Andreas Morell/Magdalena Zieba-Schwind: Leidenschaft und Pflicht und Liebe – Die drei Leben der Clara Schumann (Arte)

Zwischen allen Stühlen

05.10.2019 •

Was für eine Frau, was für ein Leben! Clara Schumann wird den meisten Menschen hierzulande eher vom früheren 100-Mark-Schein bekannt sein, den ihr Konterfei schmückte, weniger von ihren Kompositionen. Sie steht für ein Frauenleben, so prall, dass es für mehrere hätte reichen können: hochbegabt als Pianistin, Mutter von acht Kindern, unterdrückt und gefördert von einem strengen Vater, verheiratet mit einem psychisch kranken Mann. Die vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) für das Arte-Programm zugelieferte Dokumentation „Leidenschaft und Pflicht und Liebe – Die drei Leben der Clara Schumann“ von Andreas Morell und Magdalena Zieba-Schwind zeigt in rund 60 Minuten die Vielschichtigkeit dieser Persönlichkeit auf, sich orientierend an den drei im Filmtitel genannten Schwerpunkten.

Clara Josephine Schumann wurde vor 200 Jahren am 13. September 1819 unter dem Hausnamen Wieck geboren. Sie wurde von ihrem unerbittlichen Vater gefördert, aber auch von äußeren Einflüssen abgeschottet. Friedrich Wieck wollte seine Tochter als Wunderkind am Klavier präsentieren – was ihm mit der Achtjährigen auch gelang. Früh schon lernte sie des Vaters Schüler Robert Schumann kennen. Sie verliebte sich in ihn, der Vater agierte dagegen. Doch das Paar setzte sich durch, nicht zuletzt auch deshalb, weil es vor Gericht zog, 1840 wurde geheiratet. Es sollte in der Folgezeit das Künstlerpaar der Romantik werden – zwei Musiker, die sich auf Augenhöhe begegneten, die jeweiligen Stärken des anderen unterstützten. So jedenfalls der äußere Anschein.

Tatsächlich verfiel Robert trotz anderer Bekundungen in die damals üblichen Rollenmuster: Er als der Komponist produzierte, sie als die Pianistin reproduzierte lediglich. Fleiß, Sparsamkeit und Treue wurden pflichtgemäß von der Ehefrau verlangt, die nur mühsam ihre Talente – auch zum Komponieren – unterdrücken konnte und sich zunächst ganz in den Dienst ihres Mannes stellte. Robert will, dass sie sich um sein Wohlergehen kümmert, die Partnerschaft auf gleicher Höhe bleibt für sie Illusion. Clara habe folgsam zu sein, „da der Mann über der Frau steht“. Faszinierend bleibt dennoch, wie sehr sich Clara immer wieder durchsetzen kann. Dabei mag ihr zugutegekommen sein, dass sie mit ihrem ererbten Vermögen und ihren Konzerten entscheidend zum Familieneinkommen beitragen konnte.

Als Robert nach über zwei Jahren Aufenthalt in der Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich stirbt, ist Clara 36 Jahre alt. Die älteste Tochter kümmert sich verstärkt um die jüngeren Geschwister, einige kommen in Internate und Clara unternimmt ausgedehnte Konzertreisen, auch nach Übersee. Sie wird Unternehmerin durch die Werkausgaben ihres Mannes und mehrt das Vermögen, so dass sie bei ihrem Tod 76-jährig nach heutigen Maßstäben als Millionärin gelten kann. Dennoch geraten sie und ihr Œuvre, das allein 23 als „Opus“ gezählte Werke umfasst, in Vergessenheit. Die vielen Verästelungen im Leben der Clara Schumann, die in Spielfilmen und Romanen Widerhall fanden, konnte die um die Mitternachtszeit ausgestrahlte Dokumentation (Produktion: Accentus Music) nicht nacharbeiten. Sie beschränkte sich auf einige wenige Linien.

Dabei werden die beiden Autoren unterstützt von Fachleuten wie den Musikerinnen Ragna Schirmer und Isata Kanneh-Mason, der Musikwissenschaftlerin und Clara-Schumann-Biografin Beatrix Borchard, dem Leiter des Schumann-Hauses in Zwickau, Thomas Synofzik, oder der Leiterin des Schumann-Netzwerks, Ingrid Bodsch. In die Rollen von Clara Schumann, Robert Schumann und des Brautvaters Friedrich Wieck schlüpfen in dem Film die Akteure Jana Klinge, Viktor Tremmel und Michael Jeske. Sie aber bleiben nicht stumm wie in den üblichen Reenactments historischer Dokumentationen, sondern sprechen originale Zitate aus Briefen und Tagebüchern. Unterbrochen werden die nachgespielten Filmaufnahmen gelegentlich durch animierte Holzschnitte, die vor allem die vielen Reisen der Clara Schumann illustrieren.

Zudem werden immer wieder alte Fotos oder Faksimiles von Kompositionen in Fenster oder Hausfassaden eingeblendet; das erzeugt verblüffende Effekte, die den Zuschauer immer neu überraschen. Reizvoll sind nicht zuletzt die Inszenierungen der Schauspielpassagen in einer Menge von unterschiedlichen Stühlen. So, als wollten die Autoren die Situation Claras mit der Redeweise „zwischen allen Stühlen“ illustrieren. Ohne festen Platz im Leben, immer auf der Suche – bis in die letzte Passage, als sie nach zwei Schlaganfällen in Frankfurt am Main stirbt und sich leichter Schneefall auf die Szene legt. Das ist dann hart an der Grenze zum Kitsch.

Die Autoren schlagen immer auch den Bogen in die Neuzeit, um das Bild von Clara Schumanns Persönlichkeit als Mutter und Ehefrau, als Pianistin, Komponistin und Konzertmanagerin, also als eine herausragende Frau des 19. Jahrhunderts zu schärfen.

05.10.2019 – Martin Thull/MK