Anna Winger/Alexa Karolinski/Maria Schrader: Unorthodox. 4‑teilige Miniserie (Netflix)

Blick in eine Parallelwelt

10.06.2020 •

Esther, genannt Esty, ist seit einem Jahr verheiratet und noch nicht schwanger. In der rigiden jüdischen Glaubensgemeinschaft, in der sie aufwachsen ist, steigt der Druck auf die 19-Jährige, die eine arrangierte Ehe eingehen musste. Mit Hilfe einer nichtjüdischen Klavierlehrerin, bei der sie Musikunterricht genommen hat – und zwar heimlich, weil Frauen in ihrer Community kein Instrument spielen dürfen –, flüchtet sie von New York aus nach Berlin. Von dem heilsamen Kulturschock, den sie dabei erlebt, erzählt die bemerkenswerte Netflix-Miniserie „Unorthodox“.

Der Vierteiler nach Motiven des gleichnamigen, 2012 erschienenen autobiografischen Debütromans von Deborah Feldman besticht durch seine klare Struktur (Drehbuch: Anna Winger und Alexa Karolinski). Während die junge Frau sich allmählich an die Freiheit eines selbstbestimmten Lebens herantastet, werden in der Rückblende sukzessiv die Gründe für ihre Flucht aufgerollt. Esty (Shira Haas), so wird allmählich klar, gehört zu den chassidischen Satmarern, einer jener strenggläubigen jüdischen Glaubensgemeinschaften, die vor allem in den USA leben. Sie betrachten den Holocaust als göttliche Strafe. Europäische Juden hätten nicht fromm genug gelebt und sich heimischen Gesellschaften zu sehr angepasst.

Die Satmarer lehnen den Zionismus und den Staat Israel ab. Ähnlich wie die Amish-People verzichten sie dabei auf viele technologische Annehmlichkeiten moderner Zivilisation und isolieren sich. Als Folge dieser Abschottung gerät die Reproduktion innerhalb des hermetischen Zirkels der Gemeinschaft – zu der im New Yorker Stadtteil Williamsburg eine überschaubare Anzahl von Menschen zählt – zum vorrangigen Lebensziel.

Präzise und mit beeindruckender Authentizität (die Protagonisten sprechen deutsch untertiteltes Jiddisch) taucht die von Maria Schrader inszenierte Serie ein in eine fremde und seltsame Welt, in der Sexualität einen funktionalen, lustfeindlichen Charakter hat. Intimität? Fehlanzeige. Was im Schlafzimmer passiert – in dem die junge Esty, was medizinische Gründe hat, den Sexualakt nur mit Schmerzen über sich ergehen lassen kann – bekommt praktisch die komplette Gemeinschaft mit. Schon bei der Hochzeitsfeier hatten sich düstere Vorzeichen gemehrt. Und wenn der Rabbi während eines rituellen Tanzes betrunken zu Boden geht, dann deuten solche beiläufigen Beobachtungen das Problem des grassierenden Alkoholismus in dieser Sekte an, deren Mitglieder im eigenen Saft schmoren.

Eine der interessantesten Figuren in der Serie ist Moishe Lefkovich (Jeff Wilbusch). Als Abtrünniger, der in die Gemeinschaft wieder aufgenommen wurde, ist er der Einzige, der sich noch zurechtfindet in der modernen Welt außerhalb der Sekte, in der man Flugtickets bucht und mit Smartphones umgehen können muss. Ohne ihn wäre Estys Ehemann Yakov (Amit Rahav), der auf Geheiß der Sippe nach Berlin reist, um seine Frau zurückzuholen, hoffnungslos verloren. Einmal schlägt er Moishe vor, er solle doch einfach das Internat fragen, wo Esty sich versteckt halte. In solchen Momenten wird blitzartig deutlich, wie naiv und weltfremd diese ultraorthodoxen Gläubigen sind – obwohl sie in New York praktisch Tür an Tür mit kosmopolitischen Hipstern leben.

Gegenüber den beklemmend präzisen Bildern aus dem Innenleben der fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft sind die Episoden in der deutschen Hauptstadt weniger überzeugend. Als Gegenbild zur ultraorthodoxen jüdischen Community entwirft der Vierteiler hier das Szenario eines weltoffenen kulturellen Lebens, in dem Esty auf einen verständnisvollen arabischen Dirigenten und eine Gruppe von aus aller Herren Länder stammenden Musikstudenten trifft, die kulturelle und religiöse Gegensätze betont relaxt überbrücken. Diversity, allerdings etwas plakativ.

Trotz dieses streckenweise geschönten Berlin-Bildes, in dem etwa der muslimische Antisemitismus ausgeblendet wird, fällt die Serie nicht wirklich ab. Das liegt auch am zurückhaltenden und dennoch intensiven Spiel von Shira Haas. Mit ihren großen Augen, ihrem markant wirkenden Kopf, den schmalen Schultern und den dünn wie Streichhölzer erscheinenden Beinen verkörpert die in Israel bekannte Schauspielerin das Paradox einer zerbrechlich erscheinenden Figur, die zugleich eine große Kraft ausstrahlt – ein Besetzungscoup.

Neben der überwiegend positiven Kritik für die Serie gab es auch Einwände. Der Historiker Michael Wolffsohn monierte in einem Gastbeitrag in der „FAZ“, er zweifele zwar „keine Sekunde daran, dass Deborah Feldman all das wirklich erlebt hat und ähnliche Ungeheuerlichkeiten in anderen orthodoxen Gemeinschaften, jüdischen und nichtjüdischen, geschehen“, aber in dieser Serie, so sein Einwand, werde „die Perversion der Religion als vermeintlich allgemeine Normalität der [jüdischen] Religiosität dargeboten“.

Die Befürchtung, „Unorthodox“ würde die Sekte der chassidischen Satmarer zum Allgemeinbild jüdischen Glaubens verklären, ist jedoch nicht wirklich begründet. So widersteht die Serie (vier Folgen à 55 Minuten) der Versuchung, sich über teils groteske Verwerfungen zwischen Religion und persönlichem Schicksal lustig zu machen. Regie und Buch arbeiten beispielsweise heraus, dass Ehemann Yakov mit den Gepflogenheiten der Zwangsheirat ebenso überfordert ist wie seine junge Braut Esty. Die vorsichtige Annäherung zwischen beiden, die nicht wissen, wie sie sich zueinander verhalten sollen, zählt zu den berührenden Momenten der Geschichte.

Sehenswert ist die Miniserie „Unorthodox“ (Produktion: Studio Airlift mit Real Film Berlin), weil die Binnenkosmos der Satmarer nicht einfach nur als abschreckendes Szenario gezeichnet wird. Der Blick in die Parallelwelt dieser jüdischen Sekte ist zwar nicht so differenziert wie in der themenverwandten israelischen Netflix-Serie „Shtisel“ (2013), dennoch macht Maria Schraders Vierteiler spürbar, dass in dieser ultraorthodoxen Glaubens­gemeinschaft auch eine große spirituelle Kraft wurzelt.

10.06.2020 – Manfred Riepe/MK

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