Antje Harries: Kinokino Extra – Nicht jugendfrei! Die FSK wird 70 (3sat)

Lückenhaft

26.10.2019 •

Sieht man vom deutsch-französischen Kultursender Arte ab, dann sind Kinothemen in Fernsehprogrammen seit langem unterrepräsentiert. Eine der wenigen konstanten Größen auf diesem Gebiet ist das seit mehr als 40 Jahren existierende, vom Bayerischen Rundfunk (BR) produzierte Magazin „Kinokino“. Es wird wöchentlich bei 3sat erstausgestrahlt (dienstags, 21.45 bis 22.00 Uhr) und jeweils am folgenden Tag gegen Mitternacht im Dritten Programm BR Fernsehen wiederholt.

Unter dem Titel „Kinokino Extra“ gibt es mehrfach im Jahr Sondersendungen dieses Formats, etwa zu Filmfestivals oder zu Jubiläen. Jetzt blickte in einer solchen Sondersendung Antje Harries, die schon einige TV-Beiträge über Schauspieler und Regisseure realisiert hat, zurück auf die Geschichte jener nicht unstrittigen Prüfinstitution für Kinofilme, die Mitte 1949, also vor 70 Jahren, ihre Arbeit aufnahm: die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, kurz FSK.

Um die in Wiesbaden ansässige, von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) getragene Einrichtung ist es in den vergangenen zwei Jahrzehnten vergleichsweise still geworden. Das liegt auch daran, dass der Kinofilm seine einstige Funktion als Leitmedium zugunsten neuer elektronischer Verbreitungswege von Bildern und Informationen eingebüßt hat. Aus diesem Grund richtet Antje Harries den Blick eher zurück auf jene Epoche, in der in Deutschland über strittige Spielfilme noch lautstark debattiert wurde. So erinnert sie in der „Kinokino-Extra“-Ausgabe unter dem Titel „Nicht jugendfrei! Die FSK wird 70“ unter anderem an einen der ersten großen Aufreger, Willi Forsts Kolportagedrama „Die Sünderin“ aus dem Jahr 1951. Hildegard Knef spielt hier eine Frau, die sich prostituiert, um an Geld für die Augenoperation ihres blinden Freundes zu kommen. Der Skandal um diesen Film, der gemäß der damaligen Sprachregelung als „entsittlichend“ empfunden wurde, löste seinerzeit heutzutage nicht mehr vorstellbare Proteste auf breiter Ebene aus. Darüber hinaus zeigt Harries, dass die FSK auch bei freizügiger Darstellung von Erotik und bei der Verletzung religiöser Empfindungen einschritt. Letzteres war der Fall bei Herbert Achternbuschs Groteske „Das Gespenst“, die 1982 für Diskussionen sorgte.

Dass die Sitten- und Geschmackswächter auch explizit politische Zensur ausübten, belegt eine Entscheidung aus dem Jahr 1950, als von der FSK einstimmig verboten wurde, Roberto Rossellinis Meisterwerk „Rom: offene Stadt“ (1945) öffentlich aufzuführen. Die Prüfer hatten damals beanstandet, dass das Wüten deutscher SS-Truppen in Italien zu realistisch gezeigt werde. Diesen Teil ihrer Geschichte sieht die FSK heute selber kritisch. Schade nur, dass in der „Kinokino-Extra“-Ausgabe dieses Schlüsselbeispiel ausgespart wird.

Dennoch gelingt Antje Harries ein eleganter Einstieg in die Thematik der politischen Zensur. So erklärt Volker Schlöndorff, dessen Verfilmung der „Blechtrommel“ von Günter Grass 1980 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, vor der Kamera, wie er einst bei Filmprüfungen in Wiesbaden heimlich zuschaute und er so überhaupt erst einen Bezug zum Kino bekam. Der Regisseur und Autor wurde dann aber auch ein Opfer der FSK: Sein früher Kurz-Dokumentarfilm „Wen kümmert’s“ von 1960 über algerische Deserteure der französischen Fremdenlegion, die sich damals in Deutschland versteckten, wurde laut Beschluss der Wiesbadener Prüfer aus politischen Gründen zensiert und durfte nicht aufgeführt werden.

Aber: Was heißt hier eigentlich Zensur? Steht in Artikel 5 des Grundgesetzes nicht „Eine Zensur findet nicht statt“? Dank einem juristischen Winkelzug ist es nicht der Staat, der zensiert. Die FSK ist nämlich eine privatwirtschaftliche Einrichtung, genauer gesagt: eine Vertretung der Rechteinhaber der Filme. Aus diesem Grund erweckt die FSK den Anschein, als wären es, verkürzt gesprochen, die Filmschaffenden selbst, die ihre eigenen Werke einer „freiwilligen Selbstkontrolle“ unterziehen. Diese Grundsatzproblematik, die bei einem Rückblick auf die 70-jährige Geschichte nicht hätte fehlen dürfen, spart die „Kinokino“-Sondersendung aber ebenso aus wie die brenzlige Frage, warum ein – wie es in typischem Amtsdeutsch heißt – „ständiger Vertreter der obersten Landesjugendbehörden“ bei den FSK-Prüfungen den Vorsitz innehat.

Stattdessen fokussiert der Beitrag sich (seinem Sendetitel entsprechend) mehr auf das Themenspektrum des Jugendschutzes inklusive Altersfreigabe und auf die ab den 1980er Jahren zunehmende Brutalität im Film. Damals kam mit dem Videorekorder ein neues Medium auf den Markt. Unter dem Ladentisch der Videotheken fanden gewaltdarstellende Kinofilme für das Abspielen zu Hause (Home Video) eine zunächst unkontrollierte Verbreitung. Die öffentliche Debatte über derartige Werke verlief seinerzeit ähnlich hitzig und kontrovers wie gegenwärtig die Auseinandersetzung über Hate Speech in sozialen Netzwerken.

In der „Kinokino-Extra“-Sendung wird exemplarisch auf das Verbot des Schmuddel- und Gewaltfilms „Nekromantik 2“ von Jörg Buttgereit verwiesen. In diesem Zusammenhang musste sich seinerzeit sogar die Filmvorführerin des Münchner „Werkstattkinos“ vor Gericht verantworten – obwohl sie nur den Projektor bedient hatte. Das Verbot dieses Films über Sex mit Leichen, so Antje Harries in ihrem Beitrag, sei auf der Grundlage von Paragraph 131 erfolgt, einer Vorschrift im Strafgesetzbuch, die das öffentliche Aufführen eines Films untersagt, der Grausamkeit und Gewalttätigkeit „in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt“. Da die „Kinokino“-Sonderausgabe aber nicht verdeutlicht, dass diese umstrittene Vorschrift nichts mit der FSK zu tun hat – die hier zu Unrecht mit dem Verbot von „Nekromantik 2“ in Zusammenhang gebracht wird – entsteht eine gewisse Unschärfe.

So ist die Sendung „Nicht jugendfrei! Die FSK wird 70“, die auch noch im BR Fernsehen ausgestrahlt werden soll, ein Beitrag mit thematischen Lücken und Ungenauigkeiten. Teilweise sind diese Defizite auch der knappen Sendedauer geschuldet. Denn die Zusammenfassung der 70-jährigen FSK-Geschichte in einer halben Stunde ist im Grunde eine Mission impossible. Sehenswert war der Film (120.000 Zuschauer, Marktanteil: 0,5 Prozent) aber dennoch. Mit interessanten dokumentarischen Ausschnitten aus dem Archiv führte die Autorin beispielsweise vor Augen, in welcher Atmosphäre die Prüfer im Deutschland der 1950er Jahre Filme sichteten und diskutierten. Ihr Beitrag verdeutlichte so, wie sich über die Jahrzehnte hinweg das sittliche Empfinden der Kinozuschauer stetig wandelte. Sehgewohnheiten veränderten sich – ohne dass die Menschen, wie Bewahrpädagogen noch in den 1980er Jahren befürchteten, durch Kinokonsum abgestumpft wären.

26.10.2019 – Manfred Riepe/MK

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