Annette Heinrich: In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball? Reihe „37°“ (ZDF)

Kurz, aber sehenswert

18.06.2021 •

Megan Rapinoe hätte diese Reportage vermutlich nur ein müdes Lächeln entlockt. Die gebürtige Kalifornierin wurde als Kapitänin der US-Fußball-Nationalmannschaft zweimal Weltmeisterin und hat aus ihrer Homosexualität nie einen Hehl gemacht. Bei der WM 2019 zählte ein Szenemagazin 51 Spielerinnen aus aller Welt, die offen bekannten, lesbisch oder bisexuell zu sein.

Vor diesem Hintergrund ist der Titel des Films von Annette Heinrich durchaus irreführend. Denn in der halbstündigen Reportage aus der ZDF-Reihe „37°“ geht es ausschließlich um männliche Kicker, bei denen Homosexualität nach wie vor ein absolutes Tabu-Thema ist. Von den rund 900 Spielern, die in den deutschen Profi-Ligen aktiv sind, hat sich bislang kein einziger zu einem Coming-out durchringen können. So gilt Thomas Hitzlsperger noch immer als die große Ausnahme. 2014 bekannte sich der ehemalige Nationalspieler zu seinem Schwulsein. Allerdings erst, nachdem er seine Profi-Karriere beendet hatte. In einem Interview erklärte er damals, mit seinem Coming-out auch eine Diskussion über Homosexualität im Fußball anstoßen zu wollen.

In der Reportage „In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball?“ zeigte Hitzlsperger, 39, sich nun verwundert, dass niemand seinem Beispiel gefolgt sei und sich zumindest nach Ende seiner Laufbahn zu seinem Schwulsein bekannt habe. Schließlich scheint die Angst, nach solch einem Bekenntnis in einem Land, wo Homosexualität unter Politikern längst kein Tabu mehr ist, diskriminiert zu werden, eher unbegründet. Thomas Hitzlsperger ist seit Oktober 2019 Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, der nach seinem Abstieg in die zweite Liga in der darauffolgenden Saison 2019/20 den sofortigen Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffte.

Neben der Galionsfigur des homosexuellen (Ex-)Fußball-Profis hat die Autorin noch zwei weitere ehemalige Fußballer für ihren Film gewinnen können. Marcus Urban, Jahrgang 1971, spielte seit seiner Jugend beim FC Rot-Weiß Erfurt und galt als Hoffnungsträger für die damalige DDR-Nationalmannschaft. In bewegenden Worten schildert er im Film, wie er sich über Jahre quälte, bis er seine Homosexualität zumindest sich selbst eingestehen konnte. „Ich war Fußballer, also konnte ich nicht schwul sein“, sagt er. Und er schildert, wie ihn der Zwiespalt dazu trieb, auf dem Rasen besonders aggressiv zu agieren und auch schon mal den ein oder anderen Spruch gegen Schwule abzulassen. Im Alter von 23 akzeptierte er endlich seine sexuelle Veranlagung, machte sie öffentlich – und hängte die Fußballschuhe an den Nagel.

Von ähnlichen Ängsten erzählt der 32-jährige Benjamin Näßler. Er hat es als Amateur in der der schwäbischen Provinz zwar nur bis in die Kreisliga gebracht, doch auch für ihn war es seinerzeit ausgeschlossen, sich gegenüber seinen Mitspielern zu seiner Homosexualität zu bekennen. Er habe, schildert er, selbst beim Packen der Sporttasche in der Kabine überlegt, ob er seine Sachen ordentlich zusammenlegen oder sie besser einfach hineinstopfen sollte, um nur ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er sei irgendwie anders.

Man kann es der Autorin nicht unbedingt als Verdienst anrechnen, Urban und Näßler mit ihren Geschichten aufgespürt zu haben. Beide haben sich nach ihrem Coming-out öffentlich für die Belange von Schwulen engagiert und Näßler brachte es sogar zum Titel des „Mr. Gay Germany“. Der Filmemacherin gelingt es jedoch eindrucksvoll, ihren Protagonisten sehr persönliche Statements zu entlocken. Wenn etwa Benjamin Näßler mit seinem Bruder im Elternhaus zusammensitzt und dieser bekennt, wie sehr er heute bedauere, von dessen Nöten damals nichts geahnt zu haben, ist das ein bewegender Moment. Ähnlich ist es, wenn Näßler auf ehemalige Mannschaftskameraden seines Heimatvereins trifft, die sich nicht in wohlfeilen Toleranz-Bekenntnissen ergehen, sondern einräumen, dass sie vermutlich nicht gewusst hätten, wie sie mit einem Coming-out hätten umgehen sollen. Auch Thomas Hitzlsperger erzählt, dass er damals mehr Angst vor den Reaktionen seiner Mitspieler als vor denen der Fans gehabt habe.

Doch über die Frage, inwieweit Homophobie auch unter Fußball-Anhängern verbreitet ist, lässt sich nur spekulieren. Marcus Wiebusch, Sänger der Hamburger Rock-Band Kettcar und Fan des als progressiv bekannten Klubs FC St. Pauli, ist sich zwar sicher, dass für einen Fußballer ein Coming-out kein Problem sei, wenn er im heimischen Stadion spiele, aber alle 14 Tage stünden schließlich Auswärtsspiele an.

Indem Annette Heinrich ihre Protagonisten an immer wieder wechselnden Standorten deren Sicht der Dinge erzählen lässt, nimmt sie ihrer Reportage jegliche Talking-Heads-Statik; auch der Entschluss, den Off-Kommentar auf ein Minimum zu reduzieren, wirkt sich positiv aus. Und dass sie keinen Offiziellen vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) vor die Kamera zitiert hat, muss man ebenfalls nicht bedauern. Mehr als ein glühendes Bekenntnis zur Toleranz in alle Richtungen, hätte man dabei kaum zu hören bekommen.

Wirklich bedauern kann man hingegen, dass dieses brisante Thema dem ZDF letztlich nur 30 Minuten wert war. Schließlich hat Torsten Körner mit seinem Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ über Rassismus im deutschen Fußball, die nach der Auswertung auf der Streaming-Plattform Amazon Prime Video nun am 18. Juni um 23.30 Uhr auch im ZDF ausgestrahlt wird, beeindruckend unter Beweis gestellt, dass man mit solchen Themen auch 100 Minuten füllen kann, ohne auch nur einen Moment zu langweilen (vgl. MK-Kritik). Doch auch wenn es nur eine halbe Stunde war – die dem Format der Reihe „37°“ geschuldet ist –, kann Annette Heinrich für ihren Film (1,81 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,1 Prozent) das Fazit verbuchen: Er war kurz, aber sehenswert.

18.06.2021 – Reinhard Lüke/MK

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