Annette Hess/Linda Brieda/Johannes Rothe/Lisa Rüffer/Florian Vey/Philipp Kadelbach: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. 8‑teilige Serie (Amazon Prime Video)

Unschlüssige Umsetzung

07.04.2021 •

Ende der 1970er Jahre avancierten die biografischen Schilderungen von Christiane Felscherinow alias Christiane F. über ihr vom Drogenkonsum zerstörtes Leben zu einem Überraschungserfolg. Das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, das auf Tonbandprotokollen der „Stern“-Autoren Horst Rieck und Kai Hermann basiert, die seinerzeit die 1962 geborene Jugendliche interviewt hatten, stand zwei Jahre an der Spitze der „Spiegel“-Bestsellerliste und wurde zur Schullektüre. Christiane F. wurde zu einer Kultfigur und einem gern gesehenen Talkshow-Gast. Ihre TV-Gespräche mit Günther Jauch und Sandra Maischberger kann man sich auf YouTube ansehen.

Nach Uli Edels erfolgreicher Kinoadaption aus dem Jahr 1981 folgt nun, 40 Jahre später, eine achtteilige deutsche Serie, die auf dem Buch basiert und vom US-amerikanischen Streaming-Anbieter Amazon Prime Video in Auftrag gegeben wurde. Annette Hess, bekannt unter anderem als Schöpferin der preisgekrönten ARD-Serie „Weissensee“ (vier Staffeln), zeichnete als Headautorin verantwortlich; weitere Autoren waren Linda Brieda, Johannes Rothe, Lisa Rüffer und Florian Vey. Regie führte Philipp Kadelbach.

Um den Stoff einem insgesamt knapp siebenstündigen Serienformat anzupassen, wurde der Fokus auf sechs Hauptprotagonisten ausgeweitet, drei Mädchen und drei Jungs. Neben Christiane (Jana McKinnon) und ihrer Freundin Stella (Lena Urzendowsky), beide aus prekären Unterschichtsfamilien, geht es um die grazile Babsi (Lea Drinda), die dem großbürgerlichen Milieu einer Grunewald-Villa entstammt. Die drei Teenager treffen sich bei Axel (Jeremias Meyer), der in einer stilvoll versifften Berlin-WG zusammen mit dem coolen Benno (Michelangelo Fortuzzi) und dem sensiblen Michi (Bruno Alexander) lebt.

Zu Recht moniert wurde in der Kritik zur Serie die Unstimmigkeit der Besetzung. So wirkt die österreichisch-australische Darstellerin Jana McKinnon in der Hauptrolle wie eine junge Frau Mitte 20. Bereits der Titel sagt jedoch, dass es um „Kinder“ – und nicht um junge Erwachsene vom Bahnhof Zoo geht. Über derartige Unstimmigkeiten sieht man zunächst hinweg, denn die beiden Hauptmotive der Serie – die zerrütteten Familienverhältnisse und die durch Drogenkonsum ausgelöste Euphorie – werden gut umgesetzt.

Dank surrealen, gleichzeitig aber auch bedrohlich wirkenden Szenarien vermittelt sich zum einen die Ekstase – und damit auch die fatale Anziehungskraft – des Heroin-Rauschs. Die Bildsprache verbeugt sich vor dem britischen Kultklassiker „Trainspotting“ (1996). Zum anderen nimmt sich der Achtteiler genügend Zeit, um die zerrütteten Familiensituationen dieser gefallenen Engel teilweise recht differenziert nachzuzeichnen.

So verkörpert Angelina Häntsch glaubhaft Christianes überforderte Mutter Karin. Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer heilen Familie und ihrem völlig verpeilten Mann (Sebastian Urzendowsky), der seine hochschwangere Gattin einmal mit seinem gerade gebraucht gekauften Porsche anfährt und sie ein anderes Mal in einem cholerischen Anfall beinahe in der Badewanne ertränkt. Nicht einfacher hat es Christianes Freundin Stella. Ihre Mutter Nati (Valerie Koch), eine trinkende Kneipenwirtin, sieht darüber hinweg, dass die Tochter von einem der Gäste vergewaltigt wurde („das war ein Missverständnis“).

Die mäandernde Serien-Erzählung trifft durchaus den Ton, um derartige Verwerfungen überzeugend zu beobachten. Vor allem für die Todesspirale zwischen Suchtdruck und Beschaffungsprostitution findet der Achtteiler stimmige Bilder. So flüchten die Mädchen, wenn gar nichts mehr geht, in die spießig eingerichtete Wohnung von Günther (Bernd Hölscher), einem schmerbäuchigen Typ, der ihnen eine Unterkunft gibt – und der die Mädchen als Gegenleistung für Sex mit Heroin versorgt. Dabei entsteht manchmal der beinahe zärtlich anmutende Schein einer Ersatzfamilie. Der pädophile Freier glaubt fest daran, dass er die ihm ausgelieferten Kinder aufrichtig liebt. Tatsächlich aber behandelt er sie nicht anders als jene Kuscheltiere aus seiner Zoohandlung.

Diese Präzision der Beobachtung hält die Serie aber leider nicht durch. Die drei männlichen Hauptfiguren sind deutlich unschärfer gezeichnet. Zwar entsteht dank der üppigen Ausstattung einer Amazon-Produktion und den unverbrauchten Gesichtern – vor allem von Lena Urzendowsky und Lea Drinda – nie der Eindruck eines gut gemeinten Fernsehspiels. Der aufwendig inszenierte Mehrteiler, bei dem Oliver Berben und Sophie von Uslar als Produzenten fungierten, krankt jedoch daran, dass er die Coming-of-Age-Geschichte für die heutige Zielgruppe kompatibel zu machen versucht.

Diese Aktualisierung funktioniert nicht wirklich. Buchvorlage und Kinoadaption waren nämlich im Lebensgefühl und im Zeitgeist der 1970er Jahre verankert. Hauptanlaufstelle der Kinder vom Bahnhof Zoo ist das „Sound“, eine ehemals angesagte Berliner Großraum-Disco, wo Christiane und ihre Freunde auch mit Heroin in Kontakt kommen. Gespielt wurde hier in den 70ern unter anderem die Musik von David Bowie. Dass der Sänger, der selbst heroinabhängig war und Mitte der 70er Jahre in (West-)Berlin lebte, für den damaligen Kinofilm überraschend die Musikrechte einräumte, war ein Schlüssel für den Erfolg von Uli Edels Leinwand-Adaption.

Mit Rücksicht auf die Zielgruppe läuft im Sound der Serien-Version aber größtenteils Techno von heute. Zwischendrin sind diverse Bowie-Coverversionen zu hören, die aber zur Atmosphäre nichts betragen. Nach der enttäuschenden, auf Patrick Süskinds Bestseller basierenden ZDFneo-Serie „Parfum“ (vgl. MK-Kritik), bei der Oliver Berben ebenfalls der Produzent war und Philipp Kadelbach ebenfalls der Regisseur, pendelt diese Neuinterpretation des Christiane-F.-Stoffs unschlüssig zwischen stimmiger Historisierung und konsequenter Aktualisierung. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (Produktion: Constantin Television) wirkt daher unter dem Strich als Serie etwas blutleer.

07.04.2021 – Manfred Riepe/MK

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