Alexandra Hardorf: Dem Sterben zum Trotz – Übertherapie am Lebensende (ARD/Radio Bremen)

Das Kernübel des Gesundheitswesens

21.12.2021 •

Gewiss ist uns Menschen das Sterben. Doch nichts ist so ungewiss, wie die Umstände des Todes. Wie viele Faktoren dabei eine Rolle spielen, zeigt Alexandra Hardorf eindrucksvoll in der 45-minütigen ARD-Dokumentation „Dem Sterben zum Trotz – Übertherapie am Lebensende“, die von Radio Bremen für die Reihe „Die Story im Ersten“ produziert wurde. Inzwischen sind es immer häufiger nicht medizinische Diagnosen als vielmehr ökonomische Zwänge, die die letzten Tage eines Menschen bestimmen (können). Die Autorin kann in ihrem Film verständlicherweise nur Einzelfälle schildern. Aber diese zeigen anschaulich eine Problematik, die seit einigen Jahren immer krasser zutage tritt, verschärft nochmals, seit Corona die Herrschaft über die Intensivstationen übernommen hat.

Kernübel scheint der Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik zu sein, dem zufolge es heutzutage nicht mehr um den einzelnen Kranken, seine Therapie und (im besten Fall) seine Genesung geht, sondern um einen Vorgang, der per Computer eingeordnet, wobei es das Ziel ist, dass der Verbleib im Krankenhaus möglichst kurz ausfällt. „Verdichtung der ärztlichen Sorge“ nennt es im Film einer der Mediziner. Diese Verdichtung führe dazu, dass kaum mehr Zeit bleibe für vertrauensbildende Gespräche mit den Patienten, das System ermögliche nicht mehr die Geduld, um die Wirkung einer Therapie abzuwarten, sondern sei ausschließlich auf ökonomische Optimierung ausgerichtet. Die Geschäftsführung einer Klinik hat die Wirtschaftlichkeit als das ausschlaggebende Kriterium im Blick, medizinische Erwägungen dringen dadurch, so unglaublich das klingt, in den Hintergrund.

Besonders im letzten Jahr seines Lebens verursacht der Mensch für die Krankenkassen die höchsten Kosten, berichtet Alexandra Hardorf. Es ist ein Geschäft, das sich jährlich auf Milliarden von Euro beläuft. Diesen Markt haben inzwischen auch Großinvestoren für sich entdeckt und stecken Unmengen an Kapital in den Aufbau und die Übernahme von Kliniken und Pflegeeinrichtungen. An der Spitze der Hospitäler sitzen inzwischen ausgebildete Gesundheitsökonomen, die die Kliniken und Einrichtungen rentabel halten sollen.

Hardorf zeigt, dass statt Behutsamkeit und Fürsorge aufwändige und rentable Therapien angewandt werden, die medizinisch kaum noch vertretbar sind, aber eben ein gutes Geschäft versprechen. Es ist sicher ein extremer Einzelfall, wenn ein schwerkranker dementer Patient unter anderem an die Dialyse gehängt wird und eine Magensonde erhält. Sechs Jahre wird auf diese Weise der Vater nach Angaben des Sohnes, eines der Zeugen im Film, gegen seinen ausdrücklichen Willen „am Leben gehalten“. Besonders beliebt sind vor allem Beatmungstherapien, für die die Krankenkassen Unsummen bezahlen, deren Sinn sich aber nur selten erschließt.

In Deutschland sterben immer mehr Menschen an Apparaten – mittlerweile wird etwa jeder dritte Sterbende noch beatmet. Und das, obwohl Umfragen zufolge die allermeisten Menschen wünschen, zu Hause zu sterben. Die Anzahl der Patienten, die in der letzten Lebensphase noch operiert wurden, stiegen zwischen 2007 und 2015 um 21 Prozent, der Anschluss von Patienten an die Dialyse erhöhte sich um 30 Prozent und dauerhafte Luftröhrenschnitte gab es zu 16 Prozent mehr. „Eine Vielzahl dieser Behandlungen am Lebensende geschieht sogar gegen oder zumindest ohne den ausdrücklichen Willen der Menschen“, sagt der Palliativarzt Matthias Thöns im Gespräch mit der Autorin.

Der Betrachter fragt sich nach diesem Film, wie ein Gesundheitssystem entstehen konnte, das den Patienten derart aus dem Blick zu verlieren scheint und verheerenden Druck und größte Not bei den Kranken, Pflegekräften und Ärzten auslöst. Und auch die Angehörigen scheinen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dabei kennen die doch die Patienten aus ihrer Familie am besten und kennen in der Regel auch deren Wünsche für den letzten Lebensabschnitt. Doch es wird in den Kliniken häufig auch gegen den Willen der Angehörigen gehandelt. Deutlich wird bei alldem insbesondere, wie wichtig eine rechtssichere Patientenverfügung ist. Nur – wenn der darauf hingewiesene Oberarzt mit angeblich medizinischen Notwendigkeiten dagegenhält?

Es kann doch nicht sein, diesen Eindruck vermittelt der Film, dass eine im deutsch-niederländischen Grenzgebiet wohnende Familie im Notfall den niederländischen Rettungsdienst ruft, weil dadurch dann gesichert ist, dass der Patient nicht auf eine deutsche Intensivstation gelangt und verkabelt wird, sondern dass er stattdessen in eine niederländische Einrichtung gebracht wird, in der er in Würde sterben kann. Das Beispiel aus der Familie der Autorin zeigt eindrücklich, dass es im oft hochgelobten deutschen Gesundheitswesen für eine Therapie mehr Kriterien geben muss als die Grundforderung, dass sie möglichst gewinnbringend sein soll. In bestimmten Fällen könnte so etwas wie eine „liebevolle Unterlassung“ sogar medizinisch eher geboten sein.

Alexandra Hardorf traf Ärzte, Aussteiger und Informanten, Betroffene, Kritiker und Befürworter des deutschen Gesundheitssystems. Dabei gelingt es ihr in der Kürze des „Story“-Formats, die Strukturen offenzulegen, die dazu führen können, dass einzelne Menschen und ganze Familien leiden. Bei ihren Recherchen begegnete die Autorin aber auch Menschen, die ihr Tipps gaben, wie man sich etwa mittels einer Patientenverfügung oder einer Vollmacht gegen Entscheidungen der Ärzte im Ernstfall gut absichern kann. So zeigte der Film (den 1,45 Mio Zuschauer sahen), welche Dokumente wichtig sein können, worauf man im Krankenhaus achten sollte und was jeder Einzelne einfordern darf.

Der Beitrag „Dem Sterben zum Trotz“ war eine informative und bemerkenswert gute Dokumentation. Im Formalen gibt es freilich Abstriche festzustellen: Leider verfiel der Film in eine immer weiter verbreitete Marotte, bei der das gesprochene Wort zusätzlich mit Musik unterlegt wird. Das gaukelte dem Betrachter gelegentlich Spannung vor, obwohl schon die Bilder allein für Dramatik sorgten, das zerstörte die stimmungsvollen Bilder, die die Übergänge ausmachten, das erschwerte das Verständnis der klugen Texte. Nicht unbedingt leicht verständlich waren zudem die im Prinzip sicher sehr aufschlussreichen Statistiken. Sie wurden auf einen der Überwachungsmonitore eingeblendet, was das Lesen der Zahlen erschwerte. Weniger technische Spielerei wäre hier mehr gewesen. (Die Dokumentation steht noch bis zum 26. November 2022 in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.)

21.12.2021 – Martin Thull/MK

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