Anregende Momente: Zum Programmschwerpunkt „Summer of Freedom“ bei Arte

21.08.2019 •

„In einer Zeit, in der autokratische Herrscher und Populisten die Errungenschaften unserer Wertegemeinschaft angreifen, ist es Zeit, daran zu erinnern, welche Kraft und welchen Mut der Kampf für und die Verteidigung der Freiheit erfordert.“ Mit diesen Worten stellt Bernd Mütter, der Programmdirektor von Arte, heraus, dass die Konzeption des „Summer of Freedom“, des diesjährigen popkulturellen Sommerschwerpunkts des deutsch-französischen Senders, auch von aktuellen politischen Entwicklungen beeinflusst war.

Der „Summer of Freedom“ startete am 5. Juli, zu Ende geht er am 25. August. Wie so oft bei den „Summer of…“-Reihen bei Arte – die diesjährige ist bereits die 13. – wirkt die Zusammenstellung in Teilen wie ein etwas zu beliebiges Gemischtwarenangebot. Was etwa der 60-minütige Konzertfilm „Tina Turner Live in Holland“, der am 9. August um 0.45 Uhr zu sehen war, mit dem von Programmdirektor Mütter umrissenen Konzept zu tun haben soll, ist nicht so ganz klar. Der hier mitgeschnittene Auftritt fand 2009 in Arnheim im Rahmen der „Tina Turner 50th Anniversary Tour“ statt. Bei der vom SWR zugelieferten Dokumentation „Birkenstock – Die Freiheit trägt Sandale“ (26.7.) wirkt schon die Verwendung des Begriffs „Freiheit“ wie ein arg bemühter Rechtfertigungsversuch für die Programmierung des Films im Rahmen des Sommerschwerpunkts.

Das Leben des David Crosby

26 der 43 Dokumentationen, Spielfilme und Konzertmitschnitte, die Arte im Rahmen des Schwerpunkts zeigt oder zeigte, sind nach Angaben des Senders deutsche Free-TV-Erstausstrahlungen. Dazu gehört der am 19. Juli in den US-Kinos gestartete Dokumentarfilm „David Crosby: Remember My Name“ (Arte-Erstausstrahlung: 9. August, 23.05 bis 0.40 Uhr). Regisseur A.J. Eaton erzählt hier die von vielen Abstürzen und Wiederauferstehungen geprägte Geschichte des mittlerweile 78-jährigen Sängers und Gitarristen David Crosby, der Teil der Bands The Byrds, Crosby, Stills & Nash und Crosby, Stills, Nash & Young war. Produziert hat den Film der Schauspieler und Spielfilmregisseur Cameron Crowe, der bereits als Teenager als Musikjournalist gearbeitet und in dieser Zeit auch Crosby interviewt hat.

David Crosby erzählt so schonungslos wie einnehmend und gewiss auch mit einem Hang zur Dramatisierung von Krankheiten, Drogenabhängigkeiten, einem Gefängnisaufenthalt wegen Rauschgiftvergehen und Zerwürfnissen mit langjährigen Musikerkollegen. „Zwei oder drei Herzinfarkte“ habe er überstanden, und nun habe er „acht Stents“ im Körper. Zudem habe er nach Drogen-Überdosen „ein paarmal reanimiert werden“ müssen. Heute bedauert er es, dass er einen großen Teil seines Leben „bedröhnt“ zugebracht hat: „Man hasst sich, weil man ein Wichser ist, also nimmt man mehr Drogen, wird zu einem noch übleren Wichser, also nimmt man noch mehr Drogen.“

Zu den Stärken des Films gehören die politischen Passagen – etwa wenn die Rede auf „Ohio“ kommt, einen der bekanntesten Songs von Crosby, Stills, Nash & Young. Der war eine Reaktion darauf, dass die Nationalgarde des Staates Ohio im Mai 1970 bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg an der Kent University vier unbewaffnete Studenten erschossen hatte. Dieses Lied „war das Beste, was wir je gemacht haben. Es steckte wahrscheinlich das ganze Land in Brand“, sagt Crosby. Der Satz ist deshalb aufschlussreich, weil Pop-Songs heute kein Land mehr „in Brand setzen“ können. Pop-Musik ist zum einen in unzählige Genres aufgesplittert, zum anderen konkurriert sie heute mit ungleich mehr kulturellen und medialen Angeboten als vor einem halben Jahrhundert.

Prophetisches zur Klimakatastrophe

Um einen Eindruck des gesellschaftlichen Klimas jener Zeit zu vermitteln, zeigt Regisseur Eaton auch einen beredten Ausschnitt aus einer Ausgabe der Talksendung „The Dick Cavett Show“, die im August 1969 unmittelbar nach dem Woodstock-Festival entstand. Zu Gast sind mehrere Musiker, die direkt aus Woodstock ins Fernsehstudio gekommen sind, darunter Crosby, der dort zum Entsetzen von Moderator Cavett unter anderen sagt, wenn man etwas gegen Luftverschmutzung tun wolle, müsse man Automobilfirmen wie General Motors und Chrysler davon überzeugen, ihren Betrieb einzustellen. Natürlich ein utopischer Vorschlag, der aber angesichts der Kritik, mit der sich die Autoindustrie mittlerweile wegen ihres Anteils an der Klimakatastrophe konfrontiert sieht, aus heutiger Sicht durchaus auch prophetisch wirkt.

Dass es sich David Crosby mit vielen Menschen verdorben hat – seine langjährigen Weggefährten Graham Nash und Neil Young ließen sich für diese Produktion nicht einmal interviewen; da musste sich Regisseur Eaton mit Archivmaterial behelfen –, ist für den Film übrigens von Vorteil, so zynisch das auch klingen mag. Oft sind Musikdokumentationen ja voll von klischierten Lobeshymnen, die Musiker auf andere Musiker anstimmen, und der Nährwert solcher Filme ist eher gering.

Im persönlichen Umgang äußerst schwierig, nicht zuletzt aufgrund des massiven Konsums von Drogen – wie für Crosby gilt das auch für den 2008 im Alter von 62 Jahren verstorbenen Schlagzeuger und Gitarristen Klaus Dinger, den Protagonisten von Jacob Frösséns schwedischer Dokumentation „Klaus Dinger, Urvater des Techno“ (4. August, 23.00 bis 23.50 Uhr). Michael Rother, mit dem Dinger die Gruppe Neu! bildete, sagt in dem Film zum Beispiel, er sei mit seinem musikalischen Partner „nicht befreundet“ gewesen. Dinger habe „Charaktereigenschaften“ gehabt, „die es mir unmöglich machten, ihn als Freund zu haben“.

David Bowies Frage nach der Gruppe Neu!

Dinger, frühes Mitglied der Gruppe Kraftwerk, erfand bei Neu! den sogenannten Motorik-Beat, einen repetitiven Rhythmus, den er selbst einmal als „der Apache“ oder auch als „lange“ bzw. „endlose Gerade“ bezeichnete. Der internationale Titel von Frösséns Film lautet „The heart is a drum“, unter diesem Titel war er im Mai 2019 auch im Programm des öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehsenders SVT gelaufen. Dieser Titel beschreibt das Wesen des Schlagzeugstils, mit dem Klaus Dinger Musiker verschiedenster Genres und Generationen beeinflusst hat, wesentlich besser als die für die deutsche Arte-Ausstrahlung eingesetzte plakative Formulierung „Urvater des Techno“. (Der Titel bei der französischen Arte-Ausstrahlung lautete übrigens „Klaus Dinger – Aux avant-postes de la Techno“ und die hier verwendete Formulierung „Vorposten des Techno“ ist auch nicht besser.)

Warum ein schwedischer Film über einen Musiker aus Düsseldorf? Autor Frössén sagt, Dingers künstlerisches Schaffen sei nicht denkbar gewesen ohne die gescheiterte Liebe zu einer schwedischen Frau, die der Musiker aus Deutschland 1971 kennenlernte. Frössén bezieht sich dabei auf Aussagen, die Dinger 1998 im Telefoninterview mit einer schwedischen Zeitschrift machte, das der Filmemacher für seine Dokumentation verwenden konnte. Und Michael Rother sagt, „das Zelebrieren des Schmerzes“ sei für Dinger „fast ein Lebensmotto“ gewesen. Frössén, der Dinger nie hat treffen können, kommt seinem Protagonisten letztlich wesentlich näher, als so manche Filmemacher, die die von ihnen porträtierten Musiker stundenlang interviewen konnten.

Wie der Film über David Crosby enthält auch „Klaus Dinger, Urvater des Techno“ einen Schnipsel aus der Fernsehhistorie, der so amüsant wie aufschlussreich ist: einen aus dem Februar 1997 stammenden Ausschnitt aus der von Thomas Gottschalk moderierten ZDF-Show „Wetten, dass..?“ Zu Gast war damals David Bowie: Während des Plauschs mit dem Moderator fragt Bowie in den Saal, wer aus dem Publikum denn die von ihm bewunderte Band Neu! kenne. Eine Person meldet sich.

Ein Independent-Club in der DDR

Der wohl anregendste Beitrag unter den deutschen Eigenproduktionen für Artes „Summer of Freedom“ ist die vom MDR verantwortete Dokumentation „Lugau City Lights – Ein DDR-Dorf schreibt Pop-Geschichte“ (11. August), der die Geschichte des Indie-Clubs „Extrem“ im brandenburgischen Dorf Lugau erzählt. Der Film von Tim Evers basiert auf dem Roman „Düsterbusch City Lights“ von Alexander Kühne, der einer der Gründer des Clubs war und ab 1983 die Punk- und New-Wave-Bands des Ostens in sein 500-Einwohner-Dorf holte. Kühne, sonst unter anderem als freier Journalist für TV-Kulturmagazine wie „Metropolis“ (Arte) tätig, fungiert bei „Lugau City Lights“ als Autor und Presenter. Als er zu einer zentralen Figur der DDR-Subkultur wurde, war es noch sein Job, Kohlewaggons auszukehren. „Waggonkosmetiker“ lautete die inoffizielle Bezeichnung dafür.

Das „Extrem“ war der einzige dauerhafte bestehende Independent-Club der DDR, ein Ort, der ein Gefühl von Freiheit vermittelte, das im Alltag nicht zu finden war. Für ihn seien die Wochenenden in Lugau ein wichtiger Teil für die Persönlichkeitsentwicklung gewesen, erzählt zum Beispiel Mirko Borscht, einst Stammgast in Lugau und heute Theaterregisseur.

Alexander Kühne und viele seiner Mitstreiter berichten unter anderem davon, wie abenteuerlich die Umstände waren, unter denen sie Konzerte organisierten, schließlich mussten sie dabei ja die Volkspolizei zum Narren halten. Einige Musiker, die einst dort aufgetreten waren, kehren für den Film in das Dorf zurück, darunter zwei der Punk-Band Feeling B (heute international bekannt unter dem Namen Rammstein). Diese Szenen und die Erzählungen der Zeitzeugen ähneln sich dann doch etwas zu sehr, weshalb „Lugau City Lights“ im hinteren Teil ein bisschen auf der Stelle zu treten droht. Dennoch: Da vielen Menschen, die vor 1989 in der alten Bundesrepublik und danach nie im Osten gelebt haben, diese Geschichte kaum bekannt sein dürfte, ist es lobenswert, dass Arte diesen Film in seinen Sommerschwerpunkt aufgenommen hat. Er wird am 2. November 2019 noch einmal im Dritten Programm MDR Fernsehen ausgestrahlt.

Zu den deutschen Lieferungen für den Schwerpunkt gehört auch der vom ZDF produzierte Zweiteiler „Sound of Freedom – Der Soundtrack der Freiheit“ (beide Teile am 7. Juli, Teil 1: 22.05, Teil 2: 23.00 Uhr). In zweimal 52 Minuten wird in dieser Produktion versucht, über alle Jahrzehnt- und Stilgrenzen und sonstigen Unterschiede hinweg, möglichst viele Musiker unterzubringen, die sich in irgendeiner Form mit dem „Kampf für und die Verteidigung der Freiheit“ (um es mit Bernd Mütter zu sagen) in Verbindung bringen lassen.

Unpräzise Angaben von Arte

Worin das Problem solcher Rundumschläge besteht, zeigt eine Passage aus dem zweiten Teil von „Sound of Freedom“. Die Autoren Chrysanthi Goula und Bernard Wedig gelangen hier von den berühmten Stonewall-Protesten, die Ende Juni 1969 vor der Schwulenbar „Stonewall“ in New York ihren Anfang nahmen, über die ungefähr zur selben Zeit stattfindende Beerdigung der Sängerin Judy Garland („Over the Rainbow“), die hier als „erste Ikone“ der Schwulenbewegung bezeichnet wird, flugs ins 21. Jahrhundert – zu Madonna, Kylie Minogue und Lady Gaga, die die Filmemacher als aktuelle Schwulenikonen und damit in diesem Sinne Nachfolgerinnen Garlands bezeichnen. Daraufhin zieht das Autorenteam dann wieder Parallelen zwischen diesen drei Künstlerinnen und David Bowie – und geht dabei gleich mehr als vier Jahrzehnte zurück, denn Bowie wird hier eingeführt mit einem Ausschnitt aus dem Song „Rebel Rebel“ von 1974. All das passiert im Lauf von gerade einmal vier Minuten. Selbst der Begriff ‘beliebig’ wirkt beinahe noch zu schwach, um zu beschreiben, wie hier Themen miteinander verbunden und kombiniert werden.

Der zweite Teil von „Sound of Freedom“ erzählt auch die Geschichte der verschiedenen Fassungen des Liedes „Bella Ciao“, das ursprünglich bekannt geworden war in einer Version italienischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Bezugnehmend auf einen Remix, der im Sommer 2018 in Deutschland sehr erfolgreich war, heißt es in der Doku: „Die Ohrwurm-Qualitäten des Songs überzeugen generationsübergreifend.“ Eine derartige Sprache, die einem schon in Texten von Musik-Promotern auf die Nerven geht, wirkt in einer Arte-Dokumentation erst recht deplatziert. So etwas klingt einfach nur ranschmeißerisch, obwohl man doch die Hoffnung haben kann, dass so eine Haltung bei Arte-Zuschauern nicht verfängt.

Trotz aller anregenden Momente, die sich in einer „Summer-of-Freedom“-Gesamtschau bilanzieren lassen, sei zum Abschluss noch ein besonders ärgerliches Detail erwähnt. Der am 25. August, am letzten Tag der Sommerreihe, von 23.15 bis 0.45 Uhr zu sehende britisch-südafrikanische Dokumentarfilm „Mandelas Kinder“ ist im Presseheft zu „Summer of Freedom“ als „WDR/Arte“-Film deklariert und als Produktionsort und Produktionsjahr ist „Deutschland 2018“ angegeben. Auf der Arte-Website lauten die entsprechenden Daten: „Land: Deutschland“, „Jahr: 2018“ und „Herkunft: WDR“. Bedenkt man, dass Kemal Akhtars und Kweku Mandelas Film bereits im Mai 2012 unter dem Originaltitel „Mandela’s Children“ auf dem „Brighton Film Festival“ lief, sind die Arte-Angaben nicht allzu präzise. Das soll gar kein Argument dagegen sein, 2019 von solch einem Film eine deutsche Fassung zu zeigen, aber etwas transparentere Angaben zur Produktion wären dann doch wünschenswert.

21.08.2019 – René Martens/MK