Andreas Kramer: 100 Jahre „Kicker“ – Ein Sportmagazin schreibt Geschichte (ARD/WDR)

Das Potenzial des Fußballs

16.04.2020 •

„Frauen sind wie Kinder. […] Lassen wir den Frauen den Fußball! Sie werden ihr Spielzeug ohnehin bald ruinieren.“ So schrieb im April 1970 Martin Maier, ein langjähriger Mitarbeiter des Fußballmagazins „Kicker“, in seiner regelmäßigen Kolumne „Ja und Nein“, als er sich dort mit Frauenfußball beschäftigte, was er in den folgenden Jahren immer mal wieder tat. Andreas Kramer, Autor der Dokumentation „100 Jahre ‘Kicker’ – Ein Sportmagazin schreibt Geschichte“, hat Maiers Texte ausgegraben und sagt dazu spöttisch: „Von 1970 bis 1986 schießt Edelfeder Maier 16 Jahre aus allen Lagen – gegen die Damen.“

Nein, ein Flaggschiff der Modernität war das in Nürnberg erscheinende Fußball-Fachblatt nie – das illustriert Martin Maiers Wirken recht gut. Als Maiers Kolumne endete, stellte der „Kicker“ übrigens seine erste Redakteurin an: Sabine Vögele. Sie ist bis heute dabei.

Das gilt, auf unterschiedliche Weise, auch für weitere Personen, die im Beitrag „100 Jahre ‘Kicker’“ zu Wort kommen. Der Leser Erhard Herich etwa ist dem immer montags und donnerstags erscheinenden Blatt seit fast 60 Jahren treu. Weil er aber mittlerweile infolge einer Immunkrankheit erblindet ist, nutzt er für die Lektüre seit längerem ein Vorlesegerät. Seit 40 Jahren Redakteur beim „Kicker“ ist Frank Lußem, der sich im Film zu einem Thema äußert, das die Grundsatzdiskussionen im Sportjournalismus in der jüngeren Vergangenheit geprägt hat: der digitale Strukturwandel, der es den Vereinen ermöglicht, mit eigenen Videokanälen als Akteur der Berichterstattung in Erscheinung zu treten.

Lußem sagt, es sei früher gang und gäbe gewesen sei, dass er mit Spielern essen, ins Kino oder in die Disco gegangen sei. Heute sähen die Klubs so etwas nicht mehr gern. Die Vereine seien „größer werdende Medienunternehmen“, die die „Deutungshoheit“ erlangen wollten. Lußems Schlussfolgerung: „Wir müssen sehen, dass wir unseren Lesern etwas anderes Interessantes bieten.“

Das Jahr, in dem der vorher als Gründer verschiedener süddeutscher Fußballvereine bekannt gewordene Walther Bensemann den „Kicker“ ins Leben rief, war „das Jahr, das den Fußball veränderte“ – und die 1920er Jahre insgesamt waren „die Zeit, in der der Fußball wurde, was er heute ist“. Das schreibt „Zeitspiel“, das „Magazin für Fußball-Zeitgeschichte“ in seiner aktuellen Ausgabe. Auf diese Entwicklung bezieht sich Bernd Beyer, Autor eines biografischen Romans über das Leben des „Kicker“-Gründers („Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte“), als er gegenüber Filmautor Kramer sagt, Bensemann habe das „gesellschaftliche Potenzial“ des Fußballs hierzulande „am deutlichsten erkannt“.

Die thematischen Schwerpunkte in der Dokumentation sind somit sehr gut gewählt. Gewiss, manche Themen kommen zu kurz (Welche Rolle spielte der „Kicker“ in der DDR?) oder bleiben gänzlich außen vor (Inwiefern war im „Kicker“ der Nachkriegszeit die Vergangenheit der Autoren im NS-Journalismus spürbar?). Aber das liegt bei knapp 42 Minuten Sendezeit in der Natur der Sache.

Hervorzuheben ist auch der kluge Einsatz von Archivmaterial. Wenn Prominente aus dem Fußballmilieu zu Wort kommen (wie die früheren Bundestrainer Rudi Völler und Berti Vogts), dienen als Setting jeweils ausstellungsähnlich gehängte „Kicker“-Ausgaben, bei denen diese Personen auf dem Titelbild zu sehen waren. Ebenfalls eine gute Idee: als Unterbrecher immer wieder aus der Zeit gefallene Werbespots der Zeitschrift zu nutzen. Andreas Kramer lässt sein Material sprechen, andere Autoren hätten ihre Fundstücke womöglich zu Tode kommentiert.

Darüber hinaus zeigt „100 Jahre Kicker“ – und das ist angesichts so vieler kritik- und belangloser Dokumentationen zu anderen Jubiläen durchaus bemerkenswert –, dass eine liebevolle Würdigung auch einige kleine Sticheleien vertragen kann. Ein weiteres Beispiel, neben der Passage über die lange regressive Haltung des „Kicker“ zum Frauenfußball: Kramer widmet sich den Phrasen und Kalauern – „Dolli, basta!“ lautete einst eine Headline zum Scheitern des Trainers Thomas Doll bei Borussia Dortmund –, die mit der Zeitschrift untrennbar verbunden sind. Zur Sprache des Magazins äußert sich unter anderem der Dresdner Linguistik-Professor Simon Meier-Vieracker, der einen Algorithmus namens „Phrasendetektor“ entwickelt hat, um auswerten zu können, wie oft im Live-Ticker bei kicker.de und in Spielberichten der gedruckten Ausgabe Redewendungen wie „mit angezogener Handbremse“ verwendet werden.

Als musikalisches Motiv haben die Macher von „100 Jahre ‘Kicker’“ (Redaktion/WDR: Johannes Krause, Produktion: Beckground TV) Teile des New-Wave-Disco-Stücks „Wordy Rappinghood“ ausgewählt, das 1981 ein Top-Ten-Hit unter anderem in Großbritannien war. Es stammt von der Gruppe Tom Tom Club, einem Nebenprojekt von Mitgliedern der Band Talking Heads. Zu Beginn des Songs kommen Geräusche einer Schreibmaschine zum Einsatz und das passt natürlich gut in einen Film über Journalismus. Wenn man sich den im Film nicht zu hörenden Text des Songs – eine spielerische Reflexion über die Bedeutung von Wörtern – hinzudenkt, ergibt er in einer Dokumentation über eine Zeitschrift umso mehr Sinn. Man kann das lobend erwähnen, weil andere Filmemacher wahrscheinlich einen unoriginellen Song mit Fußballbezug ausgewählt hätten.

In der Endphase der Produktion musste Kramer seinen Film noch kurzfristig aktualisieren. So greift er in den letzten rund zwei Minuten das Thema Corona auf. Frank Lußem merkt an, dass der „Kicker“ „ausgerechnet zum 100‑jährigen Jubiläum“ in die „größte Krise“ gerate, die er, Lußem, in seiner 40-jährigen Tätigkeit bei der Zeitschrift erlebt habe. „Je länger diese Krise dauert, desto existenzgefährdender“ werde sie „für den reinen Sportbetrieb“, sagt „Kicker“-Chefredakteur Jörg Jakob. „Notfalls“ werde man „erst 2021 wieder angreifen können“ – wobei sich die Formulierung „man“ sowohl auf den Sport als auch den „Kicker“ zu beziehen scheint.

In diesen Wochen muss sich die Redaktion darauf einstellen, dass Profifußballspiele bis zum Ende dieses Jahres allenfalls ohne Publikum stattfinden werden. Wie geht man konzeptionell mit so einer nicht planbaren Ausnahmesituation um? Im Sommer wird es vielleicht Gelegenheit geben, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Das exakte Geburtstagsdatum des „Kicker“ könnte doch dann noch einmal der Anlass für solche Berichte sein. Die erste Ausgabe des Blattes erschien am 14. Juli 1920. (Die Dokumentation hatte 1,24 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 4,8 Prozent.)

16.04.2020 – René Martens/MK