Andreas Herzog/Robert Hummel: Gegen die Angst. Spielfilm (ZDF) / Anja Kindler/Thomas Heise/Claas Meyer-Heuer: Die Macht der Clans. Die Dokumentation zum Spielfilm „Gegen die Angst“ (ZDF)

Den Schwerpunkt nicht im Blick

15.04.2019 •

Im November 2017 erschütterte ein Skandal die Berliner Polizei. Arabische Clans, so wurde gemeldet, würden Dienststellen unterwandern. Eine Polizeipraktikantin habe sogar Informationen über bevorstehende Razzien per WhatsApp weitergeleitet. Danach wurde es ruhiger um diesen Fall, der nun als interessantes Plotmotiv in einem ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ wieder auftaucht.

In „Gegen die Angst“ (Produktion: Real Film) wird das Dilemma der Berliner Polizeianwärterin Leyla Sharif (Sabrina Amali) geschildert. Über Funk werden sie und zwei Streifenbeamte von Kollegen zu Hilfe gerufen, worauf die junge Frau in eine prekäre Situation gerät: Als einzige wird sie Zeugin, wie ein bewaffneter arabischer Drogendealer flüchtet, der zuvor einen Kommissar niedergeschossen hat. Das Problem: Der Täter Hisham Al-Fadi (Burak Yiğit) ist ein Cousin zweiten Grades von Leyla, weshalb die angehende Beamtin in die Bredouille gerät. Sagt sie als Zeugin gegen ihn aus, wird die Familie, die in Berlin das organisierte Verbrechen kontrolliert, kurzen Prozess mit ihr machen. Behält sie ihr Wissen für sich, ist ihre Polizeikarriere gefährdet. Was tun?

Das gesellschaftlich relevante Thema wird in dem Film leider nur unbefriedigend umgesetzt. Drehbuchautor Robert Hummel rückt das Motiv in den Hintergrund. Im Fokus steht Nadja Uhl als Staatsanwältin Judith Schrader. Die attraktive Anklägerin, die von ihrer schicken Penthouse-Wohnung über die Berliner Skyline blickt, hat eine heimliche Affäre mit dem von Hisham Al-Fadi niedergeschossenen Kommissar Jan Wiegand (Andreas Pietschmann). Der Polizist, so stellt sich heraus, ist verheiratet und hat Kinder. Auf der Intensivstation kommt es für Judith Schrader zur Konfrontation mit der betrogenen Ehefrau.

Diese melodramatisch überzogene Geschichte, eigentlich nur Beiwerk, ist symptomatisch für die gesamte Produktion, die keinen Zugriff auf das Thema bekommt. Um arabische Clans geht es nur am Rande. Stattdessen denkt der Film sich in die Gefühlslage einer Staatsanwältin hinein, die sich schuldig wähnt, weil ihr heimlicher Geliebter im Dienst niedergeschossen wurde. Sie überschreitet ihre Kompetenzen und reißt den Fall an sich, obwohl sie persönlich involviert ist.

Als eine jener „starken Frauenfiguren“, von denen in der deutschen TV-Krimilandschaft inflationär erzählt wird, begibt Judith Schrader sich in die Höhle des Löwen. Sie sucht die Konfrontation mit dem arabischen Clan-Führer Machmoud Al-Fad (Atheer Adel), denn der hat inzwischen die Kronzeugin Leyla entführen lassen, um deren Aussage zu verhindern. Über die schwierige Situation dieser jungen Polizistin erfährt der Zuschauer allerdings kaum etwas Konkreteres. Sie bleibt eine schattenhafte Randfigur, ihre innere Zerrissenheit ist nur zu erahnen.

Auch die Konfrontation der Staatsanwältin mit dem arabischen Clan-Führer Machmoud fühlt sich nicht wirklich bedrohlich an. Das liegt unter anderem daran, dass zum Beispiel nicht gezeigt wird, wie dieser Machmoud die eigene Cousine Leyla ermorden lässt. Indem der Film solche unschönen Details bewusst ausblendet, lässt er den von Atheer Adel gespielten arabischen Paten als elegant auftretenden, beinahe sympathischen Antihelden erscheinen.

Wie sehr der Spielfilm (6,11 Mio Zuschauer, Marktanteil: 19,0 Prozent) das Thema verwässert, verdeutlicht eine Szene der direkt im Anschluss ausgestrahlten Sendung „Die Macht der Clans. Die Dokumentation zum Spielfilm ‘Gegen die Angst’“ (5,37 Mio Zuschauer, Marktanteil: 19,0 Prozent). Hier ist ein Überwachungsvideo zu sehen, das fünf Maskierte bei einem Blitzüberfall auf das Berliner Kaufhaus KaDeWe zeigt, geschehen am hellichten Tag während der Öffnungszeit. Während einer von ihnen (wie sich schnell herausstellte, waren es Mitglieder eines arabischen Clans) das Wachpersonal und vorbeilaufende Kunden mit einer Machete in Schach hält, brechen die anderen mit großer Gewalt Panzerglasvitrinen auf und flüchten nach nur gut einer Minute mit Luxusuhren im Wert von über 600.000 Euro. Zu Wort kommende Polizisten und Staatsanwälte zeichnen nach, auf welchen Wegen die zunächst außer Landes gebrachte Beute – von der noch heute jede Spur fehlt – später in Form von finanziellen Mitteln reimportiert und dann von arabischen Clans in Immobilien angelegt wird.

Die streckenweise informative Dokumentation hat jedoch auch deutliche Schwächen. Wenn der Kameramann einem flüchtenden arabischen Clanmitglied hinterherruft: „Haben Sie die Goldmünze geklaut?“, dann ist das RTL-2-Stil. Immerhin wird in diesem halbstündigen Film erahnbar, mit welch brutaler Skrupellosigkeit besagte Clans vorgehen. Sie verhöhnen den Staat, um die Schwächen seines Rechtssystems gezielt auszunutzen. Nun wird an dieser Stelle die Dokumentation dazu benutzt, den vorherigen ZDF-Fernsehfilm zu loben, der werde, so die Behauptung, dieser Thematik mit den Mitteln der Fiktion gerecht. Bei der Dokumentation handelt es sich um eine Produktion von „Spiegel TV“. Die Namen der Autoren werden am Anfang nicht eingeblendet; erst im schnell heruntergespulten Abspann erfährt man, dass der Film von Anja Kindler, Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer gemacht wurde.

Dass ein solcher Beitrag schon im Titel als „Die Dokumentation zum Spielfilm ‘Gegen die Angst’“ bezeichnet wird, zeigt seine untergeordnete Funktion. Kein Wunder, dass es hier dann immer wieder eine Parallelisierung zwischen Doku und Fiktion gibt. Das jedoch wirkt sehr verkrampft und hat zur Folge, dass die Dokumentation letztlich kein überzeugender Beitrag ist.

Im Spielfilm „Gegen die Angst“ wird die Problematik der arabischen Parallelgesellschaften, wie schon angedeutet, nur auf eine weichgespülte Art bebildert. Der eigentliche thematische Schwerpunkt der arabischen Clans wird nicht als solcher behandelt. Stattdessen verlagert der Krimi den Fokus auf die taffe Staatsanwältin. Vor Gericht werden die arabischen Mafiosi dann virtuos verteidigt, von einem wahrhaften weiblichen Advocatus Diaboli: Judith Engel verkörpert als Andrea Marquart eine gewiefte Rechtsverdreherin, die die dünne Beweislage der Staatsanwältin Schrader gegen den arabischen Clan genüsslich in der Luft zerreißt.

Die Konzentration auf ein Gerichtsdrama ist dabei im Grunde ein kluger Schachzug. Dadurch wird im Spielfilm zu zeigen versucht, dass der Rechtsstaat keinen wirklichen Zugriff auf die kriminellen Umtriebe dieser Clans hat – ein Punkt, den auch die Dokumentation herausgestellt hat. Schurkisches Verhalten wie Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Raubüberfälle werden im Spielfilm aber nur auf ein verbales Hintergrundrauschen reduziert. Regisseur Andreas Herzog, bekannt unter anderem durch die liebenswürdig schrägen „Metzger“-Krimis (ARD/ORF), inszenierte hier einen mäßig spannenden ZDF-Fernsehfilm ohne Biss.

15.04.2019 – Manfred Riepe/MK

Die Polizei im Kampf gegen Clans: Das gesellschaftlich relevante Thema wird in dem Spielfilm leider nur unbefriedigend umgesetzt

Dass solch eine Produktion schon im Titel als „Die Dokumentation zum Spielfilm ‘Gegen die Angst’“ bezeichnet wird...

... zeigt ihre untergeordnete Funktion: Kein Wunder, dass es hier immer wieder eine Parallelisierung zwischen Doku und Fiktion gibt

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