Andres Veiel/Jutta Doberstein: Ökozid (ARD/RBB/NDR/WDR)

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20.11.2020 •

Rund um Berlin stehen die Wälder in Flammen. Und in der holländischen Stadt Den Haag hat die dritte Sturmflut in Folge das Gebäude des Internationalen Gerichtshofs unbenutzbar gemacht. Es ist das Jahr 2034 und die Auswirkungen des Klimawandels sind nun auch mitten in Europa mit voller Wucht zu spüren. Die internationalen Justizvertreter müssen deshalb Den Haag verlassen und in einem Provisorium in Berlin tagen. Das passt insofern gut, als in dem Spielfilm des vor allem als Dokumentarfilmer bekannt gewordenen Regisseurs und Autors Andres Veiel die Bundesrepublik Deutschland selbst vor Gericht steht (die 2034 nach den derzeitigen Plänen übrigens noch immer vier Jahre vom endgültigen Kohleausstieg entfernt sein wird).

Die zentrale Frage des Prozesses und damit des Films lautet: Kann man Deutschland dafür verklagen, sich nicht ausreichend gegen den Klimawandel engagiert zu haben? 31 Staaten des globalen Südens finden: Ja. Sie haben vor dem Internationalen Gerichtshof gegen die Bundesrepublik Klage eingereicht, da sie ihrer klimapolitischen Verantwortung nicht gerecht geworden und damit mitverantwortlich sei für die mittlerweile noch katastrophaleren Zustände in Ländern wie Bangladesch.

Im Fokus des Gerichtsverfahrens stehen dabei die Jahre 1998 bis 2020, die Phase der Kanzlerschaften Gerhard Schröders (SPD) und Angela Merkels (CDU). Das mit zahlreichen dokumentarischen Aufnahmen gespickte und auf realen Zahlen und Fakten basierende fiktionale Gerichtsdrama „Ökozid“ – das die ARD im Rahmen ihrer diesjährigen (bemüht modern betitelten) Themenwoche „#WieLeben“ ausstrahlte – erzählt also von den Versäumnissen unserer Tage. Wie groß diese Unterlassungen sind, das vermag einem, wenn man es in der Bündelung dieses Films erlebt, tatsächlich den Atem zu rauben.

Anhand der Kohle- und der Automobilindustrie wird dabei der skandalös große, äußerst klimaschädliche Einfluss der Wirtschaft auf die Politik aufgezeigt. Unfassbar, ja, geradezu grotesk muten so manche „Ausnahmen“ an, die die Unternehmen mit der jeweiligen Regierung aushandelten. So wurden etwa im EU-Emissionshandel, den die Bundesrepublik zugunsten der Wirtschaft massiv abzuschwächen wusste, deutschen Energieversorgern jahrelang kostenlose Emissionszertifikate zugeteilt. Für den Endverbraucher stieg der Strompreis gleichwohl – satte Gewinnmargen für die Unternehmen also, und das auch noch unter dem Deckmantel des Klimaschutzes.

Auch in Sachen Automobilindustrie zeigte sich die Bundesregierung sehr fürsorglich und setzte sich für ein EU-Gesetz ein, das ausgerechnet die schweren, spritfressenden SUVs von hohen Steuern ausnahm. Die Aufweichung der Grenzwerte in diesem Sektor führte, so der Film, zwischen 2010 und 2019 zu zusätzlichen Emissionen in einem Umfang von 542,78 Mio Tonnen CO2 – was deutlich mehr als der Hälfte des gesamten deutschen Jahresausstoßes entspricht.

Dass es hier bislang vor allem um Fakten und weniger um Figuren geht, ist kein Zufall. Denn die Daten (die, so Andres Veiel im Presseheft zum Film, von Fachberatern überprüft worden seien) spielen in „Ökozid“ ganz klar die Hauptrolle. Weshalb der Film, zu dem Veiel zusammen mit Jutta Doberstein das Drehbuch schrieb, auch etwas verkopft daherkommt. Die referierten Zusammenhänge sind durchaus packend – wenn man sich denn auf sie einlässt. Möglicherweise aber hat das etwas lehrbuchhafte Konzept des Films so manchen Zuschauer vorzeitig abschalten lassen. Was schade wäre, nicht nur wegen des mit Abstand wichtigsten Themas der heutigen Zeit. Sondern auch wegen der starken schauspielerischen Leistungen von Edgar Selge, der als Oberster Richter klug der Verhandlung vorsitzt, von Friederike Becht und Nina Kunzendorf, die als idealistische bzw. pragmatische Anwältinnen die „Koalition der 31“ vertreten, von Ulrich Tukur, der als eloquenter Anwalt die Bundesrepublik vertritt, und von Martina Eitner-Acheampong, die die schwierige Rolle der Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel durchaus überzeugend darstellt. Sie alle geben ihre Charaktere mit viel Verve, wobei sie im engen Rahmen des kammerspielartigen und sehr informationslastigen Films jedoch wenig Spielraum haben.

Und noch etwas fällt auf: Zwar sitzen im Rund des improvisierten Gerichtssaals für deutsche TV-Verhältnisse auffallend viele Menschen nicht deutschsprachiger Herkunft, schließlich tagt hier ja auch der Internationale Gerichtshof – doch sind diese Menschen zum Großteil zum Schweigen verurteilt. Die wesentlichen Spiel- und Sprechanteile bekommen ganz überwiegend die weißen Kollegen: Echte Diversität sieht anders aus. Was „Ökozid“ (Produktion: Zero One Film) hingegen gut gelingt, ist die in Kostüm und Ausstattung lediglich sanfte Anpassung an eine Zukunftswelt. Das Jahr 2034 macht sich äußerlich in einem nur dezent futurisierten Szenenbild bemerkbar, dazu in einer Mode, die ähnlich wie heute auch mit Zitaten spielt, und außerdem vor allem in Form von runden, wie Broschen anmutenden Halsmikrofonen.

Eigentlich hätte dieser Film deutlich mehr (Sende-)Zeit gebraucht. Vor allem gegen Ende des Neunzigminüters (3,05 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,6 Prozent) ist das zu spüren, aber auch beim einigermaßen stiefmütterlich behandelten Nebenstrang um einen Hacker, der die öffentliche Meinung zu beeinflussen versucht. Diese Figur ist offensichtlich angelehnt an Dominic Cummings, den Kopf hinter der Brexit-Kampagne, und den damit verknüpften Cambridge-Analytica-Fall. Mit mehr Luft und Raum für Atmosphäre und Figurenzeichnung, vielleicht gar im Umfang einer Miniserie, hätte aus „Ökozid“ ein richtig starkes Stück Fernsehen werden können. Nichtsdestotrotz ist der auf dem ARD-Sendeplatz „Film-Mittwoch im Ersten“ um 20.15 Uhr ausgestrahlte Film ein wichtiger Beitrag, der direkt im Anschluss durch eine Diskussion in der Talksendung „Maischberger. Das Thema“ (21.45 bis 22.45 Uhr) ergänzt wurde.

20.11.2020 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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