Agnes Pluch/Umut Dağ: Am Anschlag – Die Macht der Kränkung. 6‑teilige Serie (ZDFneo)

Zentrum der geballten Frustrationen

16.09.2021 •

Mitunter ergeben sich im Bereich der Programmgestaltung seltsame Koinzidenzen. Ein aktuelles Beispiel: Im Juli und August zeigte Arte die zehnteilige dänische Serie „Wenn die Stille eintritt“. Deren Autorinnen Dorte Warnøe Høgh und Ida Maria Rydén erzählen dabei vier Episoden lang aus dem Leben unterschiedlicher Figuren, deren Wege sich in der fünften Folge mehr oder minder zufällig in einem Restaurant kreuzen, auf das in diesem Moment ein Anschlag verübt wird. In den nächsten fünf Folgen wird der Faden weitergesponnen, werden Trauer und Traumata, aber auch die Suche nach den Attentätern thematisiert – inhaltlich wie inszenatorisch eine Serienproduktion auf höchstem Niveau.

Der vom österreichischen Regisseur Umut Dağ inszenierte, im August bei ZDFneo zu sehende Sechsteiler „Am Anschlag – Die Macht der Kränkung“ (Produktion: Tivoli Film und Mona Film) basiert auf einer sehr verwandten Ausgangsidee. In dieser Serie, die in Wien und Linz gedreht wurde, läuft das Geschehen auf einen Amoklauf zu. Ereignen wird er sich in einem Einkaufs- und Bürozentrum namens „Sunshine City“. Im Unterschied zur dänischen Produktion sind fast alle Hauptfiguren – meist beruflich – bereits mit diesem Schauplatz verbunden. Dort tätig ist der Wachmann Georg (Murathan Muslu), privat verbunden mit Eva (Antje Traue), die bei einem Unfall erblindet ist, sich hilflos, eingesperrt und an Georg gefesselt fühlt. Ohne dieses Unglück wäre sie vielleicht schon gar nicht mehr mit Georg liiert.

Mira (Julia Koschitz) arbeitet in dem Gebäudekomplex in den Büros einer Rückversicherung. Mit viel Geschäftssinn entwickelt sie neue Produkte. Anerkennung und Prämien aber kassiert ihr Vorgesetzter Richard (Anian Zollner), mit dem sie als außereheliche Geliebte eine Affäre hat. Mira möchte endlich den ihr zustehenden Rang in der Firmenhierarchie, wird aber einmal mehr von Richard ausgebootet. Zu ihrer Mutter Ingeborg (Ulrike Willenbacher), deren Mann verstorben ist, hat Mira ein problematisches Verhältnis.

Die geschiedene Ärztin Sarah (Johanna Wokalek) hat sich mit ihrer Praxis finanziell übernommen. Sie zerreißt sich zwischen der Arbeit, dem Krisenmanagement und den Pflichten als zweifache Mutter, wird vom Ex-Mann unter Druck gesetzt, der zudem den ihr zustehenden Unterhalt zurückhält. Eine Stütze ist ihr der Praxisassistent Oliver (Daniel Langbein), der seinerseits für Komplikationen sorgt, weil er für seine Chefin ernsthafte, aber unerwiderte Gefühle hegt.

In einer Kaffeebar auf der Ladenebene der „Sunshine City“ arbeitet der 19-jährige Lorenz (Jonas Holdenrieder). Sein Chef hält große Stücke auf ihn. Bis er durch den ungeschickten Vater von Lorenz erfährt, dass der Junge eine kriminelle Vergangenheit hat. Im Lauf der Geschichte kommt Lorenz der Friseurin Saschi (Lea Zoë Voss) näher, die im Salon genau gegenüber arbeitet. Anfangs trifft sie sich gelegentlich auf ein Tête-à-Tête mit dem Wachmann Mario (Paul Wollin), gibt dem aber bald den Laufpass und weckt damit dessen Rachlust.

Zu diesen zentralen Charakteren gesellen sich Figuren aus dem jeweiligen Umfeld, geschiedene Ehepartner, Kinder, Eltern, Nachbarinnen, Mitarbeiter. Gleich zu Beginn und auch innerhalb der Episoden (jeweils rund 45 Minuten) wird durch eingeschnittene kurze Bildfolgen vorweggenommen, dass eine Gewalttat bevorsteht. Spannung rührt aus den Fragen, welche der Personen die Tat begehen, wer zum Opfer werden wird. Denn alle erleben im Verlauf der Geschichte schwere Demütigungen – das Sachbuch „Die Macht der Kränkung“ des österreichischen Psychotherapeuten und Gerichtsgutachters Reinhard Haller diente, wie im Abspann angegeben wird, der Drehbuchautorin Agnes Pluch als Inspiration für die im Auftrag von ZDF und Österreichischem Rundfunk (ORF) produzierte Serie.

Das Drehbuch folgt also einem vorgefertigten Konzept und das zeigt sich leider im Ergebnis. Arg schematisch wirken die Anstrengungen, allen Figuren schwerwiegende Kränkungen und Frustrationen zuzuschreiben, sie alle in diesem architektonischen Komplex aus Läden, Flaniermeile und Büroetagen zusammenzuführen. Diese spielbrettartige Ballung wirkt unglaubwürdig, die Absicht ist allzu offensichtlich.

Hinzu kommt, dass nicht alle hier ausgebreiteten Lebensläufe vollends durchdacht wurden. Wachmann Georg zum Beispiel soll, so wird es mehrfach angesprochen, zehn Jahre lang im Tross der Band Rammstein unterwegs gewesen sein. Nach dem Unfall Evas hat er diesem Leben entsagt, um finanziell für sie sorgen zu können, was ihm nur unzureichend gelingt. In diesem biografischen Entwurf passt vieles nicht zusammen. Eine Band in der Größenordnung von Rammstein ist nicht ununterbrochen auf Tour. Oft gibt es jahrelange Pausen. Was hat Georg in dieser Zwischenzeit gemacht? In den Dialogen wird er als „Roadie“ bezeichnet, ein in der Branche längst nicht mehr gebräuchlicher Terminus. Das Tour-Personal besteht heutigentags aus ausgebildeten Veranstaltungstechnikern. Am Auftrittsort werden für den Auf- und Abbau sogenannte „Stagehands“ angeheuert. Örtliche Hilfskräfte, die nicht mit der Band auf Reisen sind.

In der Figur Georgs zeigt sich exemplarisch, wie nachlässig oder aber allzu kalkulierend hier mit Biografien und Charaktereigenschaften umgegangen wurde. Wenn Georg zehn Jahre zum technischen Stab von Rammstein gehörte, wäre er eine hochqualifizierte Fachkraft und hätte keinen Grund, sich unter Wert als Wachmann zu verdingen. Und damit eigentlich auch keinen Anlass, sich – in der Serie ein entscheidendes Detail – mit gesundheitsgefährdenden Anabolika aufzupumpen. Bei anderen Protagonisten finden sich vergleichbare Schwächen.

Seltsam mutet auch an, dass ersten fünf Folgen jeweils mit dem Namen einer der Hauptfiguren überschrieben wurden („Georg“, „Mira“, „Sarah“, „Ingeborg“, „Lorenz“). Es wird dann aber mitnichten jeweils aus deren Perspektive erzählt, sondern mehrsträngig, so dass die Herausstellung einer Person im Episodentitel keinerlei Sinn ergibt. Und: Viele der Konflikte, die als Motive für die in der letzten Folge gezeigte Gewalttat eingeführt werden, entstammen dem Baukasten des Reihenkrimis. Die Verwendung solcher Versatzstücke ist nicht verwerflich; von einem als Fernsehereignis gedachten Programmbeitrag darf man freilich etwas mehr und vor allem eine gehaltvollere Aufbereitung erwarten.

Eine wesentliche Abweichung noch gegenüber der oben genannten dänischen Produktion „Wenn die Stille eintritt“: In „Am Anschlag – Die Macht der Kränkung“ ereignet sich der Amoklauf im Finale (Folge 6: „Tag X“) und wirkt auf einige Figuren kathartisch. Die Däninnen Dorte Warnøe Høgh und Ida Maria Rydén machten es sich weniger einfach. Sie blickten über die Gewalttat hinaus, zeigten sehr subtil, intensiv und verständnisvoll auf, wie unterschiedlich die Menschen auf eine solche traumatisierende Erfahrung reagieren.

16.09.2021 – Harald Keller/MK

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