Agnes Lisa Wegner: König Bansah und seine Tochter (ZDF)

Wanderer zwischen zwei Welten

23.04.2021 •

Céphas Bansah wurde 1948 im westafrikanischen Staat Ghana geboren. Als 22-Jähriger kam er nach Deutschland, absolvierte eine Lehre als Kfz-Mechaniker, bestand die Meisterprüfung und eröffnete 1983 seine eigene Werkstadt in Ludwigshafen. Ganz nebenbei wurde der Amateurboxer Bezirksmeister im Fliegengewicht. Das klingt nicht weiter spektakulär. Doch 1992 wurde Bansah zum König gekrönt. Seither ist der meist lächelnde, gut gelaunte Mann Oberhaupt der etwa 200.000 Menschen umfassenden Ethnie der Hohoe Gbi, die zum Volksstamm der Ewe im Osten Ghanas zählt.

Selbst das wäre vielleicht nicht allzu ungewöhnlich. Einigermaßen skurril erscheint allerdings die Tatsache, dass Céphas Bansah bis heute in Ludwigshafen Autos repariert. Sein kleines Volk in Afrika regiert er nach Feierabend. Per Fax und Telefon. Agnes Lisa Wegner hat diesen liebenswürdigen Exil-Monarchen porträtiert. Ihr Dokumentarfilm „König Bansah und seine Tochter“, eine Produktion der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“, wurde am 19. März anlässlich des „Internationalen Tags gegen Rassismus“ (21. März) spät nachts im ZDF-Hauptprogramm ausgestrahlt. Der 85-minütige Film gliedert sich in zwei Teile. Zunächst blickt die Filmemacherin dem quirligen Afrikaner und seiner rund 40-jährigen Tochter, die in Ludwigshafen geboren wurde, bei der Arbeit über die Schulter. Im zweiten Teil begleitet Wegner den König mit seiner deutschen Ehefrau und ihrer Tochter in seine frühere Heimat nach Ghana.

Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten macht den Reiz dieses Films aus. So erweist sich der mit einem Hauch pfälzischer Mundart redende Bansah als glühender Lokalpatriot. Er sagt seit langem, Ludwigshafen ist „meine Heimat“ und fügt humorvoll hinzu: „Ich bin ein alter Kurpfälzer.“ Archivaufnahmen zu Beginn zeigen den König, wie er im goldglänzenden Ornat an der Seite einer Weinkönigin posiert und auf einem Trike-Motorrad durch den Ort gefahren wird, der ihn anlässlich eines Weinfestes eingeladen hat. Der Exil-König hat kein Problem damit, sich mit augenzwinkernder Selbstironie als afrikanischer Exot zu gerieren.

Umso extremer ist der Gegensatz zu den Bildern in Ghana. Gezeigt wird beispielsweise, wie dringend notwendig das Bohren von Brunnen für die Trinkwasserversorgung ist. Bansah führt das Kamerateam zu einem brackigen Tümpel. Das verschmutzte Wasser aus dieser Quelle führt zu allerlei Krankheiten, darunter Wurmbefall, der bei den Betroffenen teilweise mit bloßem Auge zu erkennen ist. Obwohl die Mittel des Automechanikers vergleichsweise bescheiden sind, schiebt Bansah in seiner Heimat eine Reihe von Entwicklungshilfe-Projekten an. Besonders stolz ist er auf den Bau einer Brücke über einen reißenden Bach, bei dessen Durchquerung, so erzählt er, zuvor Kinder von Krokodilen gefressen worden seien.

Mit eher gemischten Gefühlen betrachtet man jene Szenen, in denen der König eine Audienz gibt. Dabei erweisen sich die Menschen seines Volkes als Bittsteller. Anwesende wünschen sich Kühlschränke, elektrische Apparate oder Schulgeld für den Nachwuchs. Auch bei der späteren Beilegung einer Fehde mit einem anderen Stamm greift der Monarch in die Tasche. Der Übergang zwischen Mildtätigkeit und Korruption verläuft offenbar fließend. Der Film schaut hin, gewiss. Doch was genau hier geschieht und warum die Ghanaer nicht aus eigener Kraft Brücken bauen und Brunnen bohren – darüber hätte man gerne mehr gewusst.

Der Film richtet den Fokus auch auf andere Themen. So spricht Bansah vor der Kamera mehrmals mit seiner Tochter Kathrin. Dabei geht es unter anderem um die Hautfarbe und die damit zusammenhängende kulturelle Identität. Das heißt, sie wird auf der Straße in Ghana als Exotin beäugt und zuweilen als Weiße angesprochen. Im Gegensatz zum Alltag in Ghana gebe es in Deutschland einen Rassismus, der seit der Flüchtlingskrise noch zugenommen habe, erzählt sie, in Deutschland werde sie häufig wegen ihres Aussehens von oben bis unten kritisch beäugt.

Diese Thematik ist überaus relevant. Denn die Debatte über Rassismus ist wichtig und sie muss immer wieder geführt werden. In einigen Momenten des Films aber erscheinen die Gespräche zwischen Vater und Tochter ein wenig forciert. Belehrungen über alltäglichen Rassismus in Deutschland werden gleichsam mit erhobenem Zeigefinger vermittelt. In solchen Momenten verliert der Blick auf König Bansah und seine Tochter, eigentlich zwei wunderbare Protagonisten, etwas von der Magie, die ihm auch zu eigen ist. Das Thema eines vorbildlich integrierten Migranten, der als Wanderer zwischen zwei Welten die strukturellen Defizite seines Heimatlandes zu verbessern versucht, ist eigentlich sensationell. Dass dieser afrikanische König unterdessen auch eine Karriere hinlegte als Schlagerstar, der Tonträger verkaufte und im „ZDF-Fernsehgarten“ auftrat, wird zwar nicht ganz verschwiegen, doch dieser Aspekt in Bansahs schillernder Biografie passt offenbar nicht so richtig ins Narrativ dieses Beitrags und bleibt daher unterbelichtet. Und so erweist sich „König Bansah und seine Tochter“ (Kurhaus Production) als sehenswerter Dokumentarfilm mit allerdings gewissen Unschärfen. (Der Film steht in der ZDF-Mediathek weiterhin zum Abruf bereit.)

23.04.2021 – Manfred Riepe/MK

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