Ab ins Kloster! – Rosenkranz statt Randale. 4‑teilige Doku-Soap-Reihe (Kabel 1)

Das Selbstbewusstsein der Ordensfrauen

27.04.2019 •

Auf diese Idee muss man erst einmal kommen: „Weihrauch statt Zigaretten, Bibel statt Smartphone, Rosenkranz statt Randale – hier steht die Welt kopf! Vier junge Menschen lassen sich auf ein Experiment ein und finden sich prompt vor den heiligen Mauern eines Klosters wieder.“ So steht’s in der Programmankündigung des Privatsenders Kabel 1 zu seiner neuen Doku-Soap-Reihe „Ab ins Kloster! – Rosenkranz statt Randale“. Für einige Tage sollen die Jugendlichen Party, Alkohol und Social-Media-Kontakte aufgeben, um sich „auf die wesentlichen Dinge im Leben“ zu besinnen. „Wer schafft es, sich den strengen Ordensregeln anzupassen und wer scheitert an der täglichen neuartigen Herausforderung?“, so heißt es weiter im Ankündigungstext von Kabel 1.

Ist das jetzt die etwas andere Art, Klosterleben transparent zu machen? Dokumentationen zu dieser Thematik gibt es reichlich. Hier aber hatte die Berliner Produktionsfirma Imago TV die Idee zu einer Doku-Soap für einen Sender, der, was non-fiktionale Formate angeht, eher dem Trash-TV zugerechnet wird. Um Konfrontation soll es jedenfalls gehen in „Ab ins Kloster!“. In Folge 1 heißt das: Auf der einen Seite die „Franziskanerinnen vom Göttlichen Herzen Jesu“ in Gengenbach im Schwarzwald als Gastgeberinnen für auf der anderen Seite vier junge Frauen, die (angeblich) einen Sinn im Leben suchen. Deren Leben bestand bis zu dem Klosterexperiment aus Party und Faulenzen, Shoppen und Smartphone-Nutzung. In acht Tagen sollen sie die Klosterregeln kennenlernen und ihnen folgen mit dem Ziel, eine Basis für ihr weiteres Leben zu finden. So die Versuchsanordnung.

Nun kann man sich fragen: Was bewegt eine religiöse Schwesterngemeinschaft, die sichtbar überaltert ist, zur Einwilligung zu einem solchen TV-Experiment mit jungen Menschen, 17, 18 Jahre alt, die schon von ihrer äußerlichen Erscheinung her recht abgefahren wirken? Guter Wille allein reicht da vielleicht nicht aus, eine gewisse Professionalität im Umgang mit Kamera und Mikrofon wäre eigentlich eine wichtige Voraussetzung; umgekehrt schadet nicht eine gewisse Neugier gegenüber Menschen, die in einer völlig anderen Welt leben als sie selbst. Um es vorweg zu sagen: Die Ordensfrauen zeigten wohltuend selbstbewusst ihre Sicht der Welt, stellten pädagogisch sinnvolle Regeln auf, setzten sie auch durch und ließen sich keinerlei Kamerascheu anmerken. Und es ließ sich feststellen: Nicht die Ordensfrauen waren die Naiven, sondern die jungen Gäste.

Die Firma Imago TV schreibt über sich, sie zeige in ihren Produktionen „Menschen und Geschichten, die berühren, unterhalten und informieren.“ In diese Kategorie fällt dann auch der Vierteiler „Ab ins Kloster! – Rosenkranz statt Randale“, dessen Auftakt das „Experiment“ in Gengenbach bildete. Die Teenies Emma, Vivien, Alessia und Emmy hatten sich verpflichtet, für eine Woche ins Klosterleben einzutauchen. Sie werden dazu, jede einzeln, von einem Fahrdienst abgeholt. Was das Ziel ihrer Fahrt ist, erfährt jede der jungen Frauen erst, wenn sie vor dem „Mutterhaus der Franziskanerinnen vom Göttlichen Herzen Jesu“ abgesetzt wird. „Mutterhaus? Ich bin doch nicht schwanger!“, ist die spontane Reaktion einer Teilnehmerin. Alle vier hatten zuvor im verschlossenen Umschlag nur diese Information zu dem Experiment vorab erhalten: „1. Hier wird es dir an nichts fehlen. 2. Gemeinsam unvergessliche Momente erleben. 3. Hier kannst du sein, wie du wirklich bist.“

„Glücklich bin ich beim Shoppen“ steht also gegen „Nächstenliebe in Respekt.“ Zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten prallen aufeinander. Wenn man so will, ist es das Dschungelcamp, ist es „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (RTL) auf andere Art. „Ab ins Kloster!“ klingt denn auch ähnlich befehlshaft wie „Holt mich hier raus!“ Nur müssen hier nicht eklige Geschmacksprüfungen abgelegt werden, sondern es geht schlicht darum, ein wenig Ordnung im Leben zu erfahren. Als es daran geht, im Klostergarten Birnen zu ernten, meint Emmy, sie könne doch nicht in ihren teuren Klamotten in der Erde wühlen. Dann erfährt sie, dass Birnen auf Bäumen wachsen, nicht wie Kartoffeln unter der Erde. „Ja?“, sagt sie, „ich kaufe Birnen im Supermarkt.“

Aber nicht nur die Schwestern und Mädels starten von unterschiedlichen Punkten. Auch die vier Mädchen selbst haben jeweils eine sehr unterschiedliche Herkunft. „Ich habe eine eigene Wohnung, kaufe alleine ein, mache sauber und meine Wäsche. Du lebst von deiner Mutter, die für dich kocht und wäscht“, so eine der Teilnehmerinnen zu einer anderen. Abgebrochene Schule, arbeitslos, der Traum von der Modelkarriere oder 25.000 Abonnenten auf Instagram – die vier Probandinnen kommen aus extremen Welten. Den jungen Frauen gemein ist eine blasiert daherkommende kultivierte Oberflächlichkeit.

Die Schwestern haben sich vorbereitet, von zweien erfahren die Zuschauer, dass sie ausgebildete Erzieherinnen sind. Sie stellen die Hausregeln vor, aber diskutieren sie nicht. Sie sammeln die Handys ein für 24 Stunden, widerstrebend willigen die Mädchen ein. Pünktlichkeit wird gefordert, Verantwortung soll übernommen, Verlässlichkeit eingeübt werden. „Etwas leisten, um nach vorne zu kommen“, das ist die Forderung, die die Schwestern stellen. Es fällt auf, dass sie, obwohl sie zwei- oder gar dreimal so alt sind wie ihre Gäste, beim respektvollen „Sie“ bleiben. Die Teilnahme am Gottesdienst ist nicht so wichtig, stattdessen werden an den letzten der acht Tage Vivien und Emma den Frühstückstisch decken, immerhin. Im Lauf der Tage entwickelt sich zwischen diesen beiden „Überlebenden“ und den Schwestern eine Basis, auf der sie sich verständigen können.

Alessia und Emmy dagegen haben nach drei Tagen aufgegeben. Sie fühlten sich gegängelt, hielten sich nicht an die gemeinsam getroffenen Absprachen und konnten dem festen Tagesablauf und den Beschäftigungen tagsüber nichts abgewinnen. Kerzen anmalen oder Kleiderspenden für Flüchtlinge sortieren – darin sehen sie keinen Sinn. Dass die Schwester dies eher als den übergeordneten Zweck sehen, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, haben sie nicht verstanden. Den beiden fehlte zudem die Anerkennung, wie sie sie sonst durch die Reaktionen auf ihre Instagram- oder Twitter-Einträge erhalten. Den Schwestern ist in ihren internen Besprechungen anzumerken, wie fremd ihnen diese Lebenseinstellung ist. Dennoch versuchen sie in Einzelgesprächen, eine gewisse Vertrautheit herzustellen.

Bei Emma und Vivien gelingt dies dem Anschein nach. Und der Zuschauer kann im Lauf der rund zwei Stunden Sendezeit – unterbrochen von zahlreichen Werbeblocks – auch an der Physiognomie dieser beiden jungen Klostergäste feststellen, dass nach dem anfänglich als Stress empfundenen Aufenthalt in der mehr als ungewohnten Umgebung eine gewisse Entspanntheit eintritt. Dazu mag beigetragen haben, dass es den Schwestern gelang, bei Emma deren soziale Ader zu wecken und bei Vivien deren künstlerische Seite zum Klingen zu bringen. Der Zuschauer gewinnt hier den Eindruck: Zum ersten Mal in ihrem Leben erfahren die beiden Mädchen Zuneigung, sitzen sie einem Menschen gegenüber, der ihnen aufmerksam zuhört, sie ernst nimmt und sich auf die Ansichten der jungen Frauen einlässt. Für alle Beteiligten ist es eine emotionale Achterbahnfahrt.

Im anschließenden „K1 Magazin“ (22.20 bis 23.30 Uhr) wird dieser Eindruck bestätigt. Ein Team dieser Sendung besucht die beiden Mädchen drei Monate nach dem Klosteraufenthalt: Vivien hat sich entschlossen, einen höheren Schulabschluss in der Abendschule nachzuholen und sie hat einen Workshop mitgemacht, der sie auf dem Weg zu der von ihr ersehnten Model-Laufbahn weiterbringen soll. Emma besucht ehrenamtlich eine Tagespflege für Senioren, um mit den alten Menschen ein paar Stunden zu verbringen. Zum Entschluss zu diesen Aktivitäten mag der Aufenthalt bei den Schwestern beigetragen haben.

Das Vorhaben, dass die Mädchen das Kloster um die Weihnachtstage nochmals besuchen, hat sich zerschlagen. In einem Interview mit katholisch.de Ende März erklärte Schwester Michaela, die Generaloberin des Klosters in Gengenbach, dass die Ordensfrauen eine solche TV-Produktion nicht erneut mitmachen würden. „Da sind Konflikte vorprogrammiert und vielleicht sogar einkalkuliert. Und dafür wollten wir eigentlich keine Plattform bieten. Wir haben dann viel Energie in das Projekt gesteckt und uns auf ein großes Abenteuer eingelassen.“ Das Thema Kirche im Privatfernsehen, das ist nicht neu. Kirche im Trash-TV, das ist neu. Man kann ein solches Experiment mitmachen, wenn man sich des Risikos bewusst ist, dass man sich dabei auch lächerlich machen könnte. Die Schwestern in Gengenbach haben souverän alle Klippen umfahren. Das verdient Respekt.

In der zweiten Folge von „Ab ins Kloster!“ gab es am 4. April dann die männliche Variante mit den vier Jungs Dennis, Adonis, Jonny und Kenan in der Benediktiner-Abtei Ottobeuren. Sie ähnelte vom Strickmuster her stark der ersten Folge. Junge Männer ohne Lebensplan, nur Vergnügen im Sinn, sollten nun lernen, sich in eine Klosterordnung einzufügen. Zunächst sprachlos folgten sie den Vorschlägen von Pater Christoph-Maria und gaben beispielsweise für die ganze Woche ihre Handys ab. Die jungen Frauen hatten den Verzicht auf 24 Stunden runtergehandelt. Kenan allerdings verschwieg, dass er ein zweites Smartphone mitgenommen hatte, und nutzte es in der freien Zeit. Das wiederum empfanden die anderen Gruppenmitglieder als ungerecht. Da Kenan gegen das gegenseitige Versprechen zur Ehrlichkeit verstieß und sich auch an andere Regeln nicht hielt, verließ er das Experiment vorzeitig. Die anderen drei Jungs empfanden die Tage mit den Mönchen als bereichernd, so jedenfalls ihre Aussagen vor der Kamera bei der Abreise. Und auch die befragten Benediktiner sahen es so, dass ihnen die Woche mit den jungen Gästen wichtige neue Erfahrungen gebracht habe.

Am 11. April waren in Folge 3 dann wieder vier Mädchen an der Reihe; Gabriela, Jasmin, Maria und Sophia gingen ins Karmel-Kloster in Linz (Oberösterreich). Und am 18. April gab es die vierte und letzte Folge mit Jessica-Jill, Michelle, Anna und Mareike im Zisterzienserinnen-Kloster Marienkron in Mönchhof im Burgenland.

27.04.2019 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

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