Annebeth Jacobsen: Ein amerikanischer Held. Die Geschichte des Colin Kaepernick (Arte)

Auf die Knie

04.09.2019 •

Die Hammerwerferin Gwen Berry und der Florettfechter Race Imboden betreiben ihren Sport derzeit auf Bewährung. Bei den 18. Panamerikanischen Spielen, die vom 26. Juli bis 11. August dieses Jahres in der peruanischen Hauptstadt Lima stattfanden, hatten die beiden US-amerikanischen Sportler die Siegerehrungen für politischen Protest genutzt. Berry hatte die Faust zum Black-Power-Gruß erhoben und Imboden sich auf dem Podest demonstrativ hingekniet, anstatt der Zeremonie stehend beizuwohnen. Das Olympische und das Paralympische Komitee der USA erteilten Berry und Imboden dafür jeweils eine Rüge. Sollten sie ihre Aktionen wiederholen, drohen ihnen Sanktionen.

Imbodens Geste geht zurück auf den American-Football-Spieler Colin Kaepernick, der 2016, in seiner Zeit als Quarterback der San Francisco 49ers, damit begonnen hatte, bei der Eröffnungszeremonie vor den Begegnungen der National Football League (NFL) beim Abspielen der Nationalhymne auf die Knie zu gehen – was ein großer Teil der US-Bürger als respektlosen Verstoß gegen die ungeschriebene Regel empfand, dass Menschen aufstehen sollen, wenn die Hymne ihres Landes zu hören ist. Kaepernick wollte durch das Niederknien seinen Protest gegen die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringen – und seine Wut über die Milde der Justiz gegenüber vielen Täter

Wie es dazu kam, rekapituliert nun die Regisseurin und Autorin Annebeth Jacobsen in der rund 55-minütigen Arte-Dokumentation „Ein amerikanischer Held. Die Geschichte des Colin Kaepernick“. Jacobsens Film (dramaturgische Beratung: Jobst Knigge; Produktion: Broadview TV) lief bei dem deutsch-französischen Sender am 25. August am Abschlusstag seines diesjährigen popkulturellem Schwerpunkts „Summer of Freedom“ (vgl. MK-Artikel).

„Ein amerikanischer Held“ weist die typischen Elemente einer sehr konventionellen Sportlerbiografie auf: Es fehlt nicht an Bildern, auf denen der junge Sportler Kaepernick zu sehen ist, und zu Wort kommt der erste Trainer, der sein Talent erkannte – Chris Ault, Kaepernicks Coach an der Universität Nevada. Ein anderer Strang des Films ist dagegen gar nicht typisch für eine Sportlerbiografie: Jacobsen erzählt die Geschichte von Kaepernicks Politisierung, indem sie eine schlaglichtartige Chronologie jener Fälle liefert, in denen in der jüngeren Vergangenheit Afroamerikaner in den USA durch Polizeigewalt zu Tode kamen – beginnend mit dem auch international diskutierten Fall des 17-jährigen Trayvon Martin, der im Februar 2012 in Florida von einem offenbar rassistisch motivierten Angehörigen einer Bürgerwehr erschossen worden war.

Neben amerikanischen Journalisten und Kaepernicks Jugendtrainer Chris Ault hat Annebeth Jacobsen auch mit zwei Experten gesprochen, die den Zuschauern von Arte in Deutschland und Frankreich eher bekannt sein dürften – mit Lilian Thuram, der mit der französischen Fußball-Nationalmannschaft 1998 Weltmeister wurde und heute mit einer Stiftung gegen Rassismus aktiv ist, und dem Hamburger Patrick Esume. Letzterer ist Kommentator der Football-Sendung „ran Football“ bei Pro Sieben und Pro Sieben Maxx, außerdem war er Coach in der NFL und trainierte zeitweilig auch die französische Football-Nationalmannschaft.

Während Esume und Thuram hier Kaepernicks Verhalten verteidigen, beschreiben die US-Journalisten, wie groß bei vielen im Land und im Football-Business der Zorn ist, den der heute 31-jährige Quarterback auf sich gezogen hat. Unter den Besitzern der NFL-Clubs war der Missmut sogar so heftig, dass sie sich 2017 darauf verständigten, Kaepernick keinen Vertrag mehr zu geben. Der kniende Rebell inspirierte zwar weitere Footballer – und Prominente außerhalb der Branche, etwa den Musiker Stevie Wonder – zu Protestgesten auf den Knien, aber seinen Sport kann er bis heute nicht mehr professionell betreiben.

Eine Schwäche des Films ist, dass Jacobsen das Verhältnis zwischen Sport und Politik eher oberflächlich abhandelt. Kaepernicks einstiger Trainer Chris Ault findet, es sei in Ordnung, gegen Rassismus zu protestieren, sein früherer Schützling habe aber den falschen Ort gewählt. Denn: „Die Leute gehen ins Stadion, um unterhalten zu werden.“ Und Kent Babb von der „Washington Post“ sagt, die NFL wolle, dass ein Spieler „neutral“ sei. Spitzensport an sich ist allerdings nie neutral, sondern seit jeher eine hochpolitische Angelegenheit.

Konkret fehlt in „Ein amerikanischer Held“ der Hinweis darauf, dass es wahrlich nicht Colin Kaepernick war, der die Politik in die NFL-Arenen gebracht hat. Im Jahr 2009 begann das Verteidigungsministerium, die NFL zu sponsern. Seitdem ist es üblich, dass Spieler vor der Eröffnungszeremonie eines Spiels aus den Kabinen kommen und geschlossen am Rand des Feldes stehen, wenn die Nationalhymne ertönt. 2015 ging aus einem Report des US-Senats hervor, dass zwischen 2011 and 2014 fast 5,4 Mio Dollar Steuergelder an 14 NFL-Teams geflossen waren – dafür, dass in den Stadien vor den Spielen Rekrutierungswerbung, Feiern für Kriegsveteranen und andere Formen des Militär-Marketings stattfinden konnten. Die „Tradition“, die Kaepernick nach Ansicht vieler Kritiker 2016 mit seiner Protestgeste verletzt hatte, war zu diesem Zeitpunkt also erst sieben Jahre alt.

Ein anderer nicht ganz überzeugender Punkt: In „Ein amerikanischer Held“ ist der bereits erwähnte Interviewpartner Lilian Thuram auch dabei zu sehen, wie er an einer Demonstration teilnimmt, die durch den „Fall Théo“ ausgelöst wurde. Dabei geht es um einen 22-Jährigen, der, wie in einem Video zu sehen ist, im Februar 2017 in Aulnay-sous-Bois im Großraum Paris bei einer Polizeikontrolle von einem Beamten mit einem Schlagstock vergewaltigt wurde. Nach dem Motto „Polizeigewalt gibt es auch in Frankreich“ en passant einen Schlenker in das Land zu machen, in dem Arte die meisten Zuschauer hat – das wirkt dann doch etwas krampfhaft.

04.09.2019 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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