Andreas Heckmann/Arne Nolting/Jan Martin Scharf/Steve Saint Leger/Barbara Eder: Barbaren. 6‑teilige Serie (Netflix)

„Alles gut“ bei den Germanen

15.03.2021 •

Die Geschichte geht so: Im ersten Jahrzehnt vor Christus war das heutige Norddeutschland von teils bis aufs Blut verfeindeten Stämmen besiedelt, die von Auswärtigen mit dem Sammelbegriff Germanen belegt wurden. Die Römer herrschten südlich des Mains und westlich des Rheins, wurden gelegentlich von germanischen Raubzüglern belästigt und waren sowieso immer daran interessiert, ihren Machtbereich auszuweiten. Sie rückten vor und machten sich im heutigen Niedersachsen und Ostwestfalen breit. 7 nach Christus wurde Publius Quinctilius Varus vom römischer Kaiser Augustus als Statthalter in Germanien eingesetzt.

Varus kassierte Abgaben und fungierte als Gerichtsherr. Zu einigen Germanen hegte er ein freundschaftliches Verhältnis, im römischen Heer diente sogar ein germanischer Verband, der von dem in Rom ausgebildeten Cherusker Arminius angeführt wurde. 9 nach Christus stellten sich die germanischen Soldaten unerwartet gegen ihre Arbeitgeber. Ebenso überraschend hatten sich mehrere als verfeindet geltende Stämme zusammengetan. Es kam zur sogenannten Varus-Schlacht, in deren mehrtägigem Verlauf die Römer vernichtend geschlagen wurden.

Wo diese Schlacht stattfand, ist bis heute nicht verbindlich geklärt. Lange Zeit verortete man sie im Teutoburger Wald bei Detmold, wo heute das Hermannsdenkmal steht. Ein Gebiet nördlich von Osnabrück am Rande des Wiehengebirges wurde ebenfalls in Betracht gezogen. Die Annahme bestätigte sich, als in den 1980er Jahren dort römische Münzen und Truppengegenstände entdeckt wurden. Weitere Funde bestätigten die Hypothese, die Ausgrabungen laufen bis heute. Die Schlacht und insbesondere die Figur des Arminius, mutmaßlich zur Zeit der Reformation eingedeutscht zu Hermann, haben Dramatiker, Romanautoren, Bildkünstler inspiriert, wobei der Recke zur Kunstfigur und Projektionsfläche für die jeweiligen politischen Absichten wurde, zuletzt im Nationalsozialismus mit seinem verkitschten Germanenkult.

Zu den bisherigen Bearbeitungen gesellt sich nun eine Fernsehserie mit dem Titel „Barbaren“. Dass der amerikanische Streaming-Anbieter Netflix diesen Sechsteiler in Auftrag gegeben hat – produziert von der deutschen Gaumont GmbH, einer Tochterfirma des gleichnamigen französischen Filmstudios –, dürfte sich nicht zuletzt dem Erfolg der ausgemacht blutrünstigen Serie „Vikings“ (in Deutschland bei diversen Anbietern) verdanken. „Vikings“ wurde durch den kanadischen Sender History Television initiiert, bezeichnenderweise übernimmt nun Netflix eine Art Fortsetzung. Optische Übereinstimmungen zwischen „Vikings“ und „Barbaren“ sind unverkennbar, sehr gut festzumachen an Rollen, Typ und Erscheinungsbild der Schauspielerinnen Katheryn Winnick und Jeanne Goursaud. Steve Saint Leger, neben Barbara Eder Regisseur der „Barbaren“-Serie, gehörte zuvor als Regieassistent und Regisseur dem „Vikings“-Stab an. Das Serienkonzept und die Drehbücher zu „Barbaren“ stammen von Andreas Heckmann, Arne Nolting und Jan Martin Scharf.

Die Macher der Serie entschieden sich für den Teutoburger Wald als Schauplatz der Handlung. Thusnelda (Jeanne Goursaud) soll von ihrem Vater Segestes (Bernhard Schütz) aus politischen Gründen an einen anderen Stammesführer vergeben werden. Aber die junge Frau ist widerspenstig und im Geheimen mit Folkwin Wolfspeer (David Schütter) verbandelt. Gemeinsam mit Berulf (Ronald Zehrfeld) bilden sie eine Gruppe von Jugendfreunden, zu der ursprünglich auch Ari (Laurence Rupp) gehörte, der mit seinem jüngeren Bruder von den Römern geraubt und von Publius Quinctilius Varus (Gaetano Aronica) als Ziehsohn unter dem neuen Namen Arminius in Rom aufgezogen wurde. Varus ist mittlerweile Roms Statthalter in Germanien. Der erwachsene Arminius stößt zu ihm, hofft auf eine ersprießliche Zukunft in Rom, soll aber Präfekt, später der Anführer seines Heimatstammes werden. Die Römer plündern die Germanen rücksichtslos aus. Aufsässigkeit wird blutig geahndet, durch Auspeitschungen, Enthauptungen, Kreuzigungen.

Während Thusneldas Vater Segestes, ein windiger Opportunist, ein Bündnis mit den Römern anstrebt, nimmt der Stammesführer Segimer (Nicki von Tempelhoff) die Schikanen zähneknirschend hin, zum Unwillen von Thusnelda, Wolfspeer und Berulf, die am liebsten gegen die Besatzer zu Felde ziehen würden. Stattdessen schleichen sie sich mit einer List in deren Lager und stehlen den Legionsadler, für die Römer eine schwere Schmach, die wiederum blutig geahndet wird.

Arminius, enttäuscht, weil ihm die Karriere in Rom verwehrt bleibt, begegnet seinem leiblichen Vater und den früheren Freunden und ist bemüht, die Strafaktionen der Römer abzumildern. Er beginnt, die Gräueltaten und Demütigungen seitens der Römer mit den Augen der Opfer zu sehen. Als er zur Strafe für den Diebstahl des Legionsadlers Wolfspeer köpfen soll, tötet Arminius stattdessen seine römischen Begleiter. Damit ist sein Seitenwechsel beinahe unumgänglich. Arminius kann schließlich einige der germanischen Stämme für den Kampf gegen die Römer vereinen. Es gelingt ihnen, die gesamte römische Truppe in einen Hinterhalt zu lotsen und zu besiegen. In der Serie verdichtet zu einer einzigen Kampfhandlung. Tatsächlich dauerte die Schlacht mehrere Tage.

Das Wissen über die damaligen Ereignisse verdankt sich in erster Linie diversen Überlieferungen. Aber auch von den als wahrscheinlich geltenden Erkenntnissen weichen die Autoren der Serie erheblich ab. Ohne Not eigentlich, denn die bekannten Vorkommnisse sind fesselnd genug. Im Gros betrachtet bleibt bei „Barbaren“ die Nachahmung noch hinter dem auch nicht gerade subtilen Vorbild „Vikings“ zurück. Das komplexe Verhältnis zwischen Römern und Germanen hätte spannende Momente abgeben können, wird hier aber auf ein simples Gut-Böse-Schema reduziert. In einigen Szenen sind dabei die Mittel schon von ärgerlicher Schlichtheit. Die positiven Figuren haben alle gut gepflegte Zähne, einige ihrer Antagonisten dagegen schwarz gefärbte Gebisse.

Der Gesinnungswechsel von Arminius vollzieht sich weniger als schleichende Zerrüttung, sondern wird plakativ durch Einzelerfahrungen verdeutlicht. In puncto Glaubwürdigkeit gehen die Autoren eher salopp vor. Gesuchte Personen werden in den weiten Wäldern Germaniens auf Anhieb gefunden. Ausgerechnet der aufbrausende Folkwin kehrt freundlich lächelnd zu einem räuberischen Stamm zurück, der eben noch seine Freunde hinterhältig hingemeuchelt hat, darunter der Kindheitskumpel Berulf.

Der Gesamteindruck dieser Produktion wird von Oberflächenreizen bestimmt, insbesondere explizit gezeigten Brutalitäten – hier ein Gemetzel, dort ein herausgeschnittenes Herz, eine aufgeschlitzte Kehle, ein brennender Mensch. Zwischendurch eine Orgie. Das Ganze ist ein spekulatives Gebräu mit dem bewährten Eine-Frau-zwischen-zwei-Männern-Modell als melodramatischem Ingrediens. Weil die Germanen dem Titel gemäß als grobschlächtige, unkultivierte Urviecher in Erscheinung treten, spielen die Darsteller, vorneweg Ronald Zehrfeld, übertrieben körperlich und bedienen sich dabei, Jeanne Goursaud mal ausgenommen, eher robuster Mittel. Germanenalltag wie von der Freilichtbühne.

Erstaunlich sind bei einer derart aufwändigen Produktion die sprachlichen Anachronismen und Anschlussfehler. Den Helden unterlaufen moderne Sprüche wie „Alles gut“ oder „Wovon träumst du nachts?“, sogar der Anglizismus „Wir sind Familie“ ist zu hören. Die kämpferische Thusnelda trägt, aus offensichtlichen Gründen, beinahe durchgängig und trotz herbstlicher Temperaturen ein hauchdünnes Fähnchen ohne Unterkleid. Drohnenaufnahmen zeigen die dichte Waldlandschaft – gedreht wurde in Ungarn – in sommerlichem Grün, ansonsten sind die Bäume meistens spätherbstlich kahl. Da die Autoren auch als Showrunner fungierten, sind ihnen diese Mängel anzulasten.

Immer wieder stand einmal das sogenannte „Redakteursfernsehen“ in Frage. Bei dieser Produktion aber wäre eine kritisch begleitende Redaktion vielleicht von Vorteil gewesen. Nebenbei: „Barbaren“ ist nicht die einzige Netflix-Eigenproduktion mit erkennbaren handwerklichen Schwächen. Presseberichten zufolge gilt „Barbaren“ unter den Netflix-Eigenproduktionen als Erfolg, was seitens des Unternehmens aber nicht mit konkreten Abrufzahlen belegt wurde. Die Autoren haben die Fortsetzung am Schluss der sechsten Folge schon eingeleitet. Sie wird wohl nicht zu vermeiden sein.

15.03.2021 – Harald Keller/MK

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