Andrea Schäfer: Das Deutschland-Duell – BRD gegen DDR (ZDFinfo)

Horse Race Reporting

15.07.2020 •

Der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, den es in diesem Jahr am 3. Oktober zu feiern gilt, wirft bereits seine Schatten voraus. So gab es beim Spartensender ZDFinfo am 25. Juni von 18.45 bis 0.55 Uhr einen Programmabend, der sich vermutlich mit Blick auf diesen Jahrestag – allerdings mehr als drei Monate vorher – in insgesamt acht Dokumentationen den beiden von 1949 bis 1989 existierenden deutschen Staaten widmete: der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, also, in den jeweiligen Abkürzungen, der BRD (ein Kürzel, das im Land selbst damals eher nicht verwendet wurde) und der DDR.

Eine der drei Neuproduktionen dieses Programmabends war die Dokumentation „Das Deutschland-Duell“ von Andrea Schäfer (Produktion: Eco Media), die die beiden deutschen Staaten miteinander vergleicht, indem sie statistische Fakten journalistisch aufbereitet. Aus dem Konflikt zwischen zwei politisch konträren Systemen einer in Ost und West geteilten Welt wird auf diese Weise ein Leistungswettbewerb in Sachen Lebensqualität. Dabei bestätigen die Zahlen, die die Filmemacherin vorlegt, oft Erwartungen, fördern aber immer wieder auch Überraschendes zutage. Zahlreiche Expertenstatements liefern dann ergänzend dazu Hintergrundinformationen und Erklärungen, eingerahmt von einem durchgehenden Off-Kommentar.

Gleich zu Anfang geht es bei den Zahlenvergleichen um das Freizeitverhalten der ehemaligen DDR-Bürger und derer aus der Bundesrepublik. Demnach sind beispielsweise die Bewohner beider Staaten seinerzeit sehr häufig verreist. Der Anteil derjenigen, die mindestens einmal im Jahr Urlaub machten, ist in der DDR mit 70 bis 80 Prozent sogar höher gewesen als im Vergleichszeitraum in der Bundesrepublik mit 60 bis 65 Prozent. Fragt man jedoch nach den damaligen Urlaubszielen in West und Ost, so verrät die Statistik, dass die West-Bürger einen weit höheren Anteil an Auslandsreisen vorzuweisen haben, die Ost-Bürger dagegen zu 80 bis 90 Prozent ihre Ferien im Inland verbrachten. Miteinander verglichen werden in dem Film außerdem beispielsweise der Besitz von Autos (Stand 1989: 54 Prozent DDR-Haushalte mit Wagen, 96 Prozent in der BRD), der Besitz von Motorrädern (hier gibt es 1989 in der DDR doppelt so viele Besitzer als im Westen) und der Stellenwert des Breiten- und Spitzensports (mehr Förderung von Spitzensport in der DDR, mehr Angebote für Breitensport in der BRD).

In einer zweiten Runde geht es dann um das Thema Familie, das von Kita-Plätzen über Scheidungsraten, die Berufstätigkeit von Frauen (im Jahr 1989 91 Prozent in der DDR, 50 Prozent in der BRD) oder die unterschiedlichen Bildungssysteme bis hin zur Ausstattung der Familienhaushalte mit modernen Haushaltsgeräten und Telefonanschlüssen reicht und auch der Post- und Paketverkehr zwischen Ost und West wird dann noch thematisiert. Ein dritter Abschnitt handelt von Zahlenvergleichen aus der Statistik in Bezug auf das Thema Arbeit, ein viertes Kapitel stellt das Thema Gesundheit in den Vordergrund. Hier erfährt man, dass der durchschnittliche jährliche Fleischverzehr im Jahr 1989 in der DDR 100 Kilogramm pro Kopf betrug, in der Bundesrepublik hingegen nur 90 Kilogramm pro Kopf. Im fünften und letzten Kapitel, in dem es dann noch um das Thema Umwelt geht, erfährt man, dass die DDR bereits seit 1971 ein Umweltministerium hatte, die BRD erst seit 1986, ansonsten aber die Ökobilanz der DDR insgesamt als „verheerend“ bezeichnet werden müsse.

Mit der Auswahl der Zahlenvergleiche gibt die Filmemacherin ihrer Dokumentation eine subjektive Ausrichtung. Aufmerksamkeit erregen dabei immer solche Zahlen, die man so nicht erwartet hat: sei es hinsichtlich des Ergebnisses, welcher der beiden deutschen Staaten dabei vorneliegt, oder etwa auch hinsichtlich der faktisch vorhandenen Differenz zwischen ihnen, wie es zum Beispiel der Unterschied bei den Telefonanschlüssen zeigt: Hier standen im Jahr 1989, also am Ende der deutschen Teilung, der Ausstattung von 97 Prozent der BRD-Haushalte mit Telefon nur sagenhaft klägliche 17 Prozent in der DDR gegenüber. Das war ein kaum aufholbarer Rückstand bei diesem ‘Klassiker’ unter den modernen Kommunikationsmitteln, der im Rückblick mehr überrascht als die allseits bekannte Tatsache, dass in der DDR zu jener Zeit natürlich gerade in Sachen moderner Computertechnologie ein großer Rückstand herrschte.

Insbesondere am Beispiel eher ungewöhnlicher Zahlenvergleiche geht es der Dokumentation (245.000 Zuschauer, Marktanteil: 1,1 Prozent) auch darum, Wissen über die damalige Zeit zu vermitteln und vor allem die Erinnerung an den deutschen Staat wachzuhalten, der durch die deutsche Wiedervereinigung zu existieren aufgehört hat. Das wird auch an der Auswahl der Experten und ihrer Statements deutlich. Trotz des Bemühens um eine gewisse ‘Ausgewogenheit’, indem nämlich immer wieder Zahlen vorgelegt werden, die beide Staaten wechselseitig als Sieger und Verlierer zeigen, bleibt jedoch ein solches ‘Horse Race Reporting’ in Sachen Zeitgeschichte mittels eines ständigen Leistungsvergleichs wie in der Sport­berichterstattung höchst bedenklich.

15.07.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren