Andreas Barreiss/Kai-Uwe Hasenheit/Nicolai Rohde: Mörderische Tage – Julia Durant ermittelt (Sat 1)

Spannung geht anders

24.11.2019 •

Sollte da etwa ernsthaft Spannung aufkommen? Wenn die Hauptprotagonistin einer Krimireihe, die im Titel auch noch deren Namen trägt, von einem Schurken gefangen genommen und mit dem Tod bedroht wird, darf man wohl erwarten, dass die Ärmste ihre Entführung und die Tortur, die sie dabei erleidet, schon überleben wird. Zumindest wenn man davon ausgehen kann, dass es sich nicht um die letzte Episode der Reihe handeln soll. Von daher litt das letzte Drittel dieses Krimis, in dem das Martyrium von Kommissarin Julia Durant in den Fängen eines Serienkillers das Geschehen bestimmte, unter der schlichten Vorhersehbarkeit des Happy-Ends.

Umso absurder nahm sich vor diesem Hintergrund der Aufwand aus, mit dem Drehbuch (Andreas Barreiss, Kai-Uwe Hasenheit) und Regie (Nicolai Rohde) in der Folge „Mörderische Tage“ die Gefangenschaft der Heldin in Szene setzten (Produktion: Gaumont GmbH). Doch der Reihe nach. An einer Mainbrücke in Frankfurt – damit begann der Film – hing die Leiche einer jungen Frau. Und es war kein Selbstmord. Da der Täter einen besonderen Seilknoten benutzt hatte und die tote Frau zudem stark nach Rosenöl roch, musste Ermittlerin Julia Durant (Sandra Borgmann) gleich an den Serienkiller Dietmar Gernot (Bernd Hölscher) denken, der seine Opfer nach demselben Muster getötet hatte. Doch der kam diesmal als Täter kaum in Frage, da er nach wie vor in Haft saß. Oder sollte er womöglich aus seiner Zelle heraus den Mord dirigiert haben? Oder war hier ein Trittbrettfahrer am Werk, der Gernots Methode kopierte?

Alsbald tauchte ein zweites Opfer mit denselben Merkmalen auf (spezieller Knoten, diesmal am Armband, und Rosenöl). Die Frau lebte zwar zunächst noch, verstarb aber just in dem Moment im Krankenhaus, als Julia Durant an ihr Bett trat. Todesursache unbekannt. Keine Spuren körperlicher Gewalteinwirkung oder einer Vergiftung. Irgendwer raunte dann etwas von „Weiße Folter“ und „Guantanamo“. Diese Art der Folter wird vornehmlich mit Psychoterror, Schlafentzug, extremen Licht- und Geräuschwechseln oder Waterboarding betrieben – Methoden, die keine nachweisbaren Spuren hinterlassen, aber dennoch zum Tod führen können. Der Folterkeller in Frankfurt bestand aus einem großen Raum von geringer Höhe mit nackten Betonwänden, dessen gesamte Decke mit quadratischen Lichtelementen durchsetzt war, die mal grell leuchteten, mal flackerten oder ganz erloschen. Bei seinem dritten Opfer, einer Verlagslektorin, hatte der Täter noch ein Notebook in dem Raum platziert, über das er Kontakt zu der Frau hielt.

Derweil tappten Julia Durant und ihre beiden Mitstreiter Markus Schulz (Guido Broscheit) und Felix Dombrowski (Eric Stehfest) lange im Dunklen, bis sie im Umfeld der Lektorin auf einen Verdächtigen stießen, der jedoch spurlos verschwunden war. Zudem sah man die leitende Kommissarin zwischendurch mehrfach in Sitzungen bei ihrer Therapeutin, da sie, wie in den vorangegangenen beiden Folgen bereits angedeutet, an einem schweren Kindheitstrauma leidet. Das dunkle Geheimnis ihrer Biografie lüftete gegen Ende des Films schließlich Julias Vater, ein katholischer Priester im Ruhestand. Doch zu dem Zeitpunkt befand sich Julia Durant selbst bereits im Folterraum ihres sadistischen Peinigers. Der entpuppte sich als der mit der Kommissarin befreundete Universitätsdozent Dr. Thomas Holzer (Sebastian Zimmler). Warum dessen Identität für die Zuschauer bereits frühzeitig enttarnt wurde, während Schulz und Broscheit noch ahnungslos ermittelten, bleibt das Geheimnis der Filmemacher.

Dass psychopathische Mörder gern in einen Intelligenz-Wettstreit mit ihren Verfolgern treten, ist ein klassisches Thriller-Motiv, das allerdings schon weit packender und plausibler inszeniert wurde als in diesem Sat-1-Film. So wirkte hier etwa der inhaftierte Serienmörder einmal mehr wie eine schlechte Kopie des diabolischen Hannibal Lecter aus dem US-Klassiker „Das Schweigen der Lämmer“ (1991). Und zwischendurch musste der Eingesperrte auch noch scheinbar tiefgründige Sätze äußern wie: „Aus einem kleinen Anfang entstehen manchmal große Dinge.“

Nun gut, man kann den Verantwortlichen dieses dritten „Julia-Durant“-Films attestieren, bei der Ausstattung und Inszenierung der Folterkammer einen gestalterischen Aufwand betrieben zu haben, wie er für deutsche Fernsehkrimis nicht eben an der Tagesordnung ist. Doch diese Effekte vermochten die Schwächen der Geschichte kaum zu kaschieren. Letztlich wirkte das Ganze wie eine opulente Vitrine für ein vergleichsweise unspektakuläres Exponat. So bleiben für die Figur der Julia Durant und ihre Darstellerin die einzigen Pluspunkte der Reihe: Wie Sandra Borgmann dieser Ermittlerin im dunklen Hosenanzug, stets zwischen Entschlossenheit und Zerbrechlichkeit schwankend, Leben einhaucht, ist durchaus bemerkenswert.

Aber ob dies reichen wird, um die „Julia-Durant“-Reihe, die auf den gleichnamigen Romanen von Andreas Franz basiert, dauerhaft im Sat-1-Programm zu etablieren, bleibt die Frage. Zumal die dritte Folge mit 5,3 Prozent Marktanteil in der für den Privatsender wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen auf den bisher schwächsten Wert der Reihe kam (der Marktanteil hier entsprach 490.000 Zuschauern). Beim Publikum ab 3 Jahren kam „Mörderische Tage“ auf 1,45 Mio Zuschauer und einen ebenfalls unterdurchschnittlichen Marktanteil von 4,8 Prozent. (Der Film wurde am 10. November zuerst beim Pay-TV-Sender Sat 1 Emotions ausgestrahlt und lief dann am Tag darauf im Free-TV bei Sat 1.)

24.11.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren