (Arnel Taci) eine Art komischen Sidekick, der obendrein als Partnervermittler wirkt und Martin mit der ebenfalls geschiedenen Tessa (Maxine Kazis) verbandelt.

Vorbild dieser neuen ARD-Produktion ist die seit 2017 ausgestrahlte schwedische Serie „Bonusfamiljen“ des öffentlich-rechtlichen Senders Sveriges Television (SVT). Als Produzent, Koautor und Regisseur wesentlich beteiligt ist Felix Herngren, der eigene Erfahrungen in die Drehbücher einfließen ließ – er hat drei Kinder aus einer früheren Ehe und drei weitere mit seiner Frau Clara Herngren, die ebenfalls als Autorin an der Serie mitwirkt. Felix Herngren zeichnet neben dem Koproduzenten Pontus Edgren bei der deutschen Adaption als Executive Producer verantwortlich. Aus dem schwedischen Sprachgebrauch erklärt sich im Übrigen der für die deutsche Version übernommene Sendetitel. Denn in dem skandinavischen Land benutzt man statt des Begriffs Patchworkfamilie das Wort Bonusfamilie, weil dies positiv klingt (so wird es in einer kurzen Szene in der ARD-Serie erklärt).

Das schwedische Original brachte es bereits auf drei Staffeln zu je zehn Folgen. Die ARD produzierte zunächst sechs 45-minütige Episoden, von denen in einer ungewöhnlichen Programmierung jeweils zwei hintereinander auf dem sonst für 90-minütige Fernsehfilme vorgesehenen Termin am Mittwoch um 20.15 Uhr gezeigt wurden. Schon vorher, ab dem 13. November, war die gesamte Serie in der ARD-Mediathek abrufbar.

Die deutsche Adaption ist ein nahezu kongruentes Remake des schwedischen Originals. Eine deutsch synchronisierte Version von „Bonusfamiljen“ läuft seit 2017 unter dem Titel „Die Patchworkfamilie“ bei Netflix. Die meisten Szenen, ganze Textpassagen, auch bildliche Umsetzungen stimmen in der ARD-Produktion mit der schwedischen überein. Der deutlichste Unterschied: Antonia Rothe-Liermann, für die deutsche Drehbuchbearbeitung zuständig, nahm einige Vereinfachungen vor. Der schwedische Pilotfilm von „Bonusfamiljen“ wird diskontinuierlich erzählt. Dort bildet eine gemeinsame Therapiesitzung der vier beteiligten Elternteile den Rahmen für mehrere Rückblenden, die in einer aus dem Ruder laufenden gemeinsamen Geburtstagsfeier für Eddie und William gipfeln. Die deutsche Auftaktfolge hingegen folgt einer linearen Struktur; die wiederkehrenden Figuren der beiden Therapeuten werden dann später eingeführt.

Gänzlich gestrichen wurde Folge 5 des Originals. Hier wagten sich die schwedischen Autoren an die Grenzen des Geschmacks. Der Hypochonder Martin bildet sich ein, an Multipler Sklerose erkrankt zu sein. Und Lisa und Patrik (im Schwedischen nicht mit ck) gehen in den blutverschmierten Kostümen der Zwillinge aus Stanley Kubricks Kinofilm „Shining“ auf eine Halloween-Party. Am nächsten Morgen müssen sich beide synchron übergeben – er infolge seines Katers, sie wegen ihrer Schwangerschaft.

Auch an anderer Stelle – einmal steckt der schwedische Eddie eine lebende Maus in die Mikrowelle – entschieden sich die deutschen Produzenten für eine dezentere Darstellung. Umgekehrt gibt es einige Überbetonungen. Der deutsche Patrick muss abends Schopenhauer lesen, die kaltschnäuzige Karrierefrau Katja kennt die Namen ihrer Mitarbeiter nicht. Der zehnjährige William ist ein guter Schüler, liest gern Bücher –, ein Musterknabe. Um diese Eigenschaften zu unterstreichen, wurde der deutsche Darsteller Levis Kachel in Erwachsenengarderobe gesteckt und bekam einen Seitenscheitel verpasst. Eine merkliche Übertreibung, besonders auffällig, weil ansonsten der Habitus der Kinder und Jugendlichen, dem schwedischen Original folgend, sehr genau und dem jeweiligen Alter gemäß erfasst wird. Darin wie auch in der schlüssigen Entwicklung der Konflikte zeigt sich, dass hier nicht auf Basis lehrbuchhafter Drehbuchmechaniken, sondern in großen Teilen aus persönlichem Erleben heraus, mithin spürbar authentisch erzählt wird.

Durch Streichungen und reduzierte Auftritte der Nebenfiguren gerät die deutsche Version, bei der Jana Filip und Isabel Braak Regie geführt haben, weniger episch und verliert einige Nuancen und Details. Dem Massenpublikum dürfte diese Form entgegenkommen. Die Serie wird übersichtlicher und gewinnt leicht an Tempo, ohne zu überfordern. Die Besetzung der Hauptrollen folgt weitgehend der Typenvorgabe der Vorlage, lässt den deutschen Schauspielern aber noch Raum für eigene Zutaten. International betrachtet gibt es inhaltlich gewagtere Varianten des Genres Familienserie. Im deutschen Programmrahmen stellt „Bonusfamilie“ mit ihrer zeitgemäßen Thematik und handwerklich überzeugenden Machart eine positive Erscheinung dar. Die sich, es sei noch einmal betont, in allen relevanten Merkmalen dem schwedischen Produktionsteam verdankt.

Der erste Doppelfolgen-Block von „Bonusfamilie“ hatte in der ARD 3,91 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 13,0 Prozent, eine Woche später waren’s nur noch 2,82 Mio und 9,2 Prozent und beim dritten Ausstrahlungstermin dann 2,56 Mio Zuschauer und 8,8 Prozent Markanteil. Offensichtlich war es so einigen doch zu kompliziert, bei dieser Patchworkfamilie den Überblick zu behalten, und sie stiegen deshalb vorzeitig aus.

11.12.2019 – Harald Keller/MK