Annette Baumeister/Wilfried Huismann: Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte. 4‑teilige Dokumentation (Arte)

Herausragendes Dokumentarfernsehen

24.03.2020 •

Eine wichtige Information zum in dieser Dokumentation verarbeiteten Originalmaterial vorab: „Der chilenische Regisseur Cristián Leighton kam 2016 zu Looksfilm und berichtete von seinen Erlebnissen in der Colonia Dignidad: Mehrere Jahre hatte er dort die Siedler gefilmt und dabei auch den Leiter des Filmdepartments der Kolonie, Wolfgang Müller, kennengelernt. Unerwartet stand dieser eines Tages mit einem Mini-Van voller Filmrollen und Tapes vor Cristián Leightons Tür und meinte: ‘Die Geschichte der Colonia Dignidad muss aufgearbeitet werden. Hier ist das Material.’ Wir beschlossen, dieses deutsch-chilenische Drama gemeinsam in einer Serie zu erzählen.“ Das schreibt Gunnar Dedio, Gründer und Geschäftsführer der Produktionsfirma Looksfilm, in der Pressemappe zu dieser in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerten Produktion.

Dedio führt weiter aus: „Der Materialberg war über Jahre unterirdisch versteckt worden und daher in einem erbärmlichen Zustand, feucht, verschimmelt, kaputt. 400 Stunden Film, 100 zusätzliche Stunden Ton und 9000 Fotos aus über vier Jahrzehnten mussten entgiftet, repariert, digitalisiert, restauriert, transkribiert und verschlagwortet werden – um daraus eine Geschichte zu erzählen, die so unglaublich wie vielschichtig ist, so grausam wie geheim.“

In der bei Arte in vier Teilen ausgestrahlten Dokumentation „Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte“ werden die Zuschauer auf eine Zeitreise mitgenommen, die zunehmend fassungslos macht, obwohl die Geschichte der Kolonie in Chile während der letzten Jahrzehnte in allen deutschen und internationalen Medien mehrfach und ausführlich erzählt wurde. Doch nie gab es so umfangreiches neues Material, das die Zeugenaussagen aus der Vergangenheit belegte. Die Autoren Wilfried Huesmann und Annette Baumeister waren auf eine Art Schatzkiste gestoßen (worden), die sie verantwortungsvoll ausgewertet haben.

Da sind einerseits die Filmaufnahmen aus der Kolonie, unscharf zuweilen, auch mal verschwommen, mit Streifen und nicht immer farbecht, aber großenteils gut restauriert. Die Aufnahmen im Super-8-Stil können als authentisch gelten und sie halten die Umstände fest, die unter der rigorosen Diktatur von Paul Schäfer, dem selbsternannten Prediger und Gründer der Colonia Dignidad, geherrscht haben.

Dazu im Kontrast die verstörend schönen aktuellen Kameraaufnahmen für die Dokumentation, die Trostlosigkeit ohne Worte zeigen und dadurch umso eindrucksvoller wirken. Und die Zeugenaussagen der Menschen, die sich nach Jahrzehnten der Unterdrückung in der Colonia Dignidad nun erstmals frei äußern konnten, ohne Repressalien von Schäfer (er starb 2010) oder seinen Handlangern befürchten zu müssen. Heute noch ist ihnen anzumerken, wie sie einerseits ohne jeden Zweifel an die Verheißungen ihres Sektenführers glaubten, andererseits aber spürten, dass vieles von dem, was sie aus der Entfernung mitbekamen, mit dessen angeblich christlichen Ansprüchen nicht zusammenpasste. Dieses Dilemma erschüttert ihr Leben bis heute.

Paul Schäfer, ein Mann durchaus mit Charisma, hatte im Rheinland bei Siegburg ein Jugendheim gegründet. Ihm folgten Menschen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer orientierungslosen Zeit auf der Suche nach Frieden, Hoffnung und Wohltätigkeit waren. Ihm wurden in erster Linie Jungen anvertraut, aber auch Erwachsene kamen zu ihm. Als erste Vorwürfe wegen „Unzucht mit Abhängigen“ aufkamen, flüchtete er 1961 mit Gefolgsleuten nach Chile, wo er es geschafft hatte, dass ihm von den Behörden 30 Quadratkilometer Land in einer abgelegenen Region zur Verfügung gestellt wurden.

Auf dem Gelände entstand ein deutsches Musterdorf mit Werkstätten, Landwirtschaft, Viehzucht und einem Krankenhaus für die notleidende chilenische Bevölkerung, vor allem zur Behandlung von kleinen Kindern. Auf den ersten Blick ein Vorbild an Solidarität und Aufrichtigkeit. Dort wuchs im Lauf der Jahre die Colonia Dignidad, für die meisten aus Schäfers „Gemeinde“ erschien sie wie das „Paradies auf Erden“. Seiner Anhänger folgten ihm bedingungslos. Er aber zerstörte Familien und ließ die „Kolonisten“ von morgens in der Frühe bis tief in die Nacht arbeiten und beten. Jeder Widerstand wurde im Keim erstickt. Und für die Nächte ließ er sich Jungen zuführen.

Die Colonia Dignidad in Chile war eine Farm in der Einsamkeit und hatte mit Würde (spanisch: dignidad) in Wirklichkeit nichts zu tun. Folter mit Elektroschocks war gegenüber den Mitgliedern der Sekte Alltag. Paul Schäfer war für sie eine gottähnliche Figur, der sie umfassend manipulierte und ein System allgegenwärtiger Kontrolle entwickelte, der sich die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen widerspruchslos fügten. Er ließ sich mit dem Papstnamen „Pius“ anreden. Tanzen war in der Kolonie verboten, christliche Festtage wie Weihnachten oder Ostern waren im Kalender gestrichen, Jungen und Mädchen waren streng voneinander getrennt, selbst Ehepaare durften nicht zusammenleben.

Die Colonia Dignidad war aber auch Dreh- und Angelpunkt für verbrecherischen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch den Prediger selbst und später von kriminellen Aktivitäten im Auftrag der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Politische Gegner, die von Pinochets Geheimdienst verhaftet worden waren, wurden auf dem Gelände der Sekte gefoltert und getötet.

Wirtschaftlich wurden Alt und Jung ausgebeutet, denn für die Arbeit auf den Feldern oder im Steinbruch gab es keinen Lohn. „Arbeit ist Gottesdienst“, predigte Schäfer. Alle wurden psychologisch unter Druck gesetzt durch angeblich göttliche Einflüsterungen, die der Sektenführer erhalten zu haben vorgab, sowie durch die lückenlose Kontrolle, für die seine Helfer sorgen. Ihre politische Dimension bekam die Colonia Dignidad, als Augusto Pinochet im September 1973 den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende wegputschte. Die Angst vor dem Kommunismus und die Sorge um die mögliche Enteignung des Landbesitzes einte die Kolonisten zusätzlich. Paul Schäfer pflegte geradezu freundschaftliche Beziehungen zu „August“, wie er Pinochet nannte, und belieferte ihn mit Waffen, die in der Colonia Dignidad bis hin zu biologischem Kampfstoff hergestellt bzw. durch Beziehungen zu einem deutschen Waffenhändler besorgt wurden (so unglaublich auch das wieder klingt).

Zwar wurden immer wieder Vorwürfe gegen Paul Schäfer und sein Gebaren laut, aber die Angst vor dem Kommunismus machte zeitweise sogar die diese Furcht teilende bayerische CSU zu einer Verbündeten der Sekte. Signierte Fotos des langjährigen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß schmückten einzelne Räume. Auf der anderen Seite konnte der chilenische Geheimdienst Regime-Gegner während der Militärdiktatur in Räumen der Colonia festsetzen, foltern und töten. Kaum ein Kolonist will davon unmittelbar etwas mitbekommen haben, zu sehr waren sie mit dem eigenen, rundum kontrollierten Leben beschäftigt.

Vorwürfe in Deutschland gegen Schäfer und seine Kolonie konterte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bei einem Staatsbesuch in Chile mit dem Hinweis, das sei ein chilenisches, kein deutsches Problem. Allerdings waren die Kolonisten deutsche Staatsbürger. Doch auch die Deutsche Botschaft in der Hauptstadt Santiago de Chile ignorierte alle Hinweise auf die Zustände in der Colonia Dignidad. Dafür ließ sich die Botschaft gerne mit Brot, Wurst und Käse versorgen, hergestellt von Sektenmitgliedern. Erst im Jahr 2016 sollte der damalige Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) Fehler seines Amtes und der Botschaft in Santiago einräumen. Das sei kein Ruhmesblatt gewesen, die Orientierung sei in dem Fall verlorengegangen.

Amnesty International und den Vereinten Nationen gelang es zu nachzuweisen, dass in Schäfers Kolonie Chilenen gefoltert worden waren. In Deutschland setzte ein Unterausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amtes das Thema Colonia Dignidad auf die Tagesordnung, Gegner und Unterstützer der Kolonie wurden angehört. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) verschaffte durch eine öffentlichkeitswirksame Äußerung dem Treiben Paul Schäfers neuen Gegenwind.

Nachdem in Chile Pinochet 1990 abgewählt worden war, untersuchten Staatsanwälte der neuen Regierung auch die Colonia Dignidad; sie konnten Paul Schäfer aber nicht fassen. Ihm gelang zunächst 1997 die Flucht nach Argentinien, ehe er dort im Jahr 2005 aufgespürt und nach Chile ausgeliefert wurde. Er starb in der Haft, zu der er 2006 von einem chilenischen Gericht wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen verurteilt wurde. Er war zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren und zu Zahlungen von umgerechnet über einer Million Euro an elf Jugendliche verurteilt worden. Auch einige seiner Helfer wurden verurteilt. Aus Deutschland erhielten die Opfer nur eine geringe finanzielle Entschädigung für das erlittene Unheil.

Die Filmemacher haben über 40 Menschen interviewt, die in der Colonia Dignidad gelebt haben oder eng mit ihr verbunden waren. Sie haben mit Siedlern, Geheimdienst- und Justizmitarbeitern, mit Gefolterten, Geflohenen und Angehörigen der in der Kolonie Verschwundenen gesprochen, teilweise gingen die Interviews über mehrere Tage. All diese Zeugnisse erzählen aus den unterschiedlichsten Perspektiven über rund 40 Jahre die Schicksale der Menschen in diesem abgeschotteten Bereich. Sie verleihen den filmischen Zeugnissen ihres Lebens, die jahrelang in einem Archiv der Colonia Dignidad verschwunden waren, ihre Stimme und sie erzählen auch von den Seiten ihres Lebens, zu denen niemand etwas gefilmt hat. Ein Vorzug dieser Dokumentation ist, dass sich die beiden Autoren jeglichen eigenen Kommentars enthalten. Sie lassen die Bilder und Töne für sich sprechen. Der Zuschauer kann sich angesichts der bewegenden Zeugenaussagen ein eigenes Bild machen. Und es ist immer wieder kaum zu glauben, was man darüber erfährt, was Menschen in Schäfers diktatorischem Reich angetan wurde.

Als die Colonia Dignidad geschlossen wurde, lebten dort 300 Menschen in Zwangsarbeit, 100 von ihnen wurden gefoltert, etwa 200 Jungen sexuell missbraucht. Heute leben noch etwa 80 Bewohner auf dem Gebiet, in der sogenannten „Villa Baviera“ (dem „Dorf Bayern“) – die einstige Colonia Dignidad ist sogar ein Anziehungspunkt für Touristen geworden, die Vergangenheit scheint ausgeblendet.

Es gibt zu diesem hervorragenden Filmprojekt noch eines anzumerken: Wir haben es hier einmal mehr mit einem Vorgang zu tun, bei dem ein und derselbe Doku-Mehrteiler auf unterschiedliche Weise in zwei Programmen ausgestrahlt wurde. Bei Arte lief er zunächst in vier Folgen, kurz darauf im Ersten Programm der ARD als Zweiteiler. Dabei zeigte Arte alle vier Folgen an einem Tag (10. März) ab 20.15 Uhr, mit einer Gesamtlänge von 208 Minuten. Die zwei Teile bei der ARD (16. und 23. März, jeweils 22.50 Uhr) kommen auf zusammen 180 Minuten. Bei der ARD-Version fehlen mithin rund 30 Minuten.

Das erklärt die Arte-Pressestelle so: „Die Zeitdifferenz ist den Sendeplätzen der beiden Sender geschuldet – deshalb gibt es regelmäßig unterschiedliche Fassungen derselben Produktion. In diesem Fall wurde eine Fassung von viermal 52 Minuten (= 208) für Arte und eine (mathematisch um etwa zehn Prozent kürzere) zweimal 90 Minuten (= 180) Version für die ARD produziert. Technisch fallen bei der ARD gegenüber Arte zwei Vorspänne und zwei Abspänne weg. Darüber hinaus sind mehrere Erzählbögen in sich gekürzt, denn bei 90 Minuten benötigt der Film eine höhere dramaturgische Dichte, um den Zuschauer ohne Pause bis zum Ende zu fesseln. Es fehlen dabei aber keine Figuren oder ganze Erzählstränge.“

Bei der ARD liefen die zwei Folgen ebenfalls unter dem Haupttitel „Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte“. Die Untertitel lauteten dabei für Teil 1 „Aus dem Paradies in die Hölle“ und für Teil 2 „Aus der Finsternis ans Licht“. Die zweiteilige Version bei der ARD wurde auf dem Montagssendeplatz „Die Story im Ersten“ ausgestrahlt, was eigentlich nicht passte, da hier normalerweise 45-minütige Reportagen bzw. Dokumentationen zu sehen sind; bei Arte liefen die an einem Abend gesendeten vier Teile unter dem Rubrum „Thema“. Das ist alles ziemlich willkürlich, mal so, mal so, und man fragt sich, wer das noch verstehen soll.

Es mag ja sein, dass Zuschauer in einem solchen Fall in der Regel nicht beide Versionen schauen. Aber man fragt sich dennoch, warum die ARD (die bekanntlich kein Privatsender ist) sich nicht einfach traut, ebenfalls die komplette vierteilige Version dieser herausragenden Dokumentation auszustrahlen. Hat man Angst, dass man spät abends von zehn vor elf bis kurz nach Mitternacht 350 Zuschauer weniger hat, wenn man die längere Fassung zeigt?

24.03.2020 – Martin Thull/MK

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Die Angaben zur Ausstrahlung der Dokumentation

Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte

Arte  Di 10.3.20  20.15 bis 23.50 Uhr (alle 4 Folgen hintereinander)

Folge 1: „Im Paradies“, Beginn: 20.15 Uhr, Folge 2: „Lange Schatten“, Beginn: 21.05 Uhr, Folge 3: „Blick in den Abgrund“, Beginn: 22.00 Uhr, Folge 4: „Ans Licht“, Beginn: 22.55 Uhr

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Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte: Aus dem Paradies in die Hölle. Teil 1

Das Erste (ARD/WDR/SWR)  Mo 16.3.20  22.50 bis 0.20 Uhr

Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte: Aus der Finsternis ans Licht. Teil 2

Das Erste (ARD/WDR/SWR) • Mo 23.3.20 • 22.50 bis 0.20 Uhr

24.03.2020 – MK