Aljoscha Pause: Being Mario Götze – Eine deutsche Fußballgeschichte. 4‑teilige Doku‑Reihe (DAZN)

Dreieinhalb-Stunden-Porträt

20.08.2018 • Den ersten Werbespot, den das ZDF ausstrahlte, nachdem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am 27. Juni mit einer 0:2-Niederlage gegen Südkorea bei der Weltmeisterschaft in Russland ausgeschieden war, konnte man als indirekten Kommentar zur Leistung der Mannschaft verstehen. Das Kernthema des Spots, den ein Elektronikgeräte-Konzern hatte drehen lassen, war die Gefühlslage des Dortmunder Mittelfeldspieler Mario Götze, untermalt durch die Johnny-Cash-Version des Nine-Inch-Nails-Songs „Hurt“. Bei der WM 2014 in Brasilien hatte Götze, seinerzeit in Diensten des FC Bayern München stehend, das entscheidende Tor zum 1:0-Finalsieg gegen Argentinien erzielt und damit Deutschland zum Weltmeister geschossen; für die WM 2018 war er allerdings nicht von Bundestrainer Joachim Löw nominiert worden.

Unmittelbar nach dem blamablen Vorrunden-Aus des deutschen Teams in Russland dürften sich manche ZDF-Zuschauer nun die Frage gestellt haben: Wäre es mit Mario Götze bei der WM 2018 besser gelaufen? Diese Spekulationen könnten auch in der am letzten August-Wochenende beginnenden Bundesliga-Saison 2018/19 anklingen. Insofern ist die vom Streaming-Anbieter DAZN produzierte und dort seit Mitte Juni dauerhaft abrufbare Doku-Reihe „Being Mario Götze – Eine deutsche Fußballgeschichte“ weiterhin aktuell. DAZN, spezialisiert auf Live-Sportberichterstattung (in der Saison 2018/19 sind dort beispielsweise sämtliche Spiele der Fußball-Europa-League zu sehen), hatte bisher keine dokumentarischen Formate im Angebot.

Aljoscha Pause, im Jahr 2010 für seinen Dokumentationsdreiteiler „Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, konnte Götze acht Monate lang begleiten. Pause nutzt die Chance, dass er sich mit seinem Mehrteiler in kein Programmschema einfügen muss: Die vier Folgen sind unterschiedlich lang (die kürzeste 46, die längste 59 Minuten). Die einzelnen Teile enden jeweils abrupt, zwei davon mit einem Statement von Marios Götzes älterem Bruder Fabian (der eine Zeitlang ebenfalls Fußballprofi war), einer mit einer Einschätzung des „Welt“-Journalisten Uwe Müller.

Als Schlüsselfolge des Vierteilers kann die zweite gelten, weil sie relativ ausführlich Auskunft gibt über eine Stoffwechselerkrankung, die Götzes sportliche Entwicklung massiv behinderte. Diese Stoffwechselerkrankung wurde lange nicht als solche diagnostiziert und ein Problem bestand auch darin, dass der Betroffene selbst auf die Beschwerden falsch reagierte, indem er zu viel trainierte – was den Leidensdruck noch erhöhte. Götze habe an sich gezweifelt, weil er trotz intensiverer Trainingseinheiten schlechter wurde, von einer Depression könne aber keine Rede sein, sagt sein persönlicher Arzt Thierry Murrisch gegenüber Pause: „Leider wurde es in der Presse anders dargestellt.“

Nicht nur wegen seiner langwierigen Stoffwechselerkrankung, wegen der Götze 2017 rund ein halbes Jahr ausfiel, lässt sich sagen, dass es aktuell keinen anderen prominenten deutschen Fußballer gibt, der besser geeignet wäre, sich dokumentarisch mit ihm zu beschäftigen. So viele Rückschläge hat zuletzt kein anderer Profikicker erlebt: Götze, inzwischen 26, hat dreimal den falschen Trainer ‘erwischt’. Sowohl Pep Guardiola beim FC Bayern als auch Thomas Tuchel (auf ihn traf Götze nach seiner Rückkehr von München nach Dortmund) hatten bei weitem nicht so eine hohe Meinung von ihm wie Jürgen Klopp, Götzes erster Trainer im Erwachsenenbereich bei Borussia Dortmund. In der zweiten Hälfte der vergangenen Bundesliga-Saison hatte Götze es dort noch mit Interimstrainer Peter Stöger zu tun, bei dem er nicht ins Spielsystem passte. Stöger attackierte ihn sogar öffentlich.

Im Lauf der Saison 2017/18 ergaben sich weitere Probleme: Nach einem Bänderriss fiel Götze wieder lange aus. Nicht zuletzt hatte er auch damit zu kämpfen, in Dortmund Teil einer Mannschaft zu sein, die weit unter ihren Möglichkeiten blieb. Nicht gering verbreitet war zudem die Erwartungshaltung, dass jemand, der das entscheidende Tor in einem WM-Finale geschossen hat, etwas dazu beitragen müsse, dass die Dortmunder Elf wieder aus dem Tief herauskommt. Dass Götze ständig daran gemessen wird, dass er, als gerade mal 22-Jähriger, dieses Tor erzielt hat – das ist ohnehin ein maßgebliches Motiv in „Being Mario Götze“. Es ist offensichtlich, dass Aljoscha Pauses Vierteiler dem leidgeprüften Fußballer dazu dient, all seine Zwischentiefs aufzuarbeiten. Insofern ist es ärgerlich, dass der Autor diese Tatsache noch auswalzt, indem er Matthias Sammer, den früheren Sportdirektor des FC Bayern, und Götze selbst diesen Aspekt noch einmal hervorheben lässt. Sammer sagt, „Being Mario Götze“ könne für den Protagonisten „ein wichtiger Schritt zu sich selbst“ sein, und Götze spricht von „einer Chance, mich noch besser kennenzulernen“. Durch diese Überbetonung kann der Eindruck entstehen, der Filmemacher sei neben vielem anderen auch eine Art Dienstleister des Protagonisten.

Obwohl Aljoscha Pause hier insgesamt rund dreieinhalb Stunden Zeit hat – unvorstellbar bei einem Porträt über einen prominenten Sportler im linearen Fernsehen –, stellt sich ein ähnliches Problem wie bei kürzeren Dokumentationen: Pause greift auf zu viele Statements von Talking Heads zurück, deshalb hängt der Vierteiler hin und wieder etwas durch. Gleich zwei Spieler aus der deutschen Nationalmannschaft kommen zu Wort, zwei Journalisten (neben dem erwähnten „Welt“-Redakteur Uwe Müller noch ARD-Kommentator Tom Bartels), dazu mehrere Trainer sowie zahlreiche Personen aus dem privaten Umfeld. Ohnehin wäre, was die Privatperson Mario Götze angeht, das eine oder andere Detail verzichtbar gewesen. Dass er Meditation gleich zweimal in positiver Absicht als „Tool“ bezeichnet – herkömmliche Verfechter dieser Entspannungstechnik dürften das als kontraproduktiv empfinden –, sagt viel über ihn als Person aus. Dass Götze, wie er sagt, „mehrere Kinder“ haben möchte, muss man aber vielleicht nicht unbedingt wissen.

Eine große Stärke hat die Doku-Reihe allemal: Aljoscha Pause macht deutlich, dass das Bild, das sich die breite Öffentlichkeit von Mario Götze gemacht hat, in vielen Einzelheiten einer Korrektur bedarf. Insofern ist es wünschenswert, dass der Streaming-Anbieter DAZN auch künftig Projekte wie „Being Mario Götze“ möglich macht.

20.08.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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