Andreas Prochaska/Tony Saint/Johannes W. Betz/Simon Allen/Laura Grace/Benedikt Röskau: Das Boot. 8‑teilige Serie (Sky)

Die Serienkonventionalität überlagert vieles

14.12.2018 •

14.12.2018 • Auf den ersten Blick ein gewagtes Unterfangen! Da setzt der Pay-TV-Sender Sky mit seiner Fernsehserie „Das Boot“ einen Kinofilm (1981) und eine fünfteilige Fernsehserie (1985) von Wolfgang Petersen fort, die zu den wichtigsten Produktionen jener Jahre gehörten, und finanziert diese neue achtteilige Serie allein, also anders als bei „Babylon Berlin“, bei der die ARD beteiligt war (vgl. MK-Artikel). Allerdings wurde die neue Serie wie die alte und der Kinofilm von der Bavaria produziert, einem Unternehmen, an dem mit WDR, SWR, MDR und BR vier ARD-Sender als Gesellschafter beteiligt sind. Für die Produktionsfirma wird sich der Auftrag gerechnet haben, verwandte sie doch für die neue Serie eine Menge dessen, was die alte Serie und den Kinofilm auszeichnete – etwa die Modelle, die in unterschiedlichen Größen das titelgebende Unterwasserboot darstellen, die Kameraästhetik der Szenen im getauchten Boot und gelegentlich auch die alte, von Klaus Doldinger komponierte Titelmelodie mit dem legendären Piepsen des Sonargeräusches.

Anderes ist allerdings vollkommen neu. Die Sky-Serie ist, was den historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs angeht, ein Jahr später als ihre Vorgängerproduktionen angesiedelt, also im Spätherbst 1942 statt im Jahr 1941. Und sie verfügt über einen starken Handlungsstrang, der an Land spielt und vom Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Besatzung handelt. (Der Ausgangshafen der U-Boot-Fahrten ist weiterhin La Rochelle an der von Nazi-Deutschland okkupierten französischen Atlantikküste.) Die Verlagerungen bzw. Erweiterungen haben auf den ersten Blick den Vorteil von einer größeren historischen Vielschichtigkeit. Denn das Problem des alten Films und der alten Serie von Petersen bestand ja darin, dass sie das U-Boot als einen Raum jenseits der Gewaltverhältnisse des Nationalsozialismus schilderten: Der einzige NS-Mann an Bord wird von der Mannschaft schikaniert, die mit ihrem Kapitän einem eher angelsächsischen Elitekult huldigt, als dass sie etwas mit den Nazis oder mit der die Welt erobernden Wehrmacht verband. Hier folgte Petersen der autobiografischen Romanvorlage von Lothar-Günther Buchheim, der sich mit dem idealisierenden Bild der U-Boot-Mannschaft gleichsam selbst in Distanz zu den Nazi-Verbrechen setzte. Daran ändert auch nichts, dass Buchheims Roman und seine Verfilmung keinen Hehl aus der mörderischen Gewalt des Seekriegs machten, dass beide die Spitze der Marine unter Admiral Dönitz als willfährige Nazi-Leute schilderten, was diese zweifelsohne auch waren.

In der neuen Serie gibt es ungleich mehr Nazis – an Bord wie an Land. Unter ihnen ist beispielsweise der Gestapo-Chef von La Rochelle, den Tom Wlaschiha mit einer unterkühlten Gewalt ausstattet, die noch die Folter eines Gefangenen wie einen Verwaltungsakt aussehen lässt. Oder der Kommandant des U-Boot-Geschwaders, den Rainer Bock als einen Militär darstellt, dem der Krieg oder Kriegszweck egal ist, wenn es ihm nur die Chance für Heldengeschichten lässt. Deutlich wird nebenbei auch, wie es sich die Deutschen im besetzten Frankreich gutgehen lassen, während die Franzosen darben.

Auch im U-Boot, das am Ende der ersten Folge ausläuft, sind die politischen und sozialen Haltungen deutlich ausdifferenzierter als noch bei Petersen. Da gibt es den Funker (Leonard Scheicher), der mit einer Französin liiert ist, die ein Kind von ihm erwartet. Da gibt es den Kriminellen (Pit Bukowski), der seine Stellung in der Crew mit allen Mitteln behauptet. Und da gibt es den Karrieristen (August Wittgenstein), der es nicht verwinden kann, dass ihm ein Jüngerer (Rick Okon) als Kapitän vor die Nase gesetzt wird, der wiederum in der sechsten Folge von Bord verschwindet, um in der achten aus dem Nichts wieder aufzutauchen, um die Spannung für eine zweite Staffel von „Das Boot“ anzuheizen, die prompt noch während der Ausstrahlung der ersten Staffel von Sky angekündigt wurde.

Doch bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass diese Ausdifferenzierung der Charaktere die Geschichte nicht bereicherte. Stattdessen diente sie allein dazu, noch mehr Konflikte in der kurzen Erzählzeit unterzubringen, so dass es besonders im U-Boot zu immer neuen Kämpfen und Auseinandersetzungen kommt. Das Drehbuch wurde von einem Fünfer-Team geschrieben, dem Tony Saint, Johannes W. Betz, Simon Allen, Laura Grace und Benedikt Röskau angehörten.

Wie absurd die Konstruktionen für Action und Abwechslung im Boot sind, kann man an der Geschichte des Kapitäns eines ersten U-Boots ablesen, das im Prolog der ersten Folge beschossen wird und danach untergeht. Dieser Kapitän (Stefan Konarske) wurde von den Amerikanern gefangen genommen und dann gegen einen US-Staatsbürger ausgetauscht, um an Bord des zweiten U-Boots, in dem die titelgebende Hauptgeschichte der Serie spielt, überzuwechseln. Hier dreht er durch, entmachtet den amtierenden Kapitän, setzt diesen auf hoher See aus, um dann das U-Boot in einer Kamikaze-Aktion gegen ein übermächtiges Geschwader der USA anstürmen zu lassen.

Doch damit an dramatischer Wendung nicht genug: Am Ende ist dieser sich gerade noch auf einem Selbstmordtrip befindliche Mann derjenige, der Boot und Mannschaft nicht nur sicher an Land bringt, sondern auch eine Lüge ausheckt, welche die internen Auseinandersetzungen, die es an Bord gab, vertuscht und an die sich alle Überlebenden halten müssen, wollen sie nicht vor dem Kriegsgericht landen. Dass diese Lüge dann auch von den Vorgesetzten akzeptiert wird, ist eine Folge ihres Wunsches nach Helden, die man den Deutschen im dritten Jahr des Krieges verkaufen will. Dass am Ende auch der Funker, der aus seinem Hass auf die Nazis und die Besatzungsarmee, der er angehört, keinen Hehl macht, von Admiral Dönitz ausgezeichnet wird, ist eine der bitteren Schlusspointen der Serie.

An Land ist die Lage nicht einfacher. Hier wendet sich beim Kampf der deutschen Besatzer nebst ihren Kollaborateuren in der französischen Polizei gegen die französische Résistance und bei der eher erschöpften Zivilbevölkerung auch pünktlich alle 15 Minuten die Lage, so dass sich nächtliche Aktionen, Attentate, Razzien und Folter dramatisch abwechseln können. Jedem dieser drei Lager ist eine schöne Frau zugeordnet. Und damit die Geschichte an Bord des U-Boots mit dem Geschehen an Land verbunden werden kann, ist die junge Frau auf Seiten der Gestapo (Vicky Krieps) die Schwester des Funkers. Sie wird sich in die Anführerin der Résistance (Lizzy Caplan) verlieben, die als Schönheit den Widerstand verkörpert. Als attraktiver Bestandteil der Zivilbevölkerung dient eine Krankenschwester, die nebenbei ein Zimmer an die junge Gestapo-Mitarbeiterin vermietet. Spätestens in diesem Reigen junger Frauen, in dem sich Liebe und Hass, Vertrauen und Verrat, Standhalten und Flucht abwechseln wie die dramatischen Ereignisse an Bord des U-Boots wird das Konventionelle dieser Serienerzählung überdeutlich.

Dazu passen viele Dialogszenen, in denen Sinnsprüche aufgesagt oder Erklärungen zur Handlung oder zu den Charakteren so abgelassen werden, wie im U-Boot zum Auftauchen Luft angeblasen wird. Regisseur Andreas Prochaska ist denn auch eher ein Fachmann für grün-düstere Bilder, ob an Bord, in der nebligen Küstenlandschaft oder in den verdunkelten Gebäuden an Land, und für eine actionreiche Handlung als für eine differenzierte Schauspielführung. Dazu mag zum Teil beigetragen haben, dass einige amerikanische Schauspieler mitwirken, die wohl mit Blick auf den US-Markt für „Das Boot“ gecastet worden sind. Das geht ja noch an, wenn Vincent Kartheiser einen jungen Amerikaner spielt, der mit den Nazis Geschäfte macht, wird aber absurd, wenn die Anführerin der Résistance von einer Amerikanerin wie Lizzy Caplan gespielt wird. Selbstverständlich sprechen in der deutschen Fassung alle Deutsch, nur im Verhör dürfen die verhörten Franzosen auf Französisch antworten.

Der Spannung, die in den einzelnen Folgen entfacht wird, kann man sich freilich nicht entziehen. Doch die erzählerischen und dramaturgischen Tricks, mit denen diese Spannung erzeugt wird, begreift man schnell, so dass man das Ende beispielsweise nach der sechsten Folge mehr als absehen kann. Die Serienkonventionalität überlagert so vieles, etwa auch eine relativ sichere Tricktechnik, eine gute Ausstattung und eine oft perfekte Maske. Und so bleibt am Ende neben einer gewissen Grunderschöpfung die Frage zurück, ob es die Fortsetzung von „Das Boot“ wirklich braucht? (Die erste Staffel der Serie ist seit dem 23. November bei Sky für Abonnenten online komplett abrufbar.)

14.12.2018 – Dietrich Leder/MK