Andreas Cüppers/Moritz Ebert: Viktoria. 5‑teilige Dokumentationsreihe

Soziotop 4. Liga

21.12.2019 •

Die Untertitel der einzelnen Folgen lauteten: „Zwischen Traum und Trauma“ (Folge 1), „Reifeprüfung“ (2)„Böse Geister“ (3), „Matchbälle“ (4), „Jetzt oder nie“ (5)

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Dokumentarische Produktionen über Fußballvereine, die für sich in Anspruch nehmen, nah dran zu sein am Geschehen in den Klubs, haben seit einiger Zeit Konjunktur. Zu der Entwicklung tragen vor allem Hochglanz-Produktionen der Streaming-Anbieter Netflix und Amazon Prime bei. Als Beispiel seien hier „Juventus Turin: Der Rekordmeister“ (Netflix 2018, zwei Staffeln) und die vierteilige Doku-Reihe „Inside Borussia Dortmund“ (Amazon Prime 2019) genannt. Im Free-TV-Bereich gab es die 15-teilige Reihe „Countdown für Europa – Eintracht Frankfurt“ (Nitro, 2018/19) zu sehen.

Einige Etagen tiefer angesiedelt ist die fünfteilige Dokumentation „Viktoria“. Sie erzählt, wie dem Fußball-Regionalligisten Viktoria Köln in der Saison 2018/19 nach einer zwischenzeitlichen Schwächeperiode noch der Aufstieg in die 3. Liga gelingt. „Viktoria“ lief im linearen TV-Programm bei Sport 1, also gewissermaßen beim Regionalliga-Sender des deutschen Fernsehens. Sport 1 zeigt seit 2017 an manchen Montagen Spiele aus den fünf Regionalligen live. Für die Ausstrahlung von „Viktoria“ wählte man daher bei vier der fünf Folgen ebenfalls den Montagabend; die dritte Folge gab es an einem Freitag. Folge 4 wurde im Übrigen am 25. November um 19.25 Uhr vor der Live-Übertragung des Regionalliga-Spiels SSV Ulm gegen Kickers Offenbach bei Sport 1 gezeigt.

Erstausgestrahlt wurde „Viktoria“ ab dem 18. Juli allerdings auf der Online-Plattform sporttotal.tv, die den Mehrteiler auch produziert hat. Der Anbieter mit Sitz in Köln ist als Streaming-Kanal bekannt; er überträgt jedes Wochenende mit Hilfe vollautomatischer Kameratechnik Dutzende Fußballspiele von der 4. Liga (Regionalliga) abwärts. Sporttotal.tv selbst teilte mit, die Doku-Reihe „Viktoria“ sei „in Kooperation mit Viktoria Köln“ entstanden. Von einer journalistisch unabhängigen Produktion kann hier also kaum die Rede sein – ebenso übrigens wie bei der ‘großen’ Fußball-Doku „Juventus Turin: Der Rekordmeister“, die von der unter anderem für Juventus tätigen International Management Group (IMG) produziert wurde.

Im tendenziell erratischen Abspann von „Viktoria“ ist konsequenterweise zunächst das Wappen von Viktoria Köln zu sehen, dann folgt „ein großes Dankeschön“ an einzelne Mitwirkende aus dem Verein. Bei sporttotal.tv werden ein Regisseur oder Autor im Abspann nicht ausgewiesen, dafür findet man hier das Logo des „Kölner Stadt-Anzeigers“ in überdimensionaler Größe – ohne dass klar wird, ob die Zeitung, deren Sportchef Christian Löer in der vierten Folge zur jüngeren Vergangenheit der Viktoria zu Wort kommt, an der inhaltlichen Gestaltung des Mehrteilers beteiligt war oder ihn auf andere Weise unterstützt hat. „Präsentiert“ werden die einzelne Folgen unter anderem von einem Autokonzern, zudem tauchen im Vorspann die Logos von weiteren sporttotal.tv-„Partnern“ auf. 

Bei sporttotal.tv werden am Ende des Abspanns unter der Überschrift „Redaktion“ Andreas
Cüppers und Moritz Ebert genannt. Bei der Ausstrahlung bei Sport 1 werden die beiden unter der Überschrift „Autoren“ aufgeführt. Cüppers und Ebert sind jeweils als Produzent und Gesellschafter für die Firma CUE Media aus Köln-Pulheim tätig, die die „Viktoria“-Reihe produziert hat. Bei sporttotal.tv. werden im Abspann im Übrigen zwei Kameraleute angegeben, bei der Sport-1-Ausstrahlung sind es drei. Das Logo des „Kölner Stadt-Anzeigers“ kommt bei Sport 1 wiederum nicht vor. Bei beiden Ausstrahlungen wird im Abspann Alexander Neyer, Head of Sports bei sporttotal.tv, unter der Überschrift „Verantwortlich“ aufgeführt.

Das inhaltliche Muster von „Viktoria“ ist dasselbe wie bei herkömmlichen Dokumentationen über Fußball: Zu sehen gibt es Ausschnitte aus den wichtigen Spielen der Endphase der vergangenen Saison, Impressionen von den Rängen und vom Spielfeldrand sowie Szenen aus der Kabine – inklusive einpeitschender Ansprachen, in diesem Fall von Viktoria-Kapitän Mike Wunderlich und dem damaligen Trainer Patrick Glöckner. Sämtliche elf Spieler müssten „die Fresse aufmachen“, fordert Wunderlich einmal, und Glöckner sagt vor einer Partie mit Blick auf die zu erwartende Spielweise des Gegners: „Da wird es krachen, Männer.“

Trainer und Spieler aus der 4. Liga artikulieren sich in ihrem Soziotop halt auch nicht anders als einst etwa Jürgen Klinsmann bei der heimischen Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Wie wir ja dank Sönke Wortmanns Dokumentarfilm „Deutschland – ein Sommermärchen“ wissen, schrie der damalige Trainer der deutschen Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Polen: „Wir knallen sie durch die Wand! Das lassen wir uns nicht nehmen, von niemandem – und schon gar nicht von den Polen!“ Bei Viktoria-Kapitän Wunderlich klingt es ähnlich: „Das lassen wir uns heute nicht mehr nehmen, von keiner Mannschaft dieser Welt.“

Von den Viktoria-Spielern steht der Kapitän in der Doku-Reihe im Mittelpunkt. Wunderlich redet auch, zumindest in Andeutungen, über eine psychische Erkrankung, unter der er eine Zeitlang litt. Von seinen Teamkameraden hat dagegen keiner etwas Substantielles zu sagen. „Die ganze Mannschaft versteht sich gut mit Niklas“, sagt ein Spieler zum Beispiel. Gemeint ist der Physiotherapeut der Mannschaft.

Die zentrale Figur in der jüngeren Geschichte Viktoria Kölns ist der Unternehmer Franz-Josef Wernze, der den Aufstieg finanziell möglich gemacht hat und auch noch bei anderen Vereinen als Geldgeber fungiert. Wernze taucht in „Viktoria“ manchmal im Bild auf, zu Wort kommt er allerdings nicht. Das wäre dann aber vielleicht auch zu viel des Guten, denn Wernze ist mit 5,12 Prozent Aktionär bei sporttotal.tv und sitzt dort laut „Welt am Sonntag“ auch im Wirtschaftsbeirat. Der Schriftzug seiner Firmengruppe ETL/felix1.de (Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung), die den Verein sponsert, ist indes stets optimal ins Bild gesetzt. Dieses Logo, naturgemäß präsent auf Trikots und Trainingsjacken, ist beinahe eine Art Hauptdarsteller von „Viktoria“.

Der Charakter der fünf „Viktoria“-Folgen, die netto jeweils rund 25 Minuten lang (die letzte nur 19) und bei Sport 1 jeweils durch einen Werbeblock etwas verlängert sind, wird ansonsten vor allem von der bisweilen bombastischen Musik geprägt. Offenbar waren die Macher der Ansicht, auf der Klaviatur der Dramatik besonders effektvoll spielen zu müssen, weil die Personen, deren Geschichte hier erzählt wird, nur einem kleinen Kreis von Zuschauern bekannt sind. Die Viktoria hatte in der vergangenen Saison in der 4. Liga durchschnittlich 1354 Zuschauer, in den ersten acht Heimspielen dieser Saison in der 3. Liga kamen im Schnitt etwas weniger als 2500 in das Kölner Höhenberg-Stadion. Es ist ja grundsätzlich ein Problem, dass Musik in dokumentarischen Formaten als plumper Gefühlsverstärker eingesetzt wird, aber hier nimmt das unfreiwillig parodistische Ausmaße an.

Seinen etwas irritierenden Reiz verdankt dieser Mehrteiler – dessen höchste Zuschauerzahl im Sport-1-Programm bei 69.000 Zusehern lag (Folge 1) – der Sprache seiner Protagonisten: Die Floskeln und Phrasen, die die Vertreter des großen Fußballs routiniert bis gelangweilt abspulen, werden hier mit einer gewissen Emphase vorgetragen. „Ich glaube, dass wir die Tür aufgemacht haben, aber jetzt müssen wir auch durch die Tür durch gehen“, schwadroniert Sportvorstand Franz Wunderlich, der Vater des Mannschaftskapitäns, einmal zur Lage im Aufstiegskampf. Und Trainer Glöckner sagt an einer Stelle: „Der Verein steht über allem.“

Manchmal verrutschen den Protagonisten ihre Formulierungen auch auf seltsame Weise. Franz Wunderlich bezeichnet sein Verhältnis zum Fußball zum Beispiel als „brutale Liebe“. Die aberwitzigste Formulierung in diesem Kontext stammt von Patrick Glöckner. „Der Verein hat sich entschieden, die letzte Patrone abzufeuern“, sagt er in der letzten Folge von „Viktoria“. Gewissermaßen das Opfer der abgefeuerten Patrone: Glöckner selbst. Weil der Aufstieg vor dem letzten Spieltag noch einmal in Gefahr gerät, muss er seinen Posten räumen. Der Sprung nach oben gelingt der Viktoria dann in dem entscheidenden letzten Saisonspiel mit einem berühmten Aushilfstrainer: Jürgen Kohler, Mitglied der deutschen Weltmeister-Elf von 1990.

21.12.2019 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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