Anja Greulich/Kai Jostmeier: Unsere Mütter, unsere Großmütter – Frauen im Krieg. Reihe „ZDF‑History“ (ZDF)

Frauen nicht nur Opfer

24.06.2021 •

Beim seit rund 20 Jahren wöchentlich am späten Sonntagabend ausgestrahlten Geschichtsmagazin „ZDF-History“ ist eine Geschichtsstunde immer so lang wie eine Schulstunde. Der Titel der am 30. Mai ausgestrahlten Folge „Unsere Mütter, unsere Großmütter – Frauen im Krieg“ erinnert vordergründig an den erfolgreichen, aber auch umstrittenen ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ von 2013 (Regie: Philipp Kadelbach), der anhand fiktiver deutscher Schicksale vom Erleben des Zweiten Weltkriegs handelte (vgl. FK-Heft Nr. 12/13). Wie der abgewandelte Titel jedoch besagt, stehen hier nun die Frauen im Mittelpunkt. Die Dokumentation beschäftigt sich mit ihrem Alltagsleben während des Zweiten Weltkriegs.

Darüber wird anhand von fünf Lebensschicksalen berichtet, unter Zuhilfenahme von privaten Filmaufnahmen und Tagebuchnotizen, die durch Interviews und dokumentarisches Archivmaterial wie etwa Ausschnitte aus „Wochenschauen“, zudem durch Graphiken und Spielfilmausschnitte ergänzt werden. Es gibt überdies den Erzähler aus dem Off, der sehr bestimmt durch den Film führt. Die Lebensgeschichten der fünf Frauen decken sowohl die soziale als auch die politische Bandbreite ab: von arm bis reich, von der überzeugten Nationalsozialistin bis zur Widerstandskämpferin. Bei jedem Beispiel gibt es Zeitzeugen aus dem familiären Umfeld der Porträtierten. Als Expertinnen kommen zwei Historikerinnen zu Wort und eine sogenannte Familienchronistin.

Wichtig ist es dieser Dokumentation, die Frauen nicht allein als Opfer des Kriegs zu zeigen, sondern auch als aktiv Handelnde. Sie sind nicht nur für ihre Familien da, sondern arbeiten auch in der Rüstungsindustrie, sind im Luftschutz und bei der Feuerwehr im Einsatz und dienen als Wehrmachtshelferinnen an der Front. Sie befinden sich in Distanz, Zustimmung oder Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Gezeigt wird der Eingriff des Politischen, der Diktatur des Staates ins individuelle Leben.

Im ersten Fall kehrt der Mann nicht mehr aus dem Krieg zurück und die Frau muss Familie und den kleinen Familienbetrieb allein fortführen. Im zweiten Fall geht es um eine Adelige aus Schlesien, die sich anfangs zum Nationalsozialismus bekennt. Sie trauert dann nicht nur um ihren an der Ostfront gefallenen Bruder, sondern verliert auch ihre Heimat, indem sie als Folge des Kriegs in den Westen flüchten muss. Der dritte Fall schildert das Leben einer Berliner Journalistin, die sich im Widerstand gegen die Nazis engagiert. Im vierten Fall, in dem es um eine Chefarzt-Familie aus Sachsen geht, begeht die Frau bei Kriegsende Selbstmord und bringt dabei auch ihre beiden Töchter um; drei Söhne und der Ehemann sind derweil im Kriegseinsatz. Und an fünfter Stelle widmet sich die Dokumentation den Wehrmachtshelferinnen, die aktiven Kriegsdienst leisten.

Die Fallbeispiele spiegeln Zeitgeschichte; sie werden zunächst hintereinander vorgestellt, dann im unregelmäßigen Wechsel wiederaufgegriffen, um ihre Geschichten zu Ende zu erzählen. Es sind individuelle Schicksale, aber der Grund, weshalb von ihnen erzählt wird, ist ihr beispielhafter Charakter. Sie stehen für eine ganze Zeitepoche. Nicht das Ungewöhnliche oder Außerordentliche ist es, sondern das Exemplarische: der Umstand, dass ihre Schicksale verallgemeinerungsfähig und in gewissem Maß repräsentativ für ihre Zeit sind. Das ist das didaktische Konzept dieser Geschichtslektion, die durchaus sehenswert ist, wobei sich aber die dem Format geschuldete Machart dieses Beitrags von Anja Greulich und Kai Jostmeier fundamental von der Vorgehensweise eines klassischen Dokumentarfilmers unterscheidet, der bei seinen Porträts gerade das Einmalige und Einzigartige in der Persönlichkeit seiner Porträtierten zu entdecken sucht.

Hinter dieser Neuproduktion verbirgt sich ein uraltes ZDF-Programmkonzept: ein streng formatiertes dokumentarisches Geschichtsformat. Das Magazin „ZDF-History“, das seit April 2017 – wie alle Wissenschaftssendungen von ZDF und 3sat – von der Hauptredaktion ‘Geschichte und Wissenschaft’ produziert wird, die innerhalb der ZDF-Programmdirektion angesiedelt ist, wurde einst von Guido Knopp (Gründer und von 1984 bis 2013 Leiter der ZDF-Redaktion „Zeitgeschichte“) in Kooperation mit dem amerikanischen History Channel initiiert. Doch die Art, wie hier streng formatiert Geschichte vermittelt und mit Zeitzeugen umgegangen wird, findet sich auch schon in älteren Sendereihen aus der ‘Knopp-Schule’, die zumeist für den ZDF-Sendeplatz am Dienstag um 20.15 Uhr produziert worden sind. Auch inhaltlich greift die Folge „Unsere Mütter, unsere Großmütter“ (1,10 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,8 Prozent) auf die zeitgeschichtliche Epoche zurück, die für dieses Format und seinen Erfinder die erfolgreichste gewesen ist: auf die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg.

Aber diese Folge zeigt auch, dass es zunehmend immer schwieriger wird: Nur eine einzige Person unter den Porträtierten kommt hier selbst zu Wort. Es ist Erika Ohr, die als Wehrmachtshelferin in einem Lazarett in der Ukraine ihren Dienst geleistet hat. Doch auch hier erscheint unter ihrem letzten Statement der Hinweis, dass sie bereits 2019 verstorben sei. Alle übrigen Zeitzeugen berichten aus der Perspektive des Kindes oder Enkelkindes über die Schicksale ihrer Mütter oder Großmütter während der Kriegszeit und unmittelbaren Nachkriegszeit. Bald wird es keine lebenden Zeitzeugen mehr geben. Dass jedoch dieses überaus erfolgreiche Geschichtsformat im ZDF überleben wird, zeigt sich an seiner Übertragbarkeit auf andere zeitgeschichtliche Epochen wie die Nachkriegsgeschichte beider Deutschlands und die Zeit der Wiedervereinigung, wofür es im Programmangebot des Zweiten auch bereits zahlreiche Beispiele gibt. Für Dokumentationen über die NS-Zeit bedarf es künftig jedoch eines anderen Konzepts.

24.06.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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