Alexander Bartsch/Claudia Euen/Anne-Sophie Jakubetz/Nadja Mönch/Mathias von der Heide/Christian Werner: Bautzen. 10‑teilige Dokumentationsreihe (Arte)

Eine Intensität, wie man sie sich häufiger wünschte

09.11.2020 •

Maria-und-Martha-Kirche zu Bautzen, eine Bürgerversammlung im Februar 2019. Vor dem Auditorium steht die parteilose Historikerin und Bloggern Annalena Schmidt, die für die Partei Bündnis 90/Die Grünen für den Stadtrat kandidiert. In ihrer Rede zitiert sie aus dem Grundgesetz: „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Wenige Augenblicke später brechen in Teilen des Publikums lautes Hohngelächter und Buhrufe aus und Schmidt wirkt angesichts dessen ziemlich verstört.

Diese Szene ist zu Beginn des dritten Teils der Dokumentationsreihe „Bautzen“ zu sehen. Unklar bleibt, ob die lauten Störer etwas gegen die Pressefreiheit haben oder ob sie der Meinung sind, dass Artikel 5 des Grundgesetzes in der Praxis nichts wert sei, weil es keine Pressefreiheit gebe. Man bekommt dank der heftigen Reaktionen aus dem Publikum aber einen Eindruck davon, warum Annalena Schmidt vielen in der Stadt als „Hexe“ gilt – wie sie selbst es später in dieser Doku-Reihe sarkastisch formulieren wird.

Bilder von der Versammlung in der Kirche hatten vorher schon zu einem nicht allzu vorteilhaften bundesweiten Bild der Stadt Bautzen beigetragen. Szenen der Veranstaltung waren zum Beispiel bei Arte in dem Film „Dem Rechtsruck auf der Spur. Eine Zeitung sucht Antworten“ zu sehen (Erstausstrahlung: 23. Mai 2019). Die im Rahmen der Reihe „Re:“ gesendete Reportage begleitete Redakteure der „Sächsischen Zeitung“ im Alltag, unter anderem bei der Arbeit in Bautzen. Obwohl wie „Bautzen“ ebenfalls eine vom ZDF fürs Arte-Programm zugelieferte Produktion, handelte es sich beim Beitrag „Dem Rechtsruck auf der Spur“ wohlgemerkt nicht um Vorarbeiten für die jetzige zehnteilige Reihe. Für „Dem Rechtsruck auf der Spur“ und „Bautzen“ zeichneten komplett unterschiedliche Teams verantwortlich.

Die Doku-Reihe „Bautzen“ beginnt im Wahlkampf für die erwähnten Stadtratswahlen im Frühjahr 2019 und endet mit der sächsischen Landtagswahl im September des Jahres. Die ersten fünf Folgen liefen auf dem Sendeplatz von „Re:“ (Montag bis Freitag, ab 19.40 Uhr), die zweite Hälfte der zehnteiligen Reihe gab es en bloc im Nachmittagsprogramm am „Tag der Deutschen Einheit“ zu sehen (ab 14.35 Uhr).

Im Vorspann der Arte-Reihe bezeichnen die Macher die Stadt Bautzen als „ein Beispiel für gesellschaftliche Konflikte in Europa, vor allem im ländlichen Raum“. So eine allgemein gehaltene Beschreibung ist nachvollziehbar, zumal man ja auch dem Publikum in Frankreich verständlich machen muss, warum man sich zehn Folgen à 30 Minuten anschauen soll. Tatsächlich gibt es in Bautzen – trotz aller Parallelen zu anderen Regionen, speziell Ostdeutschland – eine, gelinde gesagt, außergewöhnliche Gemengelage. Im Stadtrat gibt es mit der AfD, die dort zweitstärkste Kraft ist, nicht nur eine Rechtsaußen-Gruppierung, sondern mit dem „Bürger Bündnis Bautzen“ noch eine zweite. Der Bürgerbündnis-Fraktion – derzeit die drittstärkste – gehört der enorm einflussreiche Bautzener Bauunternehmer Jörg Drews an, der dem Arte-Filmteam in einer Folge den Zugang zu einem Richtfest verweigert. Drews’ Erläuterung der Maßnahme: Seine „Meinung“ zu Medien wie Arte sei ja „bekannt“. Grundsätzlich medienunfreundlich ist Drews aber nicht, jedenfalls finanziert er die Online-Plattform Ostsachsen TV mit. Deren Inhaber David Vandeven machte, wie in der Arte-Reihe zu sehen ist, Wahlkampf für das Bürgerbündnis.

In dem breiten Spektrum der Protagonisten ist Vandeven gewissermaßen der Gegenpol zu Annalena Schmidt (die übrigens, trotz Einzugs in den Stadtrat, kurz vor Beginn der linearen Ausstrahlung von „Bautzen“ aus der Stadt wegzog). Im vierten Teil „Medien und Meinung“ ist zu sehen, wie der Medienunternehmer einen Vertreter der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ interviewt. Vandeven duzt ihn. In einem Interview mit diversen Medienvertretern sagt der Mann vom Online-Fernsehen, er verstehe seine Tätigkeit nicht als journalistisch. Seine Maxime sei es, „unkritisch in ein Gespräch zu gehen“.

Viele Protagonisten der Dokumentation sind nicht nur in ihren Funktionen und ihren halbwegs öffentlichen Rollen zu sehen, sondern auch jenseits davon, im privaten Bereich. Man sieht das Journalisten-Ehepaar Ulli und Miriam Schönbach – er Chef der Bautzener Lokalredaktion der „Sächsischen Zeitung“ (Hauptsitz: Dresden), sie freie Journalistin – beim Abendessen mit Freunden, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Andrea Spee-Keller beim Yoga und den mit einem recht erratischen Weltbild aufwartenden Stadtführer Andreas Thronicker bei der Pflege seines schwerkranken Bruders.

Einen besonders tiefen Einblick bekommt der Zuschauer in die Familie Nancy Grohmanns: Sie arbeitet, gemeinsam mit geflüchteten Frauen, ehrenamtlich in einem selbstverwalteten Café. Die AfD ist für sie allein schon deshalb unwählbar, weil sie alleinerziehende Mutter ist und diese Klientel von dieser Partei nichts Gutes zu erwarten hat. Nancys Mutter kündigt dagegen an, die AfD wählen zu wollen – als „Denkanstoß“ für die anderen Parteien. Es scheint dennoch kein Zerwürfnis zu geben zwischen den beiden Frauen, jedenfalls erwecken die Bilder, die die „Bautzen“-Reihe zeigt, nicht diesen Eindruck.

Nancy könnte es sich als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern aber auch gar nicht leisten, es sich mit ihrer eigenen Mutter zu verkrachen, denn sie ist auf sie angewiesen. Nancys Tante ist noch härter drauf: In Deutschland gebe es schon genug Kriminelle, da brauche man nicht noch welche aus dem Ausland. Dabei ist in Bautzen der prozentuale Anteil von Migranten „lächerlich gering“, wie Andrea Spee-Keller, die Gleichstellungsbeauftragte, sagt.

Am Ende der zehnten Folge von „Bautzen“ sagt Maxi Hoke, die ein soziales Projekt in einem benachteiligten Bautzener Stadtteil betreut, sie sei genervt davon, „mit Leuten zu arbeiten, die immer nur rumjammern, wie schlecht alles ist, aber nicht in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“. Hat die Unzufriedenheit mancher Bautzener möglicherweise damit zu tun, dass sie auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR noch nicht verstanden haben, dass eine Demokratie andere Anforderungen mit sich bringt als ein totalitäres System?

Die sechs Autoren der Reihe (Produktion: Taglicht Media und Yellow Table) erweisen sich als beobachtende Dokumentaristen. Sie kommentieren durch die Auswahl der Bilder – aber nicht verbal. Ihnen ist ein (nicht immer im positiven Sinne) faszinierendes Stadtgesellschaftsporträt gelungen und man wünschte sich, dass Fernsehsender Filmemachern öfter die Zeit gäben, sich derart intensiv mit einer Region zu beschäftigen.

Um es mal zu einer provokativen These zuzuspitzen: Möglicherweise sind zehn Filme zu einem einzigen Thema ergiebiger als zehn Einzelfilme zu verschiedenen Themen. Gewiss, Produktionen wie „Bautzen“ sind produktionstechnisch aufwendig und damit auch teuer. Angesichts zu vieler Dokumentationen und Reportagen mit guten Ansätzen, die unter anderem aufgrund der Kürze der Sendungen nur ein unterkomplexes Ergebnis hervorbringen, ist „Bautzen“ aber ein weiteres Argument dafür, die Senderbudgets zugunsten von Mehrteilern umzuschichten. Mit den Vierteilern „Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte“ (vgl. diese MK-Kritik) und „Afghanistan. Das verwundete Land“ (vgl. MK-Heft Nr. 9/20) hat Arte dafür in diesem Jahr ja bereits weitere eindrucksvolle Argumente geliefert.

09.11.2020 – René Martens/MK

Die einzelnen Folgen der Dokumentationsreihe Bautzen hatten folgende Titel: 1) „Der Konflikt“, 2) „Parteien und Menschen“, 3) „Reden und Streiten“, 4) „Medien und Meinung“, 5) „Heimat und Zuhause“, 6) „Die Kommunalwahl“, 7) „Die Stadt sortiert sich neu“, 8) „Einheimische und Fremde“, 9) „Identität und Geschichte“, 10) „Die Landtagswahl“.

In der Arte-Mediathek sind alle Folgen von Bautzen weiterhn abrufbar. Eingestellt wurden sie folgendermaßen: Folge 1: abrufbar seit Sa 29.8.20 Folge 2: abrufbar seit So 30.8.20 Folge 3: abrufbar seit Mo 31.8.20 Folgen 4 bis 10: abrufbar seit Di 1.9.20

09.11.2020 – MK

` `